Flüchtlinge Willkommenskultur, das war einmal

Die Zahl der Neuankömmlinge in Deutschland ist zurückgegangen, doch die Flüchtlingskrise wirkt nach: Im Osten sind Asylsuchende bei vielen nicht willkommen, im Westen ist es mittlerweile ähnlich. Es gibt aber Ausnahmen.

Berlin bemühte sich, im Hebst 2015 Flüchtlinge zu registrieren
REUTERS

Berlin bemühte sich, im Hebst 2015 Flüchtlinge zu registrieren


Im Herbst 2015 wurde sie bekannt und vielfach gerühmt, 2016 machten Rechtspopulisten und Ausländerfeinde sie zum Schimpfwort: die Willkommenskultur.

Das Wort beschrieb, wie Deutschland 2015 für begrenzte Zeit für Hunderttausende Schutzsuchende aus Syrien und anderen Krisenregionen der Welt die Grenzen öffnete - und wie sich Behörden und ehrenamtliche Helfer bemühten, den Flüchtlingen die Ankunft erträglich zu gestalten.

Willkommen in München: Polizist mit Flüchtlingskind am Hauptbahnhof
AFP

Willkommen in München: Polizist mit Flüchtlingskind am Hauptbahnhof

Nun haben Meinungsforscher des Bielefelder Instituts Kantar Emnid im Auftrag der Bertelsmann Stiftung gefragt, wie es im Jahr 2017 um die Willkommenskultur steht. Von staatlicher Seite ist sie stabil, meinen die Befragten. Rund drei Viertel von ihnen denken, dass sowohl Einwanderer als auch Flüchtlinge den Ämtern und Behörden "sehr" oder "eher willkommen" sind.

Die Befragten machten indes einen klaren Unterschied zwischen Menschen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen, und Menschen, die zum Lernen oder Arbeiten nach Deutschland kommen: Flüchtlinge sind nur bei 59 Prozent "sehr" oder "eher willkommen", Einwanderer hingegen bei 70 Prozent.

Westdeutschland: Willkommen ja, mehr aufnehmen nein

Große Differenzen erkennen die Meinungsforscher zwischen alten und neuen Bundesländern: Unter den Westdeutschen sagten zwei Drittel, Flüchtlinge seien bei den Menschen vor Ort willkommen ("sehr" und "eher"). Unter den Ostdeutschen hingegen antwortete die Mehrzahl (57 Prozent), Flüchtlinge seien nicht willkommen ("eher" oder "sehr unwillkommen"). Ein Drittel in den neuen Bundesländern sieht das anders und schätzt das Meinungsklima positiv ein ("sehr" oder "eher willkommen").

Stark geändert hat sich im Vergleich zwischen 2015 und 2017 bundesweit die Einstellung zur Belastbarkeit Deutschlands: Im Januar 2015 fand noch jeder zweite Deutsche (51 Prozent), das Land könnte und sollte mehr Flüchtlinge aus humanitären Gründen aufnehmen. 40 Prozent sahen schon damals die Belastungsgrenze erreicht.

Dann stiegen die Flüchtlingszahlen im Verlauf des Jahres 2015 deutlich an. In der zweiten Jahreshälfte wurden in Deutschland mehr als 600.000 neue Asylanträge erfasst, Bundeskanzlerin Angela Merkel prägte ihren berühmten Satz: "Wir schaffen das." In der Bevölkerung aber änderte sich die positive Grundhaltung, als notleidende Menschen in größerer Zahl ins Land kamen.

Obwohl die Zahl neu gestellter Asylanträge seit Frühjahr 2016 bei rund 16.000 im Monat stagniert, wirken offenbar die Zahlen aus dem Vorjahr nach. 54 Prozent erklären jetzt: "Deutschland kann nicht mehr Flüchtlinge aufnehmen." Nur noch 37 Prozent sind der Ansicht, man könne und solle mehr Schutzsuchende ins Land lassen.

Eine Ausnahme sind Jugendliche und junge Erwachsene: Unter ihnen ist auch heute noch eine knappe Mehrheit für mehr humanitäre Hilfe. Abgestürzt ist die Hilfsbereitschaft bei den Älteren: Nur noch 29 Prozent (2015: 53 Prozent) finden, Deutschland sollte mehr Flüchtlinge ins Land lassen.

Bei der Aufnahmebereitschaft hat sich das Meinungsklima in Westdeutschland im Vergleich zu 2015 deutlich stärker verschlechtert als in Ostdeutschland. Die Ablehnung nahm in den alten Bundesländern um 17 Prozentpunkte zu, in den neuen um sieben Punkte. Damit ist der Westen in der negativen Einschätzung der Belastbarkeit mit dem Osten gleichgezogen und hat die neuen Länder bei der Aussage "Deutschland kann nicht mehr Flüchtlinge aufnehmen" sogar überholt.

Kanzlerin Merkel empfängt an diesem Freitag ehrenamtliche Flüchtlingshelfer im Kanzleramt, um diesen für ihr Engagement zu danken.


Methodik: Die Studie erstellte das Bielefelder Meinungsforschungsinstitut Kantar Emnid im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Dafür wurden im Januar 2015 und im Januar 2017 Deutsche ab 14 Jahren repräsentativ befragt.

cht



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