Flüchtlinge in Deutschland Zum Nichtstun verdammt

Sie führen ein Leben in Ungewissheit - und das oft jahrelang: Die Fotografin Stefanie Zofia Schulz hat über mehrere Monate Flüchtlinge in einer Aufnahmestelle im Saarland begleitet. Porträts von Menschen, die warten.

Geduldete Flüchtlinge: Langeweile in Lebach
Stefanie Schulz

Geduldete Flüchtlinge: Langeweile in Lebach

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Irgendwann ist Lendita auch ihre geliebte Ordnung egal. Der Stuhl, auf dem die 33-Jährige sitzt, steht wackelig auf einer am Boden liegenden Matratze. Lendita stopft sich ein trockenes Brötchen in den Mund, der Blick geht ins Nirgendwo. Mit ihrer Freundin Sania wartet die Serbin, bis die Zeit vorübergeht. "Die Menschen hier sind zum Nichtstun verdammt", sagt Stefanie Zofia Schulz. Die junge Fotografin hat diese Szene festgehalten.

Stefanie Schulz
Ein Jahr lang ist Schulz immer wieder nach Lebach gefahren, eine Kleinstadt im Saarland. Mehr als 1500 Flüchtlinge wohnen hier in der Landesaufnahmestelle, Menschen wie die Serbin Lendita. Schulz, 28, hat sie begleitet. Ihre Bilder erzählen von einem Alltag voller Sorge - und Langeweile.

"Duldung", so hat die Fotografin das Projekt genannt. Der Begriff bezeichnet den aufenthaltsrechtlichen Status von Menschen, deren Asylanträge abgelehnt wurden, die aber momentan nicht zurück in ihre Heimat geschickt werden können. Die Betroffenen können ihr Leben kaum planen, nur unter bestimmten Bedingungen arbeiten. Die Bundesregierung will hier nachbessern. Im Moment warten die Flüchtlinge, oft jahrelang.

Erst vor wenigen Tagen war Schulz wieder in Lebach. In einer Zeit, in der die Politik rätselt, wie sie mit den immer größeren Flüchtlingsmassen umgehen soll. In Lebach aber ist die Zeit stehen geblieben. "Ich habe viele bekannte Gesichter getroffen", erzählt Schulz am Telefon. "Viele kommen von dort einfach nicht weg. Es herrscht eine latente Depression."

"Duldung": Eindrücke aus einer Flüchtlingseinrichtung im Saarland
Spongebob in den Sommerferien

Danijelo ist zwölf als dieses Bild entsteht. Im Fernsehen läuft Spongebob, doch Danijelo interessiert das kaum noch. Er hat die Folgen der Zeichentrickserie schon alle gesehen. Das war in den Sommerferien", erzählt Fotografin Stefanie Schulz. "Er hat sich zu Tode gelangweilt." Danijelo ist ein serbisches Roma-Kind. Mit seinen Eltern und den drei Geschwistern lebt er mittlerweile seit etwa vier Jahren in Lebach.

Dehnübungen zwischendurch

Lendita, Danijelos Mutter, beim Sport: Sie spreche ein "robustes" Deutsch, sagt Schulz. Am Anfang seien viele Flüchtlinge skeptisch gewesen, als sie mit ihrer Kamera aufkreuzte, erzählt die Fotografin. Später haben sie Schulz in ihre Wohnungen eingeladen. Lenditas Mann hat Diabetes, muss oft ins Krankenhaus. Die Familie darf deshalb wahrscheinlich in Deutschland bleiben. Krankheit ist einer der Gründe, weshalb Menschen, deren Asylantrag abgelehnt wurde, vorerst nicht abgeschoben werden können.

Haareglätten

Wenn sie ausgeht, macht sich Sania schick: Da muss auch mal ein Bügeleisen herhalten. Bei der Aufnahme war sie 13 Jahre alt. Ein Ausflug in die Stadt stand bevor. Sie ist eigentlich in streng konservativen Traditionen verwurzelt. "Die Mädchen saugen aber die westliche Kultur sehr schnell auf", erzählt Schulz. "Sie tragen westliche Kleider oder rasieren sich die Achselhaare."

Nur zuhause sicher

Sania und ihre damals zwölfjährige Schwester Tiana. Die beiden Jugendlichen sind viel zuhause. Ihre Eltern wollen nicht, dass sie sich draußen herumtreiben. "Es gibt im Lager viel Kriminalität", erzählt Schulz. Es bleibt die Langeweile. "Das macht das Hirn zu Brei", sagt die Fotografin.

Matratzenturnen

Spielen, das geht auch im Zimmer. Angela ist die Schwester von Tiana und Sania. Als sie ins "Lager" kam, war sie kaum älter als ein Jahr. Schulz nahm das Foto im Juli 2013 auf. Damals war Angela vier Jahre alt.

"Einfach so"

Dejan, Danijelos Bruder, im Alter von etwa zehn Jahren. "Er lag einfach so da", schildert Schulz den Moment, als das Bild entstand. Wie sein Bruder sei auch Dejan unter den Flüchtlingen sehr gut integriert, erzählt sie. Und nicht nur dort: Er spielt in einem nahegelegenen Verein Fußball.

Vor der Abschiebung

Hatiche, 13 Jahre alt: Die junge Kosovarin hält das Baby einer Nachbarin im Arm. "Hatiche ist eigentlich ziemlich scheu", erzählt Schulz. "Mit dem Kind wollte sie aber unbedingt fotografiert werden." Hatiches Freund wurde kurz vor der Aufnahme abgeschoben. Die Flüchtlinge erhalten dann einen großen, gelben Umschlag. "Vor dem haben alle Angst", sagt Schulz. Als die Fotografin nun wieder nach Lebach kam, war Hatiche nicht mehr da. Auch ihre Familie hatte den Umschlag bekommen.

Freunde

Danijela, auf dem Schoß einer Freundin: Die junge Mutter hat mit ihrem Sohn mittlerweile eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Sie arbeitet in der Fabrik einer Metallfirma im Saarland. In Serbien war sie Optikerin.

Geduldet geboren

Riema ist ein Beispiel dafür, wie lange viele Flüchtlinge in Ungewissheit leben. Das armenische Mädchen wurde in einen Duldungsstatus hineingeboren. Bis zu ihrem siebten Lebensjahr, als das Foto entstand, lebte sie in Lebach. Mittlerweile ist sie mit ihren Eltern in ein Dorf in der Nähe gezogen.

Quälend langer Prozess

Ein Ehepaar aus Afghanistan: Die Bearbeitung der Asylanträge ist häufig ein quälend langer Prozess, sagt Fotografin Schulz. Die bürokratischen Vorgänge überfordern viele Antragsteller. "Die Bewohner verstehen oft gar nicht, was da passiert. Ihnen sind deshalb die Hände gebunden."

Schweinsrasur

Zum orthodoxen Osterfest wird in der Lebacher Flüchtlingsunterkunft ordentlich aufgetischt. Auch Spanferkel. "Viele Männer standen herum und diskutierten, wie das Schwein hergerichtet werden sollte", sagt Schulz. Dann kam ein Junge vorbei, einen Zylinder auf dem Kopf und machte sich daran, das Ferkel zu rasieren. Die Sprache auf der Wand hinter ihm ist dagegen weniger fröhlich. "Es gibt hier jede Menge unterdrückte Aggressionen", sagt Schulz.

Traditionelle Regeln

"Ich habe keine Ahnung, woher der Truthahn plötzlich kam", sagt Schulz. "Auf jeden Fall haben die Roma sehr gutes Essen." Das Kochen sei ganz traditionell geregelt. "Die Frauen machen alles."

Blick nach draußen

"Viele Flüchtlinge sind hoffnungslos", sagt Fotografin Schulz. Nach Jahren des Wartens in dem eigenen Cosmos mit seinen eigenen Regeln, der eigenen Sprachen, fällt es den Asylsuchenden schwer, nach vorne zu schauen. "Es herrscht eine latent depressive Stimmung."

Zur Person
  • Die Fotografin Stefanie Zofia Schulz wird 1987 im baden-württembergischen Nagold geboren. Sie wächst in einem Spätaussiedlerheim auf, ihre Eltern stammen aus Polen. In Saarbrücken lernt sie ihren späteren Ehepartner kennen: ein Mann aus Sri Lanka, illegal in Deutschland. Er stellt einen Asylantrag, Schulz hilft bei den Formalitäten. Sie zieht nach Berlin, studiert Fotografie an der Ostkreuzschule. "Duldung" wird ihre Abschlussarbeit. Die Bilder entstanden 2012 bis 2013. Schulz präsentierte sie zuletzt mehrfach auf Festivals. Heute arbeitet sie als freie Fotografin.


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