Flüchtlingsheime in Gewerbegebieten Wir müssen draußen bleiben!

Flüchtlingsheime sollen künftig auch in Gewerbegebieten stehen. Man kann viel Verständnis für die Not der Kommunen haben - doch die Menschen zwischen Fabrikhallen unterzubringen, fördert sicher nicht deren Integration.

Ein Kommentar von  

Flüchtlinge in Erstaufnahmestelle in Baden-Württemberg: Bald zwischen Fabrikhallen?
DPA

Flüchtlinge in Erstaufnahmestelle in Baden-Württemberg: Bald zwischen Fabrikhallen?


Wohin nur mit den all den Menschen? Etliche Kommunen wissen angesichts der wachsenden Flüchtlingsströme keine Antwort mehr. Die Not ist groß, in München mussten jüngst Neuankömmlinge unter freiem Himmel schlafen. Spätestens da war jedem klar: Es muss was passieren in Deutschland.

Kein Wunder, dass viele Städte und Gemeinden nun große Hoffnungen in das "Gesetz über Maßnahmen im Bauplanungsrecht zur Erleichterung der Unterbringung von Flüchtlingen" setzen. Der Bundesrat hat es initiiert, die Bundesregierung hat sich angeschlossen, noch in dieser Woche soll es durch den Bundestag. Von Anfang 2015 an, so der Plan, können Flüchtlingsheime dann auch in Gewerbegebieten eingerichtet werden. Bisher ist das Wohnen dort rechtlich nicht vorgesehen, für Asylbewerber soll es nun eine Ausnahme geben.

Sicher, man muss viel Verständnis für die Kommunen haben. Die Flüchtlinge rasch und zugleich menschenwürdig unterzubringen, ist wahrlich nicht einfach. Angemessene Wohnungen sind auf die Schnelle selten verfügbar, nutzbare Freiflächen in vielen Städten kaum vorhanden. Doch dieser Mangel, das darf man wohl getrost unterstellen, ist nicht allein der Grund, dass die Menschen aus den Krisengebieten nach ihrer Flucht künftig zwischen deutschen Fabrikhallen eine erste Heimat finden sollen.

Kreative Lösungen sind gefragt

Containerdörfer auf Industriebrachen zu errichten, ist eine bequeme Lösung. Überall, wo Flüchtlingsheime in Wohngebieten entstehen sollen, gibt es Widerstand, die Anwohner befürchten Ärger, Lärm, Dreck. Da ist es doch prima, wenn die ungeliebten Gäste künftig weit draußen bleiben, wo sie kaum jemanden stören. Gut, in manchen Gemeinden, wo bereits darüber nachgedacht wird, leerstehende Gebäude im Gewerbegebiet in Sammelunterkünfte umzuwidmen, schreien die Unternehmer auf. Aber das lässt sich sicher in den Griff bekommen. Man ahnt schon, wie vor allem in der kleinstädtischen Provinz demnächst das Gewerbegebiet am Stadtrand zur ersten Wahl wird, um Flüchtlinge unterzubringen.

Die Integration bleibt dabei auf der Strecke. Wo am Rande der Stadt Firmen ihre Produktion und Büros haben, da gibt es keine Geschäfte, keine Schule, keine Kita, keinen Spielplatz, wenig Grün. Stattdessen womöglich Lärm, schlechte Luft und regen Lkw-Verkehr. Ein Bus dagegen fährt nur selten ins Gewerbegebiet, und nachts, wenn die arbeitende Bevölkerung weg ist, brennt allein im Flüchtlingsheim noch Licht. Gesellschaftliche Teilhabe sieht anders aus, finden auch die Grünen im Bundestag. In den Ländern haben ihre Parteifreunde den Lockerungen im Baurecht zugestimmt.

Ausgrenzung aber darf nicht die Antwort auf die Not der Kommunen sein. Kreative Lösungen sind gefragt: Der Bund sollte schnellstmöglich prüfen, welche seiner leerstehenden, stadtnahen Gebäude, alte Kasernen etwa, als Erstunterkünfte in Frage kommen. Und auch das Angebot der Firma Siemens könnte Schule machen. Das Unternehmen würde 30.000 Quadratmeter nicht mehr genutzter Bürofläche im Münchener Osten zur Verfügung stellen, um Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak oder anderen Ländern aufzunehmen. Das Gebäude ist äußerlich sicher nicht schön, aber wenn es sich drinnen angemessen herrichten lässt - warum nicht? Immerhin liegt es mitten in der Stadt.


Vote
Flüchtlinge zwischen Fabrikhallen

Bund und Länder wollen das Baurecht ändern, damit Flüchtlingsheime künftig auch in Gewerbegebieten eingerichtet werden können. Halten Sie das für eine gute Idee?



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 68 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
rentonsolar 03.11.2014
1. langsam bitte
in meiner "kleinstädtischen Provinz" werden ab Januar 40 Flüchtlinge am Eingang der Fußgängerzone untergebracht. Ganz ohne brennende Reifen und Geschrei in der Bevölkerung. Wohlgemerkt im tiefschwarzen MainTauber! Mal nicht übertreiben, liebe Redaktion.
Irene56 03.11.2014
2. Verständnis
für die Kommunen. Woran macht sich dieses Verständnis der Presse denn fest. Was schlagen sie konkret vor? Sprechblasen, nichts weiter als Sprechblasen. Erst einmal dürfte eine Unterkunft in einem geheizten Büroraum oder einer größeren Halle für die kommenden Wintermonate eine weitaus bessere Lösung sein, als Zelte aufzuschlagen und diese Menschen dann ihrem Schicksal zu überlassen. Und Integration? Es sind, wie die Presse immer wieder betont, Kriegsflüchtlinge, deren Leben in Gefahr ist. Wer sagt denn überhaupt, dass diese hier für immer bleiben wollen und überhaupt bereit sind, sich in eine völlig fremde und andersartige Kultur zu integrieren? Ach ja, und wo genau gibt es die Arbeitsplätze, die man nach Meinung der Presse ihnen anbieten sollte? Bei 5 Mio Arbeitslose in Deutschland ist das auch nur eine Sprechblase. Wir wollen es nicht begreifen. Das Boot ist voll. Wir haben alle Chancen, gemeinsam mit den tausenden von Flüchtlingen unterzugehen.
silberstern 03.11.2014
3.
Herr Wittrock bringt im Artikel die Kategorien durcheinander. Flüchtlinge müssen nicht integriert werden, sie sind nur vorübergehend da. Bei Asylbewerbern mag das anders sein, aber auch nur weil der Amtsschimmel nicht mit der Bearbeitung der Anträge hinterher kommt. Also auch hier ganz andere Ursache des Problems.
ma_fer 03.11.2014
4. Alles schon da.
Diese Ausgrenzung ist heute bereits Realität. Beispiele sieht man in Delitzsch (6 km Fussmarsch bis in die Stadt), Radebeul, Zeitz, Haldensleben und Frankfurt/O.
jujo 03.11.2014
5. ....
Man kann ja zu der Flüchtlingsproblematik stehen wie man will. Die Tatsache aber das Deutschland und Europa von der Anzahl der Menschen total überfordert ist, ist nicht nur peinlich, es ist beschämnd. Sieht man sich die Situation in den Ländern der Region an, die Millionen mehr schlecht als recht aufnehmen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.