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Gewalteskalation in Suhl: Bringt die Flüchtlinge anständig unter!

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Zerstörtes Büro der Flüchtlingsunterkunft in Suhl: Bürgerkriegsähnliche Zustände? Zur Großansicht
DPA

Zerstörtes Büro der Flüchtlingsunterkunft in Suhl: Bürgerkriegsähnliche Zustände?

Nach der Massenschlägerei in Suhl herrscht Entsetzen - schon will man Asylbewerber nach Volksgruppen trennen. Stattdessen muss die Politik endlich anständige Unterkünfte bauen.

In der Nacht zum Donnerstag ist mal wieder das Abendland untergegangen. Die Massenschlägerei in der Flüchtlingsunterkunft im thüringischen Suhl - ausgelöst durch einen zerrissenen Koran - klingt, als stamme sie aus einem Drehbuch der Pegida-Bewegung. Diese hat, folgt man ihren Beteuerungen, ja gar nichts gegen Ausländer, sondern fürchtet nur "Religionskriege auf deutschem Boden".

In Suhl flogen Steine, es wurden Eisenstangen geschwungen, Polizeiautos angegriffen. Ein Koran soll in der Toilette gelandet sein. 17 Verletzte, davon sechs Polizisten. Einige Syrer sollen einen Afghanen gejagt haben. Ein Religionskrieg? "Bürgerkriegsähnliche Zustände", wie Anwohner jetzt sagen?

Die Reaktionen klingen panisch. "Lynchjustiz", sagt der Migrationsminister. Sein Ministerpräsident Bodo Ramelow - ein Linker - arbeitet schon daran, Flüchtlinge verschiedener Volksgruppen getrennt unterzubringen. Und, klar, die Deutsche Polizeigewerkschaft fordert wie auf Knopfdruck neue Stellen.

Video: Die Krawallnacht von Suhl

Dabei ist das, was in Suhl passiert ist, für alle nicht unmittelbar Betroffenen kein Grund zur Panik. Die Schlägerei ist kein Einschnitt, sie macht nur anschaulich, was die schwer greifbare Zahl von 800.000 Flüchtlingen, die allein in diesem Jahr ankommen, eigentlich bedeutet.

Die nervöse Regierung in Thüringen macht eine aktive Flüchtlingspolitik, sie will keine Zustände wie im Nachbarland Sachsen, wo es immer wieder zu aggressiven Protesten kommt. Aber sie hat zu verantworten, dass sich ins Heim in Suhl, dessen Obergrenze bei 1200 Menschen liegt, 1800 Flüchtlinge quetschten. Offiziell sind es noch 1533. Schon mehrmals gab es Ärger deshalb.

Asylbewerber stehen, so berichtet es der Bürgermeister, bis zu zwei Stunden an der Essensausgabe an, Tag für Tag. Das funktioniert nicht.

Auch in anderen Bundesländern läuft es in manchen Erstunterkünften so ab. Und wer Flüchtlingsheime überbelegt, schafft neue Probleme.

Vorfälle wie in Suhl wird es deshalb noch öfter geben. Es kann unter diesen Umständen gerade unter jenen, die den Sprung aus Kriegsgebieten nur mit einem Trauma geschafft haben, zu handfestem Streit kommen. Wer so etwas nicht will, muss dafür sorgen, dass Menschen anständig untergebracht und betreut werden.

800.000 in einem Jahr - oft ist jetzt von Überforderung die Rede. Tatsächlich wissen viele Gemeinden nicht, wie sie der Lage Herr werden sollen. Nacht für Nacht kommen neue Asylbewerber. Dabei ist doch allen klar, was in Deutschland zu tun ist: schnellere Asylverfahren, Entscheidungen, die umgesetzt werden, mehr Geld für Länder und Gemeinden. Deutschland kann sich das leisten. Deshalb müssen jetzt schnell mehr Unterkünfte gebaut werden.

Innenminister Thomas de Maizière (CDU) sagt, er habe kein Verständnis für die Gewalt in Suhl. Aber warum kündigt er erst jetzt an, die Kapazitäten in Erstaufnahme-Einrichtungen von 45.000 auf 125.000 zu erhöhen? Dass die Plätze nicht ausreichen, ist seit Monaten klar.

Ist das alles eine Entschuldigung für die nächtliche Hetzjagd von Suhl? Natürlich nicht. Und dort ermittelt nun die Polizei, wegen Körperverletzung und Landfriedensbruch. Wie sie es auch manchmal tut, wenn es Massenschlägereien in Ausgehvierteln gibt oder wenn Polizeiautos von Autonomen angegriffen werden.

Einen Religionskrieg in Deutschland muss deshalb niemand fürchten. Zuletzt wurde der aus besorgter Ecke im Herbst 2014 ausgerufen, als in deutschen Fußgängerzonen Salafisten mit Kurden und mit Hooligans aneinandergerieten. Seitdem hat man davon nichts mehr gehört.

Und schließlich, um die Dimensionen zurechtzurücken: Suhl ist die größte, aber nur eine von Dutzenden Flüchtlingsunterkünften in Thüringen. Fragt man bei den Behörden nach, heißt es: In der Gewaltnacht von Suhl hat keines der anderen Asylheime der Polizei Vorkommnisse gemeldet.

Zum Autor
Julia Kneuse
Fabian Reinbold ist Netzwelt-Redakteur im Hauptstadtbüro von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Fabian_Reinbold@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 151 Beiträge
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1. Der ...
ichbinmalweg 21.08.2015
... soziale Wohnungsbau wird seit Jahren vernachlässigt. Hat das Politik interessiert? Eher nicht. Wer Anfang dieses Jahres hohe Flüchtlingszahlen prognostizierte war ein Scharfmacher. Hat Politik agiert? Eher nicht. Nun gibt es wenig bezahlbaren Wohnraum und sehr viele Flüchtlinge. Unterkünfte sollen nun gebaut werden. Sieht Politik ein Konfliktpotential? Eher nicht.
2. Schon klar
dragondeal 21.08.2015
Wir sind selber Schuld, dass sich die Leute daneben benehmen. Man muss den Vorfall sicher nicht über-dramatisieren, aber das verpflichtet uns nicht dazu,statt dem roten den goldenen Teppich auszurollen.
3. Die Umstände sind Schuld
Inselbewohner, 21.08.2015
Da bin ich aber beruhigt, dass man diese Menschen einfach vernünftig nach Volksgruppen, Ethnien, Religionszugehörigkeit, nach unterschiedlichen Clans, Männer und Frauen getrennt usw. unterbringen muss und die Probleme sind gelöst. Etwas Blauäugig nicht? Die Probleme fangen ja gerade erst an und werden sich verstärken je mehr kommen. Wer das in Abrede stellt hat keine Ahnung wie eine Gesellschaft funktioniert. Bis jetzt nehmen die Menschen noch alles mehr oder weniger Gewaltfrei hin aber wenn von den Hunderttausenden Hunderttausende wieder zurück geschickt werden sollen, weil kein Anspruch auf Asyl dann steppt der Bär, mal salopp gesagt. Die die bleiben dürfen werden feststellen müssen keine Jobs, kein Einkommen, keine Perspektive. Diese Menschen kommen mit Vorstellungen über unser Land die überhaupt nicht der Realität entsprechen. Wenn die Erkenntnis durchdringt, dass ihre Träume sich nie erfüllen werden kann das schnell in Frust und Aggression umschlagen. Denn einen Schuldigen braucht man und der werden wir sein. Menschen sind nun mal so. Wenn dann bei den anderen Armen in DL die Erkenntnis kommt, ja auch wir müssen von dem wenigen was wir haben auch abgeben werden viele jetzigen Harz4ler, Aufstocker, Arbeitslose, Minijober, Armutsrentner auch nicht mehr still halten. Da entwickelt sich ein sozialer Sprengstoff den DL noch nie erlebt hat. Wer all das negiert sollte dringend einen Arzt aufsuchen oder sich schon mal nach einer Bleibe umsehen, vorzugsweise außerhalb der EU. Gruß HP
4.
bergeron 21.08.2015
Richtig, Herr Reinbold, das Abendland wird nicht untergehen. Trotzdem bestätigt dieser Vorfall doch genau, wovor viele Menschen Angst haben. Ein "Allahu Akbar"-skandierende Mob zieht marodierend durch die Straßen. Nicht ganz so wie wir es aus den Fernsehberichten aus den Heimatländern der Flüchtlinge kennen, aber es erinnert schon etwas an solche Szenen. Das können Sie den Menschen hier nicht übel nehmen. Man fragt sich, was alles passieren kann, wenn schon ein, für uns, so simpler Anlass, wie ein beschädigter Koran, zu einer Massenschlägerrei führt. Was kommt als nächstes? Müssen wir uns demnächst in unseren Freiheiten einschränken, damit sich diese Menschen nicht in ihren religiösen Gefühlen verletzt finden? Bikini am Badesee. Geht das noch, wenn in der Nähe ein Flüchtlingsheim steht? Natürlich ist die Unterbringung nicht optimal, aber immerhin sind die Menschen dort sicher vor Tod und Gewalt. Ist das nichts wert? Ein Bekannter von mir arbeitet in einem Flüchtlingsheim. Er berichtet von einer seltsamen Erwartungshaltung vieler Flüchtlinge. Offensichtlich glauben viele Flüchtlinge, dass ihnen etwas vorenthalten wird, wenn sie nicht in kürzester Zeit mit einer eigenen Wohnung versorgt werden. Ich finde es muss mit etwas mehr Verständnis auf die Ängste und Sorgen der hier lebenden Menschen aufgebracht werden. Leider helfen dumpfe Gruppierungen wie z. B. Pegida nicht. Es gibt aber auch Sorgen, die berechtigt und nicht fremdenfeindlich begründet sind.
5. sowohl als auch
Miere 21.08.2015
Man sollte Asylbewerber schon sinnvoll trennen. Nichtmal unbedingt wegen der Religion. Wer hier langfristig leben will, soll sich daran gewöhnen müssen, dass jeder das Recht hat, einen Koran zu zerreißen, auf eine Bibel zu pinkeln oder sich mit dem Mahabharata den Hintern abzuwischen - vorausgesetzt das Buch gehört ihm, sonst nicht. Aber ich fände es schon gescheit, wenn man nach Sprachen sortieren würde. Französischsprachige Westafrikaner gehören ins Rhein- und Saarland, Kurden nach Niedersachsen und Ostwestfalen, wo man am ehesten Übersetzer auftreiben kann. Davon unabhängig muss beim Wohnungsbau was passieren, aber das wird nicht geschehen. Der Soziale Wohnungsbau wird ja seit Jahrzehnten systematisch zurückgefahren. Es wäre schon sehr hilfreich, wenn man die Flüchtlinge dorthin schicken würde, wo alte Plattenbauten o.ä. leer stehen, statt vorzugsweise in bereits überfüllte Ballungsgebiete. Dafür müsste aber der Bund den monatlichen Unterhalt zahlen, nicht die Kommunen.
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