Flüchtlingsprognosen Zahlen, bitte

Schon jetzt ist die Jahresprognose der Bundesregierung zu Flüchtlingen erreicht, wenn nicht bereits überschritten. Aber das Innenministerium korrigiert seine Erwartung nicht. Das ist unklug und gefährlich.

Ein Kommentar von

Flüchtlinge an der slowenisch-österreichischen Grenze
AFP

Flüchtlinge an der slowenisch-österreichischen Grenze


800.000 Flüchtlinge in diesem Jahr. Diese Prognose stammt aus dem August, also noch aus den Wochen, bevor die Sonderzüge mit Flüchtlingen aus Ungarn mit Erlaubnis von Bundeskanzlerin Merkel nach Deutschland kamen. Nun gibt es Zahlen, die sagen: Schon bis Ende Oktober wurden knapp 760.000 Asylsuchende von den deutschen Behörden erfasst. Hinzu kommen vermutlich Zehntausende, die sich noch nicht als asylsuchend melden konnten und trotzdem in Deutschland um Schutz ersuchen werden.

An die 800.000 glaubt sowieso schon lange kaum einer mehr - seit September ist die Lage noch einmal eine völlig andere. Auch Kanzlerin Merkel soll zuletzt intern von einer Million Flüchtlingen gesprochen haben. Und alle anderen Akteure geben Prognosen über die weitere Entwicklung der Zahlen ab: die EU, die Uno. Auch andere Nationen, wie zum Beispiel Schweden.

Nur das Bundesinnenministerium bleibt bei seiner offiziellen Prognose von 800.000 - auch an diesem Donnerstag, als es die neuen Zahlen bekannt gegeben hat. Entgegen dem Versprechen von Innenminister Thomas de Maizière übrigens. Der hatte Ende August gesagt: "Die Zahl 800.000 ist seriös vorhergesagt, wenn sie sich ändert, werde ich es mitteilen." Dieser Punkt ist spätestens heute erreicht.

5000 Flüchtlinge jeden Tag werden schätzungsweise auch im Winter aus der Türkei auf den griechischen Inseln ankommen - davon geht die Uno aus. Man muss kein Prophet sein, um abzuschätzen, was das für Deutschland bedeutet. Hierzulande kamen in den letzten Wochen zum Teil sogar mehr Flüchtlinge an als in Griechenland, weil noch die Asylsuchenden aus den Balkanländern selbst hinzukamen und außerdem viele Flüchtlinge, die aus Italien weiter nach Deutschland reisten.

Österreich ist mittlerweile de facto fast nur noch Transitland, einzig die skandinavischen Länder, vor allem Schweden, nehmen noch eine nennenswerte Zahl neuer Flüchtlinge auf, die über die Balkanroute kommen.

Was will das Innenministerium also bezwecken? Möchte es Unruhe vermeiden? Das wäre wenig zielführend: Beunruhigung und Sorgen, wie alle Flüchtlinge hier aufgenommen und integriert werden können, gibt es sowieso. Angesichts der Lage wäre es klüger, lieber einmal eine realistische und im Zweifel auch etwas zu hohe Zahl zu nennen.

Oder will de Maizières Haus den Eindruck vermeiden, die Lage sei außer Kontrolle geraten? Dann scheitert es auch damit. Diese Desinformationspolitik schürt im Gegenteil Misstrauen, wo es um die Handlungsfähigkeit der in der Flüchtlingskrise wichtigsten deutschen Behörde geht. Es scheint, als könne das Ministerium nicht einmal abschätzen, wie sich die Lage in den nächsten Wochen entwickelt, von den nächsten Monaten ganz zu schweigen.

Das ist fatal. Die intransparente Kommunikation weckt bei den Bürgern das ungute Gefühl, die Verwaltung verschweige der Öffentlichkeit die Tatsachen. Dabei wäre vor allem Offenheit nötig, um endlich mit realistischen finanziellen und personellen Ressourcen die Bewältigung der Flüchtlingskrise anzugehen.

Zur Autorin
Jeannette Corbeau
Anna Reimann ist Redakteurin bei SPIEGEL ONLINE im Ressort Politik.

E-Mail: Anna_Reimann@spiegel.de

Mehr Artikel von Anna Reimann

.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 350 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Klapperschlange 05.11.2015
1. Also, 1 Million für ....
.... 2015, geschenkt. Wie geht es zahlenmäßig weiter? Jedes Jahr 1 Million? Für wie viele Jahre? Hier werden die seit Generationen geschaffenen Werte verschleudert.
kritischer-spiegelleser 05.11.2015
2. Man will doch den Bürger nicht belasten.
Man will die Relität von ihm fernhalten. Sonst wird er ja noch unzufriedener mit der Politik seiner Kanzlerin!
totalmayhem 05.11.2015
3.
800.000, 1 Million, 10 Millionen? Egal, wir schaffen das!
Schandmaul 05.11.2015
4. Augenwischerei
In der Flüchlingskrise dreht sich alles, wirklich alles nur um Merkel. Frau Merkels Handeln in der Krise ist 100%ig egoistisch motiviert und dreht sich ausschließlich um ihren Machterhalt. Ihr sind die Flüchtlinge egal. Ihr sind die Deutschen egal. Und Europa sowieso. Alles was für Frau Merkel zählt ist, daß sie möglichst lange Bundeskanzlerin bleibt, koste es im wahrsten Sinne was es wolle. Ich kenne persönlich Menschen die mit Frau Merkel beruflich zu tun haben und glauben sie mir eines: sobald die Kameras aus und die Türen zu sind fliegen die Fetzen. Diese Frau ist nicht die nette Mutti als die sie sich immer nach außen hin präsentiert. Sie ist besessen von ihrem Machterhalt. Alle anderen Ziele und Aspekte außer ihrem persönlichen politischen Vorteil sind nachrangig, das spiegelt sich auch deutlich in ihrer Politik der letzten Jahre wider. Sie hat in der Flüchtlingsfrage eine Reihe katastrophalster Fehler begangen und ist nun unfähig, zurück zu rudern. Sie weiß, daß der Preis für das Eingestehen ihrer Fehler ihr Posten ist. Daher gibt es für sie nur die Flucht nach vorn, koste es was es wolle, SIE hat schließlich nichts mehr zu verlieren! Diesen Umstand kaschiert sie mit Durchhalteparolen und setzt in der Öffentlichkeit alles daran, ihre Handlungen mit altruistischen Motiven zu rechtfertigen. Einfach widerwärtig. Sie richtet mit dieser Politik einen unfassbaren Flurschaden an, der zum heutigen Zeitpunkt überhaupt nicht ermessen werden kann. Sie klammert sich an die 1%ige Hoffnung, daß sich von alleine schon wieder alles zum Guten für sie wenden wird, statt öffentlich zu erklären, daß die Aufnahmekapazitäten erschöpft sind und zurückzutreten.
Referendumm 05.11.2015
5. Nette zweideutige Überschrift.
Nette zweideutige Überschrift. Tja, das Ganze kann man nur noch mit Sarkasmus betrachten. Aber sehr interessant, wie seitens der Politik versucht wird (obwohl es absolut zwecklos ist, denn jeder Bürger kann selber leicht nachrechnen!) das kommende Problem zu verkleinern / zu verniedlichen. Ich befürchte, wenn die Wahrheit für alle sichtbar ist, werden die Folgen noch gravierender sein.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.