Flüchtlingspolitik Der Engel vom Kiez

Abschottung und Abschreckung - das sind die Mittel der EU gegen Flüchtlinge. Doch es geht anders: Ein Hamburger Pastor nimmt Schutzsuchende in seiner Kirche auf, der Kämmerer von Leverkusen zeigt, dass eine humane Flüchtlingspolitik möglich ist.

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Wie Menschen für eine bessere Welt kämpfen

Im Juni 2013 gab der Hamburger Pastor Sieghard Wilm seiner Kirche einen neuen Namen: "Embassy of Hope", Botschaft der Hoffnung. Die Gemeinde im Stadtteil St. Pauli wurde zum Zufluchtsort für Schutzsuchende aus Afrika.

Die Menschen waren vor dem Krieg in Libyen über die italienische Insel Lampedusa nach Deutschland geflohen. Das europäische Asylgesetz verbietet Flüchtlingen, das EU-Land, das sie zuerst betreten, dauerhaft zu verlassen. In Italien aber erhalten sie, anders als in Deutschland, keine Sozialleistungen. Stattdessen vegetieren sie in Parks oder Bahnhöfen, hungern, werden krank.

Die Starken fliehen weiter in den Norden Europas. Einige von ihnen standen irgendwann vor der Tür von Pastor Wilm. "Ich wusste wenig über das europäische Asylsystem. Ich sah mich einer humanitären Notsituation gegenüber und wollte helfen", sagt Wilm.

Er bot fast hundert Flüchtlingen Obdach in seiner Kirche. Die Menschen schliefen auf Kirchenbänken. Nachbarn spendeten Decken und Kleidung, der Koch Tim Mälzer besorgte Lebensmittel, der FC St. Pauli lud die Flüchtlinge zu Fußballspielen ins Stadion. Investoren und Yuppies haben den Kiez in den vergangenen Jahren kommerzialisiert. Einen Sommer lang lebte das alte, das wilde, solidarische St. Pauli auf. "Es war unser African Summer", sagt Wilm.

Ein kurzer Moment der Betroffenheit

Als im Oktober vergangenen Jahres bei einem Schiffsunglück vor Lampedusa mehr als 300 Menschen ertranken, zeigten sich Europas Politiker für einen kurzen Moment betroffen. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) sprach von einer "Schande".

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Flüchtlingspolitik in der EU: Festung Europa
Die Toten waren noch nicht beerdigt, da entschied der Hamburger Senat, die Lampedusa-Flüchtlinge auf St. Pauli nicht länger zu ignorieren. Innensenator Michael Neumann (SPD) sandte seine Polizisten aus, um sogenannte Rückführungen nach Italien einzuleiten. Die Kontrollen trieben Unterstützer der Flüchtlinge auf die Straße. Tausende Hamburger demonstrierten wochenlang für eine humane Asylpolitik. "In St. Pauli brannte die Luft", sagt Wilm.

Er sitzt kurz vor Weihnachten in seinem Büro am Pinnasberg in St. Pauli. Briefe und Unterlagen stapeln sich auf dem Boden. Politiker und Journalisten aus aller Welt wollen mit dem Pastor sprechen, der für eine faire Asylpolitik kämpft. Wilm sagt, es sei Aufgabe der Kirche, sich für Menschen in Not zu engagieren.

Die Flüchtlinge sind mittlerweile in Containern vor der Kirche untergekommen. Sie haben Duldungen erhalten, für ein paar Wochen. Dann werden sie nach Italien zurückgehen müssen, fürchtet Wilm. "Was wir jetzt brauchen", sagt er, "ist ein Wunder."

Leverkusen probiert einen neuen Weg

Die Vorgaben der offiziellen Asylpolitik lassen wenig Spielraum, doch gelegentlich gelingt es eben doch, aus dem engen Korridor auszubrechen. Frank Stein, Kämmerer der Stadt Leverkusen, hat es mit einer simplen Idee geschafft.

Stein, 50, Seitenscheitel, randlose Brille, ist Jurist. Aber eben kein Paragraphenreiter. Wenn er Kritiker von einer fortschrittlichen Asylpolitik überzeugen will, verweist er gerne auf die Geschichte seiner Kommune: Leverkusen sei durch Migration erst erstanden, sagt der SPD-Politiker. Er sieht es als seine Pflicht, Flüchtlingen die Ankunft in Deutschland zu erleichtern.

In vielen Städten und Regionen Deutschlands werden Asylbewerber in Heime gesteckt, sie werden in Container oder ausgediente Sporthallen einquartiert. Die Behörden glauben, sie so besser kontrollieren und Abschiebungen schneller durchführen zu können. In Leverkusen hingegen dürfen Flüchtlinge, über deren Aufenthaltsstatus noch nicht entschieden ist oder Menschen mit einer Duldung, bereits nach wenigen Monaten in private Wohnungen ziehen.

Stein hat das Projekt vor einigen Jahren angeschoben. Die Heime in Leverkusen waren damals marode, eine neue Massenunterkunft scheiterte unter anderem am Protest der Anwohner. Also beschloss die Stadt einzelne Familien in Privaträume zu verlegen. Inzwischen leben 200 Flüchtlinge in Leverkusen in Wohnungen, etwas mehr sind in einer zentralen Einrichtung untergebracht. Die Stadt übernimmt die Miete. Caritas und Flüchtlingsrat helfen bei der Wohnungssuche. Leverkusen habe zudem insgesamt eine Million Euro weniger ausgegeben, da Kosten für Personal und Sanierung von Unterkünften weggefallen seien, erzählt Stein.

Flüchtlinge haben keine Lobby

"Vor allem aber hat sich die Lebensqualität der Flüchtlinge verbessert", sagt er. Die Asylbewerber werden in privaten Wohnungen anders als in Heimen nicht vom Lärm anderer Menschen geweckt, sie haben ein eigenes Zimmer, lernen deutsche Nachbarn kennen.

Kritiker mahnen, Flüchtlinge, deren Zukunft in Deutschland ungewiss sei, in die Gesellschaft zu integrieren, wecke falsche Hoffnung. Stein entgegnet, Asylbewerber hätten ein Recht auf menschenwürdige Behandlung - egal, ob über ihren Antrag bereits entschieden sei oder nicht.

Deutschland habe zu lange eine Politik der Abschreckung verfolgt. "Die niedrigen Flüchtlingszahlen der vergangenen Jahre sind für mich kein Grund zur Freude", sagt Stein. Er glaubt, ein reiches Land wie Deutschland müsse mehr Verantwortung für Menschen auf der Flucht tragen.

Die Bundesregierung hat zuletzt stolz verkündet, einige tausend Syrer aufnehmen zu wollen. Die Türkei hingegen beherbergt gegenwärtig mehr als eine halbe Million Menschen aus Syrien. Flüchtlinge, kritisiert Stein, hätten in Deutschland keine Lobby: "Viele Politiker betrachten Asylfragen als ein Thema, bei dem sie nur verlieren können."

Grafik: Entwicklung der Asylantragszahlen in Deutschland
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Grafik: Entwicklung der Asylantragszahlen in Deutschland

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
mein Gott 20.01.2014
1. Kirchenasyl...
.... ist das Letzte in unserem Land! Ein Staat im Staate wohl. Warum lässt das dieser Staat zu?
namenfrei 20.01.2014
2. Darum!!!
Zitat von mein Gott.... ist das Letzte in unserem Land! Ein Staat im Staate wohl. Warum lässt das dieser Staat zu?
Mein Gott !! Weil dieser Staat mit seiner bombastischen Waffenindustrie AUCH Mitverantwortlich für viele Kriege dieser Welt ist. Und Kriege verursachen nicht nur Tod und Vernichtung, sondern auch Hunger, Krankheiten, Armut, Elend und Flüchtlinge.
analyse 20.01.2014
3. Jede Idee und Privatinitiative ist begrüßenswert,nur nicht
die damit oft verbundene Forderung oder Behauptung,das sei die Lösung des Problems! Erstaunlich wie oft dabei die Menschenwürde der Zurückgebliebenen in Afrika,Indien oder Bangla-Desch vergessen wird ! Im Fall der syrischen Flüchtlinge dagegen versagen offensichtlich die europäischen Staaten und vor allem die UN ! Die Verhältnisse in den Lagern waren bekannt,die Zunahme absehbar,der Winter absehbar ! Warum reist der Generalsekretär der UN,die sonst ein Papiertiger ist,nicht von Staatsoberhaupt zu Staatsoberhaupt um eindringlich einzufordern mehr syrische Flüchtlinge aufzunehmen und Geld bereitzustellen für bessere Versorgung in den Lagern ! Wie kann es sein,daß dort Menschen,darunter Kinder noch nicht mal Decken usw.haben,obwohl Zeit genug war alles besser zu organisieren ? Die einzige Macht die die UNO hat,ist die Öffentlichkeit,und wenn sich ein potentieller Staat der erbotenen Hilfe verwehrt hätte,dann wäre eine öbffentliche Anklage durch den Generalsekretär angebracht gewesen ,damit es das nächste Mal besser läuft!
carstens.karl 20.01.2014
4. Danke
Schön das es noch Menschen gibt denen es nicht egal ist was um sie herum passiert. Wir haben Veratwortung aufgrund unseres Wohlstands und wer das nicht versteht hat denselbigen nicht verdient.
IronSky 20.01.2014
5.
Zitat von namenfreiMein Gott !! Weil dieser Staat mit seiner bombastischen Waffenindustrie AUCH Mitverantwortlich für viele Kriege dieser Welt ist. Und Kriege verursachen nicht nur Tod und Vernichtung, sondern auch Hunger, Krankheiten, Armut, Elend und Flüchtlinge.
sie ziehen verbindungen, wo keine sind. dort ist nicht krieg, weil wir ne waffenindustrie haben, sondern weil dort krieg ist, haben wir eine waffenindustrie. sie verwechseln da die kausalität. ergo haben wir weder eine rechtliche noch eine moralische verpflichtung diesen menschen gegenüber.
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