S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Verlegt die Flüchtlingslager in die Innenstädte!

Nicht der gilt als Verfassungsfeind, der sich über europäisches Recht hinwegsetzt, sondern derjenige, der zu ihm zurückkehren will. Inversion nennt man eine Sprachfigur, die Dinge einfach umkehrt. Wir erleben gerade eine Inversion der Werte.

Eine Kolumne von


Außerhalb der politischen Randzonen, in denen sich alle Fragen und damit auch alle Antworten erübrigt haben, konkurrieren in der Flüchtlingskrise derzeit zwei Sichtweisen: eine beseelt-idealistische, wie man sie von Kirchentagen kennt und wo sich die Einwände in Luft auflösen, wenn man nur fest genug dran glaubt - und eine säkular-skeptische, die statt auf Liebe, Glaube und Hoffnung lieber auf Handfestes wie Gesetze und die Ordnungsmacht des Staates vertraut.

Wie es aussieht, macht die Kirchentagssicht das Rennen.

Es ist noch nicht einmal vier Wochen her, da galt ein Land, über dessen Grenzen sich Hunderttausende Menschen bewegen, ohne dass es Einfluss darauf hat, wer kommt, wie viele es sind, die kommen, oder wo diese Menschen bleiben, als Beispiel für einen failed state. Heute gilt dieses Versagen als normal, ja mehr noch: als Zustand, den wir nicht bedauern, sondern begrüßen sollten.

Inversion heißt in der Rhetorik eine Sprachfigur, in der sich die Dinge umkehren, erst syntaktisch, aber dann, wenn man weiter geht, auch gedanklich. Wir werden gerade Zeugen einer Inversion der Werte. Nicht der ist ein Verfassungsfeind, der sich über europäisches Recht hinwegsetzt, sondern derjenige, der zu ihm zurückkehren will. Der Verzicht auf die Souveränität zu definieren, wer ein Bürger ist und wer nicht, gilt nicht als Unvernunft, sondern als Ausweis besonderer Weisheit. Realitätssinn beweist, wer Grenzen für ein Instrument von gestern erklärt, realitätsuntüchtig ist, wer an ihnen festhält.

Die Advokaten des neuen Deutschlands legen eine Unbekümmertheit an den Tag, die nur Leute erreichen, die eine höhere Wahrheit geschaut haben. Das macht die Verständigung so schwierig. Dass das weiche Wasser den Stein bricht, ist eine Weisheit, gegen die kein Argument ankommt, erst recht kein skeptisches. Den Nationalstaat hinter sich zu lassen, war schon das heimliche Versprechen eines geeinten Europas. Es hat nicht ganz hingehauen, wie die Griechenlandkrise gezeigt hat. Jetzt nimmt man mit der Überwindung der Nation durch ungesteuerte Zuwanderung einen zweiten Anlauf.

Die demonstrative Zuversicht ist im politischen Diskurs der Bundesrepublik etwas Neues, das kannte man so nicht von Leuten, die sich der Linken zurechnen. Aber der Abgrund ist auch bei den fröhlichen Bewohnern der Refugee-Welcome-Republik nie weit. Er öffnet sich gleich nebenan, da, wo es dunkel wird in Deutschland.

Irgendwie nah, aber auch ganz fern

Wer sich darüber Gedanken macht, wie man den Zuzug von außen mindern könnte, gerät sofort unter Verdacht, er sehne sich nach einer Zeit zurück, die man für überwunden hielt. Man muss die Stimmen aus dem Dunkel ja nur richtig lesen können: Wer über Transitzonen redet, will Massenlager. Wer Grenze sagt, meint die Rückkehr zu Stacheldraht und Schießbefehl. Man sieht: Mit der entsprechenden Übersetzungshilfe lässt sich jede Debatte ins Extreme treiben.

Manchmal hilft die Anschauung, um das Sentimentale und das Skeptische zu versöhnen. Mein Vorschlag zur Güte wäre eine Verlegung der Flüchtlingslager in die Innenstädte. Die Bundeskanzlerin hat sich vergangene Woche bei einem Besuch in Wuppertal über einen Mann mokiert, der vorschlug, vor dem Reichstag ein großes Zeltlager zu errichten. Ob er denn annehme, dass sie in Berlin nicht wüssten, was los sei, entgegnete sie unter dem Beifall der Zuhörer. Dass die Kanzlerin weiß, was los ist, glaubt man unbesehen. Aber ob das auch für all diejenigen gilt, die sich gerade in Kommentaren und Leitartikeln so leidenschaftlich äußern, kann man bezweifeln.

Für viele, die darüber entscheiden, wie die Dinge zu sehen und bewerten sind, ist ein Bericht in der "Tagesschau" über die Lage im niedersächsischen Sumte oder dem fränkischen Hardheim, wo auf 5000 Bewohner 1000 Neubürger kommen, wie ein Blick ins "Auslandsjournal": irgendwie nah, aber auch ganz fern. Als im Berliner Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain vor drei Jahren 100 schwarzafrikanische und arabischstämmige Flüchtlinge in eine Schule einzogen, reichte das, um die grün-rote Welt kräftig durcheinander zu wirbeln. Der einzige Schwarze, dem man normalerweise in den Vierteln begegnet, in denen die Intelligenz residiert, ist der Austauschstudent aus Burundi.

Es würde nicht viel brauchen, um das Flüchtlingselend aus dem Fernsehen in die Realität zu holen: Ein Lager im Volkspark Friedrichshain, wo die Familie aus dem Prenzlauer Berg Hund und Kinder ausführt, eines im Hofgarten neben dem Schumann's in München und eines auf der Wiese vor dem Hamburger Dammtor-Bahnhof - auf einen Schlag hätte man 80 Prozent der journalistischen Klasse erreicht. Ob das die Diskussion ändert? In jedem Fall wäre es nicht mehr ganz so leicht verächtlich über Bürgermeister zu urteilen, die in ihrer Verzweiflung Broschüren mit Verhaltensregeln ausgeben, damit das Zusammenleben funktioniert.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 788 Beiträge
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Seite 1
princehh 13.10.2015
1. Danke, wie wohltuend...
Die Menschen in der Nähe von Zuwanderungslagern und Folgeunterkünften, meist in irgendwelchen Großstadt-Stadtteilen , die sowieso keiner richtig beachtet, würden es begrüßen. In Hamburg-Harburg drei Erstaufnahmeeinrichtungen sowie ein größeres Container-Lager muss man erst einmal hautnah spüren, um sich auszumalen, was mit den noch nicht absehbaren Mengen demnächst droht.
spuze 13.10.2015
2. perfekt.
vielen Dank Herr Fleischhauer!
Anti-Ideologe 13.10.2015
3. Wie immer gut getroffen!
Aber nach meinen Geschmack für Fleischhauer-Verhältnisse viel zu zahm und auch zu kurz. Neben dem Trommelfeuer der linkspopulistischen Kollegen (allen voran Augstein), geht dieser gemäßigte Beitrag leider etwas unter.
zampanosa 13.10.2015
4. Klare Analyse
Danke Herr Fleischhauer! Aber selbst mit einer derartigen zurückhaltenden Klarheit, wird man eine Frau Roth und Co. nicht erreichen.
Walter987 13.10.2015
5. Man glaubt es kaum!
Endlich mal ein Artikel im Spiegel, der Realitätssinn hat und nicht nur von naivem Gutmenschentum beseelt ist.
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