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Schlägereien in Asylunterkünften: Irgendwann kommt der Lagerkoller

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Aufnahmelager (in Dresden): "Kein Rückzugsort, keine Privatsphäre" Zur Großansicht
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Aufnahmelager (in Dresden): "Kein Rückzugsort, keine Privatsphäre"

Suhl, Leipzig, Kassel-Calden: In den deutschen Flüchtlingsunterkünften kommt es immer wieder zu Konflikten. Was steckt dahinter? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Mehr als ein Dutzend Verletzte, darunter drei Polizisten. Das ist die Bilanz der jüngsten Massenschlägerei unter Flüchtlingen. Schauplatz diesmal: Die auf einem Flugfeld errichtete Zeltstadt im nordhessischen Kassel-Calden, 1500 Menschen leben dort. Während der Essensausgabe kam es zu einer Rangelei zwischen einem pakistanischen und einem albanischen Flüchtling, wenige Stunden später zur Massenschlägerei mit Stöcken.

Es ist nicht der erste Vorfall dieser Art in Calden und nur der jüngste in Deutschland.

Am Donnerstag vergangener Woche lieferten sich rund 200 Syrer und Afghanen eine Schlägerei in der Erstaufnahmeeinrichtung auf dem Leipziger Messegelände. Im niedersächsischen Bramsche bekämpften sich rund hundert Syrer und Albaner mit Fahrrädern und anderen Gegenständen. Im August erregten Krawalle in einer Asylbewerberunterkunft im thüringischen Suhl Aufsehen, an diesem Dienstag meldete die örtliche Polizei die Festnahme von 14 Tatverdächtigen.

Was ist da los? Lesen Sie hier die wesentlichen Fragen und Antworten:

  • Um welche Taten geht es in Flüchtlingsunterkünften?

Fast immer sind es Gewalt- und Eigentumsdelikte, derentwegen die Polizei in Flüchtlingsheimen einschreiten muss: Körperverletzungen und Landfriedensbrüche, Diebstähle und Sachbeschädigungen, aber auch Nötigungen und Bedrohungen. Häufig geht es bloß um Banalitäten, bis die Lage dann eskaliert.

In einer Asylunterkunft in Gießen soll es zudem zu sexuellen Übergriffen auf weibliche Flüchtlinge gekommen sein. "Viele Vergewaltigungen werden nicht angezeigt, aber ich weiß von Organisationen wie Profamilia, dass diese Probleme auflaufen", sagte der Gießener Kinder- und Jugendpsychiater und Grünen-Politiker Klaus-Dieter Grothe dem Hessischen Rundfunk.

Das staatliche Gewaltmonopol könne in der Unterkunft kaum aufrechterhalten werden. "Wir haben eine Zweite- oder sogar Dritte-Welt-Situation mitten in Gießen, wie etwa in einem Uno-Flüchtlingslager in Afrika", so Grothe. Der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU) hat daher einen Sonderbericht zu möglichen Missbrauchsfällen in dem Heim angefordert.

  • Warum kommt es zu Konflikten?

Meist steckt ein simples Problem dahinter: zu viele Menschen an einem Ort. In den überfüllten Unterkünften hätten die Flüchtlinge oft "keinen Rückzugsort, keine Privatsphäre", sagt Heinrich Hörnschemeyer, Leiter des Grenzdurchgangslagers Friedland, in dem derzeit 3000 Menschen untergekommen sind. Platz gibt es aber eigentlich nur für 700. Die Leute müssten häufig lange anstehen, etwa für Essen oder Kleider: "In diesen Warteschlangen kommt es dann wegen Nichtigkeiten zu kleineren Rangeleien", so Hörnschemeyer zu SPIEGEL ONLINE.

Hinzu kommt: Viele Flüchtlinge sind traumatisiert, haben Kriegshandlungen erlebt. Experten zufolge leiden rund 40 Prozent der Asylsuchenden in Deutschland aufgrund extrem belastender Erlebnisse in ihren Heimatländern und auf der Flucht unter einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).

Religiöse Konflikte können ebenfalls eine Rolle spielen - oftmals ist das aber nicht nachzuvollziehen, weil die Religionszugehörigkeit nicht registriert wird. Die Krawalle in Suhl etwa hatten offenbar ihren Ausgangspunkt in einem Streit um aus einem Koran herausgerissene Seiten.

  • Wie antwortet die Politik?

Das Bundeskabinett hat gerade einen Gesetzesentwurf zur Neuausrichtung des Asylrechts beschlossen. Demnach sollen Asylbewerber verpflichtet werden können, statt der bisher drei Monate künftig bis zu sechs Monaten in Erstaufnahmeeinrichtungen zu bleiben. Das aber wird das Konfliktpotenzial möglicherweise noch weiter erhöhen.

In Thüringen versucht man derzeit, Flüchtlinge getrennt nach Herkunft unterzubringen. Eine Trennung nach Religionen jedoch sei falsch, heißt es aus Erfurt, weil gerade sehr religiöse Muslime lernen müssten, mit anderen Religionen zusammenzuleben. Der frühere Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) erklärte, eine Unterbringung der Flüchtlinge getrennt nach Herkunftsregion sei offensichtlich nötig. Dem widersprach SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi: "Ethnische oder religiöse Trennungen in Flüchtlingsunterkünften lösen das Problem nicht, sondern schaffen neue." Man dürfe keine Parallelgesellschaften schon bei der Flüchtlingsunterbringung schaffen.

  • Wie groß ist die Belastung für die Polizei?

Wie aus einer Aufstellung des nordrhein-westfälischen Innenministeriums hervorgeht, mussten die Beamten im ersten Halbjahr 2015 insgesamt zu 1288 Einsätzen in Flüchtlingsunterkünften ausrücken. Dabei erfassten sie 499 Straftaten. "Bei Auseinandersetzungen unter den Asylbewerbern kommen überproportional oft Messer oder andere Stichwerkzeuge zum Einsatz", heißt es in einer vertraulichen Analyse der Sicherheitsbehörden. "Zudem spielt die Alkoholisierung der Beteiligten oftmals eine nicht unerhebliche Rolle in der Konfliktentstehung."

  • Wie erleben Mitarbeiter die Lage?

"Viele der allein reisenden jungen Männer trinken aus bloßer Langeweile sehr viel Alkohol", sagte der ehemalige Leiter einer vom Roten Kreuz betriebenen Erstaufnahmeeinrichtung. "Nicht wenige schlucken zudem Tabletten, die sie in großer Stückzahl mitbringen: Antidepressiva, Beruhigungs- und Schlafmittel. Diese Personen stehen eigentlich die ganze Zeit völlig neben sich." Auch im Zuge des NRW-Flüchtlingsheimskandals, bei dem es um Misshandlungen von Flüchtlingen ging, hatten mehrere Wachmänner aus der Unterkunft in Burbach übereinstimmend im Gespräch mit SPIEGEL ONLINEihre Überforderung geschildert und von regelmäßigen Schlägereien berichtet.

Im Video: Ausschreitungen im Asylbewerberheim in Suhl

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Politiker-Zitate zur Flüchtlingskrise

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) am 23. August 2015: "Es geht um Völkerwanderung, machen wir uns nichts vor. Wenn wir jedenfalls nicht bald reagieren, wird es uns am Ende allen auf die Füße fallen, egal, welches Parteibuch wir haben."

Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) am 24. August 2015 zu den rechten Krawallen vor der Flüchtlingsunterkunft in Heidenau: "Bei uns zu Hause würde man sagen, das ist Pack, was sich hier rumgetrieben hat."

Bundespräsident Joachim Gauck beim Besuch einer Flüchtlingsunterkunft in Berlin am 26. August 2015: "Es gibt ein helles Deutschland, das hier sich leuchtend darstellt gegenüber dem Dunkeldeutschland, das wir empfinden, wenn wir von Attacken auf Asylbewerberunterkünfte oder gar fremdenfeindlichen Aktionen gegen Menschen hören."

Bundeskanzlerin Angela Merkel am 31. August 2015: "Die Welt sieht Deutschland als ein Land der Hoffnung und der Chancen - das war nicht immer so."

Ungarischer Premierminister Viktor Orbán am 3. September 2015: "Das Problem ist kein europäisches Problem. Das Problem ist ein deutsches Problem."

Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn zu Orbáns Aussage, Ungarn wolle keine Muslime aufnehmen, am 3. September 2015: "Der sagt ja, er will nur Christen haben, aber wenn Orbán ein Christ ist, dann ist Kim Il Sung auch ein Christ."

EU-Kommissar Dimitris Avramopoulos zusammen mit Innenminister Thomas de Maizière bei der Bundespolizei in Rosenheim. Am 4. September 2015 sagte er auf Kos: "Es ist kein ungarisches, deutsches oder griechisches Problem. Wir brauchen Kooperation in der EU."

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker am 9. September 2015 bei seiner Rede zur Lage der Union: "Unsere Europäische Union ist in keinem guten Zustand. Es fehlt an Europa in dieser Union. Und es fehlt an Union in dieser Europäischen Union."

US-Präsident Barack Obama am 11. September 2015: "Wir müssen leider davon ausgehen, dass das Flüchtlingsthema für Jahrzehnte ein Problem sein wird. (...) Diese Flüchtlingskrise ist kein europäisches Problem, es ist eines der ganzen Welt."

Bundeskanzlerin Merkel am 15. September 2015: "Ich muss ganz ehrlich sagen: Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land."

Thüringens Ministerpräsident Ramelow am 15. September 2015 zu der vom Bundesvorstand der Linken abweichenden Bewertung der wiedereingeführten Grenzkontrollen: "Für ideologische Debatten habe ich im Moment keine Zeit. Ich muss Gebäude suchen."

Vizekanzler Gabriel am 17. September 2015: "Es macht den Eindruck, als sei Europa etwas, wo man mitmacht, wenn es Geld gibt. Und wo man sich in die Büsche schlägt, wenn man Verantwortung übernehmen muss."

Kroatiens Regierungschef Zoran Milanovic über den Plan, Flüchtlinge an die Grenze zu Ungarn zu bringen, am 19. September 2015: "Wir haben sie (die Ungarn) gezwungen, die Flüchtlinge aufzunehmen, indem wir die Leute dorthin geschickt haben. Das werden wir auch weiter machen."

Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki über die Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland am 20. September 2015: "Deutschland leuchtet in diesen Wochen und macht Europa hell."

Innenminister Thomas de Maizière nimmt am 24. September 2015 Angela Merkel in die Verantwortung für das Management der Flüchtlingskrise : "Wir sind jetzt dabei, die Dinge wieder etwas zu ordnen. Außer Kontrolle geraten ist es mit der Entscheidung, dass man aus Ungarn die Menschen nach Deutschland holt. Das war eine so große Zahl, dass es nicht mehr geordnet ging."


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