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Flüchtlingspolitik: Abschottung wäre naiv - und gefährlich

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Flüchtlinge am ungarischen Grenzzaun zu Serbien, 16. September 2015: Europa darf sich nicht abschotten Zur Großansicht
AFP

Flüchtlinge am ungarischen Grenzzaun zu Serbien, 16. September 2015: Europa darf sich nicht abschotten

Kanzlerin Merkel gerät wegen ihrer Politik zunehmend unter Druck aus den eigenen Reihen - dabei verschließen ihre Gegner die Augen vor der Realität.

Es ist ein beliebter Vorwurf dieser Tage: Wer sich für Flüchtlinge einsetzt, sei naiv, weltfremd, und so weiter. In der Unionsfraktion stehen sie gegen die eigene Kanzlerin auf und werfen ihr mehr oder weniger unverhohlen politische Blauäugigkeit vor.

Verkehrte Welt: Wirklich naiv und leichtgläubig sind jene, die Deutschland und Europa zu einer Festung ausbauen wollen. Es ist diese Schrebergartenmentalität von Politikern wie Wolfgang Bosbach, die Deutschlands Interessen in Wahrheit schadet. Sie nähren die Illusion, es gäbe einfache Antworten auf die derzeitigen Krisen, die Deutschland erreichen. Dabei merken sie nicht, dass sie letztlich eine kurzsichtige Politik betreiben, die uns und vor allem künftigen Generationen dauerhaft weit mehr schaden wird - tausendfach mehr.

Wenn Deutschland als reichstes Land der EU eine Abschottungspolitik betreibt, werden die Probleme in andere Länder verlagert, die damit erst recht nicht klarkommen. Dann werden wir erleben, wie es rundherum zu brennen beginnt.

Natürlich können Deutschland und die EU versuchen, sich abzuschotten, wir können uns auch aus dem Syrien-Krieg heraushalten oder den Fakt ignorieren, dass in Ländern wie Jordanien oder der Türkei Millionen von Flüchtlingen unter erbärmlichen Bedingungen leben müssen. Klar, geht alles. Augen zu und durch. Die Frage ist nur: Wie lange geht das gut?

Die bösen Schwestern Armut und Terror

Deutschland ist ein Land, dessen Kraft und Stärke sich aus der Globalisierung speist. Deutschlands Firmen sind auf Stabilität in den Nachbarregionen angewiesen, auf sichere Handelswege, prosperierende Handelspartner. Noch geht es uns gut, sehr gut. Aber wie lange noch?

Wenn wir es zulassen, dass sich die bösen Schwestern Armut und Terror in Weltregionen wie Asien, Afrika und dem Nahen Osten weiter ausbreiten können, wird das dramatische Folgen für uns alle haben. Dann wird uns die Massenflucht nach Europa, die wir jetzt erleben, harmlos vorkommen. Die Probleme werden sich potenzieren, unbeherrschbar werden.

Bosbach und Co. meinen, wir würden einen Kontrollverlust erleben, das ist ein schlechter Witz. Selbstverständlich darf der Polizei nicht wie zu Silvester in Köln die Situation entgleiten - aber hieraus ein Generalversagen des Staates in der Flüchtlingspolitik abzuleiten, ist eine hysterische Übertreibung. Wer das tut, hat keine Ahnung, was das wirklich ist, ein Kontrollverlust.

Wenn wir jetzt nicht handeln, Flüchtlinge aufnehmen und helfen, uns vor Ort einmischen, Milliarden in Nahost und Afrika investieren, wird der Flüchtlingsstrom erst recht zunehmen und unkontrollierbar werden.

Wer das nicht glaubt, dem sei ein Blick in die Geschichtsbücher empfohlen: Jahrhundertlang haben Herrscher geglaubt, durch den Bau von Festungen ihre Macht, ihr Leben absichern zu können. Am Ende wurden diese Festungen immer eingenommen - oder ihre Bewohner sind verhungert.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 1023 Beiträge
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1. Recht hat er!
eric1 15.01.2016
Endlich mal eine vernünftige Analyse der Situation und der möglichen Konsequenzen wenn Politiker populistisch dem rechten Druck nachgeben würden!
2. eher umgekehrt
balouchen 15.01.2016
Oje Herr Nelles, ich denke eher, dass Ihre Wahrnehmung der Realität etwas verschoben ist und Sie partout die Probleme und Kosten aufgrund Ihrer politischen Einstellung nivht sehen WOLLEN. Das Problem ist nur, dass es mittlerweile kein Kavaliersdelikt mehr ist, sondern es schlicht darum geht, wie wir hier in den nächsten 20 Jahren leben wollen
3. Nicht abschotten;
undog 15.01.2016
denn ich will die Inner-EU Liberalität und offene Schengen-Grenzen nicht verlieren. Es genügt völlig, ab morgen früh alle staatl. Leistungen an Einwanderer zu streichen und alles von jenen privat leisten zu lassen, welche sich der Willkommesskultur verschrieben haben.
4. Die Probleme der Welt
derweise 15.01.2016
sind nicht mehr zu lösen. Prof. Dr. Heinz Haber hat schon in den siebziger Jahren auf das Problem der Überbevölkerung hingewiesen. Damals waren 3,5 Milliarden Menschen auf dem Planeten. Heute sind es über 7 Milliarden. Passiert dagegen ist gar nichts!
5. Festung Europa...
Bürger Icks 15.01.2016
"Jahrhundertlang haben Herrscher geglaubt, durch den Bau von Festungen ihre Macht, ihr Leben absichern zu können. Am Ende wurden diese Festungen immer eingenommen - oder ihre Bewohner sind verhungert." Wie wahr!
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