Passau "Es ist nur eine Frage der Zeit, wann das erste Baby hier erfriert"

Erneut sind Tausende Flüchtlinge an der deutsch-österreichischen Grenze angekommen. Viele mussten stundenlang in der Kälte ausharren. Polizei und Helfer sind überlastet, die Notunterkünfte voll.

Flüchtling mit Baby an deutsch-österreichischer Grenze: Warten in der Kälte
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Flüchtling mit Baby an deutsch-österreichischer Grenze: Warten in der Kälte


Die Notquartiere für Flüchtlinge in Passau und Umgebung sind komplett gefüllt. Gegen 3 Uhr am Morgen seien die letzten wartenden Flüchtlinge von den Grenzorten in die Unterkünfte gebracht worden, sagte der Sprecher der Bundespolizeiinspektion Freyung, Heinrich Onstein. "Die Menschen mussten länger in der Kälte ausharren, als uns lieb war."

Vor allem in den frühen Abendstunden hatte die Zahl der Busse, die Flüchtlinge aus Österreich an die Grenze transportierten, noch einmal zugenommen. Stundenlang hatte der Großteil der Menschen bei Dunkelheit, Nässe und Kälte auf den Weitertransport nach Deutschland warten müssen.

"Es ist nur eine Frage der Zeit, wann das erste Baby hier erfriert", sagte Lothar Venus von der Stabsstelle des Landkreises Passau. Das Hauptproblem ist mittlerweile die zu geringe Zahl von Bussen, die die Menschen von der Grenze in die Notquartiere nach Deutschland bringen.

6500 Flüchtlinge kamen am Mittwoch in Bayern an

Um die Wartezeiten bei Wegscheid zu verkürzen, hatte die Einsatzleitung am späten Abend zunächst geplant, etwa 300 Flüchtlinge drei Kilometer zu Fuß zu einer Unterkunft zu führen. Ein Unternehmer hatte kurzfristig eine Werkstatthalle leer geräumt und zur Verfügung gestellt. Wegen der schlecht beleuchteten Bundesstraße, auf der die Migranten hätten gehen müssen, wurden sie schließlich per Bus zur Halle gebracht.

Insgesamt waren am Mittwoch mehr als 6500 Flüchtlinge im Grenzgebiet angekommen.

"Die wichtigste Aufgabe lautet jetzt, die Hallen wieder zu räumen, um Kapazitäten für die Flüchtlinge zu schaffen, die heute ankommen", betonte Onstein am Donnerstagmorgen. In der Dreiländerhalle werden derzeit 1500 Menschen versorgt, in den Paul-Hallen 1000. Hinzu kommen zahlreiche kleinere Notquartiere, in denen sich jeweils mehrere Hundert Migranten aufhalten.

Im Laufe des Tages sind vier Sonderzüge von Passau geplant, die mehr als 2000 Menschen auch in andere Bundesländer verteilen sollen. So fahren Züge unter anderem nach Köln und Hannover.

Polizeigewerkschaften sind alarmiert

Gewerkschafter beklagen eine Überlastung der Bundespolizei durch zusätzliche Aufgaben in der Flüchtlingskrise und anhaltende Grenzkontrollen. Bei den Beamten, die an der Grenze zu Österreich im Einsatz seien, hätten sich allein von Mitte September bis Mitte Oktober mehrere Hunderttausend Überstunden angesammelt, sagte der Vize-Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jörg Radek.

Der Vize-Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Ernst Walter, sagte: "Wir können nicht mehr auf große Lagen reagieren." Die Bundespolizei habe ihre Einsätze rund um Fußballspiele und Demonstrationen bereits herunterfahren müssen, weil schlicht das Personal dafür fehle.

Die Bundespolizei hat rund 40.000 Mitarbeiter. Etwa 31.000 davon sind Vollzugsbeamte. Wegen der Flüchtlingskrise sind Bundespolizisten verstärkt im Ausland eingesetzt - etwa zur Unterstützung der EU-Grenzschutzagentur Frontex. Viel Personal binden vor allem die Kontrollen an der Grenze zu Österreich. Dort sind momentan mehr als 2000 Beamte im Einsatz - etwa viermal so viel wie zu normalen Zeiten.

Video vom Grenzort Wegscheid: "Sie sind nun in Deutschland"

AP/dpa
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syd/dpa

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