Suche nach Unterkünften Flüchtlinge sollen in Gewerbegebieten unterkommen

Ansturm auf Europas Grenzen und Chaos in deutschen Flüchtlingsheimen - doch wo sollen all die Menschen untergebracht werden? Der Bundestag will nach SPIEGEL-Informationen über Unterkünfte in Gewerbegebieten diskutieren.

Flüchtlinge in der Erstaufnahmeeinrichtung in München: Warten auf ein neues Zuhause
DPA

Flüchtlinge in der Erstaufnahmeeinrichtung in München: Warten auf ein neues Zuhause


Hamburg - Die Situation für Flüchtlinge ist in Deutschland desolat: Um ihre Asylanträge zu bearbeiten, bräuchte es mehr Personal, um sie medizinisch zu versorgen, mehr Ärzte - und um sie unterbringen zu können, vor allem mehr Platz.

(Diese Meldung stammt aus dem gedruckten SPIEGEL. Den neuen SPIEGEL finden Sie hier.)

Heime in Gewerbegebieten sind nach SPIEGEL-Informationen ein Lösungsvorschlag, der diese Woche im Bundestag diskutiert wird. Das Problem daran: Nach deutschem Baurecht dürfen Wohnhäuser nicht zwischen Fabrikhallen stehen, doch mit Blick auf die steigenden Flüchtlingszahlen will der Bundesrat diese Vorschrift nun lockern – wenn auch nur für Asylbewerber.

Bedenken zu dieser Ausnahmeregelung äußern die Grünen: "Grundsätzlich müssen Flüchtlingsunterkünfte in Wohngebieten liegen, mit Anschluss an die Infrastruktur vor Ort und nicht in Gewerbegebieten," verlangt Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt. "Wir können aber nicht unsere Augen davor verschließen, dass es derzeit Situationen gibt, wo in einzelnen Kommunen keine anderen Lösungen gefunden werden." Der Bund habe zahlreiche Liegenschaften, beispielsweise in ortsnahen, ehemaligen Kasernen, "die er den Kommunen dringend für die Unterbringung von Flüchtlingen zur Verfügung stellen muss, so Göring-Eckardt. "Dazu muss Finanzminister Schäuble die Politik der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA) ändern, weg von der reinen Profitorientierung."

Auch der Deutsche Anwaltverein (DAV) kritisiert die "Zweiklassengesellschaft", die Einzug ins Baurecht halte. "Die Lärmbelastung in Gewerbegebieten ist um ein Vielfaches höher als etwa in Mischgebieten, wo auch Wohnhäuser stehen dürfen", sagt Thomas Lüttgau, Verwaltungsrechtsexperte des DAV.

Büroflächen umbauen

Eine Reaktion auf die aktuelle Debatte um Engpässe bei der Unterbringung kommt nun aus der Wirtschaft: Der Münchner Siemens-Konzern will Büroflächen zu Flüchtlingsunterkünften umwidmen. Nach SPIEGEL-Informationen überprüfen die Stadt und das bayerische Sozialministerium zurzeit auf Anregung des Betriebsrats am Standort Richard-Strauss-Straße in Bogenhausen, ob dort demnächst mehrere Hundert Ankömmlinge aus Syrien, dem Irak oder anderen Ländern aufgenommen werden können.

In dem rund 30.000 Quadratmeter großen Komplex im Münchner Osten war bislang die Vertriebsabteilung für den Raum Süddeutschland untergebracht. Nachdem die dort verbliebenen Siemens-Mitarbeiter kürzlich an den Stadtrand nach Neuperlach umgezogen sind, stehen die Büroräume nebst Kantine und Sanitäranlagen leer.

In einem Brief an die Arbeitnehmervertreter lobte Siemens-Chef Joe Kaeser die Aktion ausdrücklich, sie stehe "in der besten Tradition von Siemens als sozial engagiertem Unternehmen". Ob die Industrieimmobilie tatsächlich als Flüchtlingsunterkunft genutzt werden kann, wollen Architekten, Sicherheitsexperten und die Behörden in den nächsten Tagen klären.

  • Spanien-Marokko, Griechenland-Türkei, Ungarn-Serbien: Orte entlang dieser drei Grenzen zeigen, mit welch rabiaten Methoden sich Europa gegen Arme und Schutzsuchende abschottet. SPIEGEL-Reporter Maximilian Popp und Fotograf Carlos Spottorno reisten zu Schutzzäunen und in Auffanglager, sie begleiteten Patrouillen auf See und trafen Flüchtlinge, die alles riskieren für eine Zukunft in Europa.
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insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
mr.s8 02.11.2014
1. Wir haben Probleme...
Da kommt jemand aus einem Land in dem Krieg herrscht und ist froh darüber, dass er da irgendwie heil raus gekommen ist. Wie soll man demjenigen erklären, dass er wegen einer bescheuerten Vorschrift keine Unterkunft bekommt, nur weil dieses Gebäude nicht dafür vorgesehen ist? Die Leute wollen einfach ein Dach über dem Kopf! Wo liegt denn eigentlich das Problem?
manugel 02.11.2014
2. Wie jetzt?
Aus "Der Bundestag will nach SPIEGEL-Informationen über Unterkünfte in Gewerbegebieten diskutieren. " macht SPON die - wieder mal aufmerksamkeitsstarke - Überschrift "Flüchtlinge sollen in Gewerbegebieten unterkommen". Also kennt SPON das Ergebnis der Debatte schon?!
AmyYma 02.11.2014
3. es gibt genug ...
... Möglichkeiten, wenn man denn will. Der Krieg wird noch lange dauern. Darum gebt den Leuten Möglichkeiten, sich einzubringen. Lasst Sie mindestens zum Mindestlohn arbeiten dürfen. Dazu Deutschkurse und sie werden dem armen deutschen Staat nicht auf der Tasche liegen. Laßt sie so lernen, was (deutsche) Demokratie ist und lasst sie erleben, was Meinungsfreiheit und Freizügigkeit bedeutet. Gebt ihnen und ihren Kindern ordentliche Ausbildung, insofern es daran mangelt. Wenn dann irgendwann wieder Frieden in ihrem Land herrscht, und einige (sicherlich nicht alle, warum auch, wenn sie hier Wurzeln geschlagen haben) wieder in ihre Heimat gehen, werden sie diese Erfahrungen mitnehmen und von unten eine Demokratie in ihrem Land aufbauen wollen. Oft genug so umgesetzt, wird es mehr als Brücken bauen, sondern den Boden für Fanatiker bekannter Art einschränken bzw. verhindern. Behandelt sie wie Menschen.
wolf b. 02.11.2014
4.
Bei mir im Dorf (400 Einwohner) würde die Gemeinde gerne Flüchtlinge im nicht mehr genutzten Schulhaus unterbringen. Die wären hier auch in der Bevölkerung willkommen solange es nicht Hunderte sind. Leider gibt es da irgend welche baurechtlichen Probleme die ich nicht verstehe. Schon immer gab es 2 Lehrerwohnungen und 5 Klassenräume mit entsprechenden Sanitäreinrichtungen inklusive Duschen bei der Turnhalle. Zwei Familien in den Wohnungen und etliche Personen in den Klassenräumen hätten eine relativ komfortable Unterkunft wenn man das nicht überbelegt. Eine dezentrale Unterbringung halte ich eh für das beste. Ein paar Flüchtlinge sind eine Bereicherung für die Gemeinde, zu viele eine Belastung.
Chipslette 02.11.2014
5. Was für eine Heuchelei!
Ich finde diese Überlegungen beschämend, da ich sie latent diskriminierend nennen würde. Hauptsache, unsere Spießbürger kommen bloß nicht direkt mit dem Elend in Berührung (und auch nicht so richtig mit, wenn wieder wer abgeschoben wird). Es gibt tausende von leerstehenden Häusern in diversen Städten, wo man die Menschen menschenwürdig unterbringen könnte - damit könnte man vermutlich sogar Geld sparen, weil nicht erst eine entsprechende Infrastruktur geschaffen werden müsste. Hätte natürlich den Nachteil, dass diese potentiell kriminellen Elemente nicht gleich interniert und überwacht sind, sondern sich tatsächlich in unser aller Mitte bewegen könnten.
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