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Syrische Band Khebez Dawle: Auf der Flucht - und auf Tour

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Sie kamen mit einem Schlauchboot in Griechenland an und verteilten am Strand CDs an Touristen: Die Band Khebez Dawle floh aus Syrien, machte ihre Flucht zu einer Europa-Tour. Nur ihr Schlagzeuger fehlt noch.

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Anas Maghrebi schließt immer wieder die Augen, während er singt. Dazu legt er den Kopf in den Nacken, wippt mit dem Oberkörper hin und her. In den Saal dringen lange, helle Töne, arabische Zeilen, die kaum jemand im Publikum versteht. Vor der Bühne in einem Hangar in Berlin-Tempelhof sitzen Unternehmer, Politiker, Wissenschaftler. Die Männer tragen Anzüge, die Frauen High Heels. Einige tuscheln oder tippen in ihre Smartphones, während Maghrebi vollkommen in seine Musik zu versinken scheint.

Es ist der erste Auftritt der syrischen Poprock-Band Khebez Dawle in Berlin. Maghrebi hat zwischen seine Beine eine Rahmentrommel geklemmt, die er sonst in einer bunten Plastiktüte mit sich herumträgt. Neben ihm stehen Hekmat Qassar am Keyboard und Muhammed Bazz an der Gitarre, sie spielen eine Akustikversion ihres Liedes "In den Straßen". In Syrien dürfen sie damit nicht mehr auftreten.

VIDEO: Khebez Dawle spielen "Belsharea'"

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2013 haben die Männer ihre Heimat verlassen, nachdem ein befreundeter Musiker im Auto durch einen Schuss in den Nacken hingerichtet worden war. "Wir haben unser Bestes versucht, in unserem Land zu bleiben", sagt Maghrebi. "Aber wir sind an einen Punkt gekommen, an dem es nicht mehr ging." Für Künstler wie sie, für kreative und gebildete Menschen, die nicht im Krieg kämpfen wollten, gebe es dort keinen Platz mehr.

Zusammen mit seinen Bandkollegen flüchtete Maghrebi nach Beirut. Als Khebez Dawle nahmen sie dort eine CD auf und spielten Konzerte. Der Name der Band heißt übersetzt "Brot des Staates". Es soll daran erinnern, dass ein Volk mehr braucht als die blanke Existenzsicherung; eine stabile Regierung, eine funktionierende Gesellschaft, Freiheit.

Genauso wie der Name der Gruppe sind auch die Botschaften ihrer Songs hochpolitisch. "Du hast von deinen Leuten gelernt / du wurdest vergiftet von der Milch deiner Mutter", singt Maghrebi in "Idiotisch". "Finde eine Möglichkeit, um für eine Minute wach zu werden / und versuche zu verstehen, was wirklich los ist".

Maghrebi (r.) und Keyboarder Qassar: "Wir hatten Spaß" Zur Großansicht
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Maghrebi (r.) und Keyboarder Qassar: "Wir hatten Spaß"

Doch auch in Beirut fühlte sich die Band nicht frei. Außerhalb des Libanon konnte sie nicht auftreten, weil die Männer mit dem syrischen Pass kein Visum bekamen. Das wollten sie nicht akzeptieren. "Wir waren im Libanon nicht in Not", sagt Maghrebi. Trotzdem machte er sich mit den anderen auf den Weg, den schon so viele seiner Landleute gegangen sind: illegal in Richtung Europa.

In der Türkei stiegen die Musiker in ein Schlauchboot und steuerten die griechische Insel Lesbos an. 1200 Euro bezahlte jeder von ihnen an einen Schlepper, um die zehn Kilometer zur europäischen Küste zu überwinden. Mit im Gepäck waren etwa 50 der CDs, die sie vorher in Beirut aufgenommen hatten. Für Labels in Europa.

Doch am Strand der griechischen Insel kam es anders: Das Boot setzte direkt an einem Hotelstrand auf, Maghrebi und die anderen stiegen aus und begannen, ihre Platten an Urlauber zu verteilen, die sich dort gerade sonnten. "Wir haben ihnen 'Hallo' gesagt. Normalerweise sieht man verängstigte Menschen aus den Booten steigen, traurige Gesichter", sagt Maghrebi. "Aber wir hatten Spaß."

Von der Aktion gibt es Videoaufnahmen, viele Medien berichteten, Khebez Dawle wurden schlagartig auch in Europa bekannt. In Kroatien - einer weiteren Etappe ihrer Flucht - organisierten fremde Künstler spontan ein Konzert mit ihnen, es war ausverkauft. Die Flucht wurde zur Europa-Tour, die Instrumente lieh sich die Band zusammen. Es gab ein zweites Konzert in Zagreb, dann noch zwei in Wien. Vor einem Monat kamen die Männer in Berlin an.

Anas Maghrebi und Gitarrist Bazz bei ihrem Khebez-Dawle-Konzert in Zagreb Zur Großansicht
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Anas Maghrebi und Gitarrist Bazz bei ihrem Khebez-Dawle-Konzert in Zagreb

"Wir haben eine Mission", sagt Maghrebi. Sein Ziel ist ein freies Syrien, aber genauso eine Welt ohne Grenzen und Pässe. Wenn der Sänger über Politik spricht, wird sein Ton lauter, seine Hände beginnen zu zittern. Es geht ihm nicht darum, schöne Musik zu machen, zu der die Menschen feiern und tanzen können. "Sie sollen sich danach hinsetzen und darüber reden."

Deswegen spielen Khebez Dawle auch in Berlin - anders als man es von einer Rockband erwarten würde - nicht in einem verrauchten Club in Berlin-Kreuzberg vor Szenepublikum, sondern morgens um halb zehn auf einer Social-Business-Konferenz. Vor ihnen sitzen Menschen aus Industrienationen, die genauso wie sie etwas ändern wollen.

Liebt ihr Assad? "Ich liebe niemanden"

Trotz der politischen Haltung der Band nehmen die Mitglieder aber keine eindeutige Position zu dem Krieg in Syrien ein. Am Anfang gingen sie noch mit den Demonstranten gegen das Regime von Machthaber Baschar al-Assad auf die Straße. "Aber jetzt ist es nur noch ein chaotisches Durcheinander", sagt Maghrebi. An einem Imbissstand fragt ein Fremder die Männer auf Arabisch: Liebt ihr Assad? "Ich liebe niemanden", entgegnet Keyboarder Qassar. Diskussion beendet.

Komplett ist die Band noch nicht, der Drummer ist in der Türkei. Mittlerweile ist es zu kalt für eine illegale Flucht, deswegen versuchen sie, ein Visum für ihn zu bekommen. Die übrigen Bandmitglieder in Berlin konnten ihren Status auch noch nicht klären, zumindest registriert sind sie inzwischen. Zu acht leben die Künstler in einem kahlen Raum einer Berliner Flüchtlingsunterkunft. Vier Hochbetten stehen dort nebeneinander, sonst nichts; kein Schrank, nicht einmal ein Tisch.

Für Maghrebi war die Flucht dennoch eine Befreiung. "Einmal im Leben hast du die Chance, zu zeigen, dass du frei bist, auch wenn dich niemand haben will." Solange wartet er darauf, dass über seinen Asylantrag in Deutschland entschieden wird, damit er mit dem neuen Pass ganz legal reisen kann, wohin er will.

Pläne hat er schon genug: Es soll eine zweite Europatour der Band geben, nur andersherum; angefangen in Deutschland, über Österreich und Kroatien, mit dem abschließenden Konzert auf Lesbos, wo ihre erste Tour begonnen hatte.


Zusammengefasst: Die syrische Band Khebez Dawle ist aus ihrem Heimatland nach Europa geflohen. Auf ihrer gefährlichen Reise nach Deutschland haben sie Konzerte in ausverkauften Clubs gespielt. Jetzt leben sie in einer Berliner Flüchtlingsunterkunft und haben Asyl beantragt. Mit dem deutschen Pass wollen sie erneut eine Tour durch Europa machen - in entgegengesetzter Richtung.

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Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Imad Khamis

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