Terrorermittlungen Tausende afghanische Flüchtlinge bezeichnen sich selbst als Taliban

Die Sicherheitsbehörden sind mit einem neuen Phänomen konfrontiert: Nach SPIEGEL-Informationen erklären immer mehr afghanische Flüchtlinge, sie seien Kämpfer der Taliban gewesen. In 70 Fällen wird bereits ermittelt.

Taliban-Kämpfer (Archivbild)
AP

Taliban-Kämpfer (Archivbild)

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Im Zuge der Flüchtlingskrise sind seit dem Jahr 2015 womöglich mehrere Tausend Taliban-Kämpfer aus Afghanistan nach Deutschland gekommen. Nach SPIEGEL-Informationen meldete das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) den deutschen Sicherheitsbehörden, dass bis heute eine mittlere vierstellige Zahl von Personen bei ihren Interviews angab, dass sie Kontakte zu der radikal-islamistischen Gruppe in Afghanistan hatten oder sogar für sie kämpften.

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Auf die Sicherheitsbehörden kommt wegen der Selbstbezichtigungen viel Arbeit zu. Nach SPIEGEL-Informationen ermittelt der Generalbundesanwalt bereits in mehr als 70 Fällen. Sechs Männer sitzen in Untersuchungshaft. Nächste Woche beginnen in Berlin und Koblenz die ersten Verfahren gegen beschuldigte Afghanen. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL.)

Ob es sich bei den Flüchtlingen tatsächlich um ehemalige Taliban-Kämpfer handelt, ist bisher unklar. Die Behörden rätseln noch über die Motive der Beschuldigten: Manche hoffen womöglich auf bessere Bleibeperspektiven, wenn sie sich als ehemalige Taliban ausgeben. Dabei könnten sie darauf spekulieren, dass sie nicht nach Afghanistan abgeschoben werden, weil eine Mitgliedschaft bei den Taliban dort mit der Todesstrafe geahndet wird.

"Grenzen der Leistungsfähigkeit" erreicht

Deutsche Ermittler rechnen nun mit zahlreichen Terrorprozessen gegen mutmaßliche Taliban-Kämpfer - zusätzlich zu den laufenden Verfahren gegen angebliche Mitglieder des "Islamischen Staats". Generalbundesanwalt Peter Frank hatte die Landesjustizminister erst im Januar in einem Brandbrief gewarnt, die "Grenzen der Leistungsfähigkeit" seiner Leute seien erreicht.

Die Taliban sind ein Zusammenschluss verschiedener islamistischer Gruppen, die in Afghanistan Ende der Neunzigerjahre kurzzeitig die Macht in dem vom Bürgerkrieg geschüttelten Land übernommen hatten. Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 wurden sie von der durch die USA geführten Militärintervention aus den großen Städten vertrieben.

Bis heute aber ist die Gruppe aktiv. So kämpften die Taliban mit Anschlägen und Attacken bis 2014 erbittert gegen die in Afghanistan stationierten, internationalen Streitkräfte, auch die Bundeswehr im Norden des Landes geriet immer wieder ins Visier der Islamisten.

Seit dem teilweisen Abzug der Nato-Truppen richten sich die Taliban bis heute gegen die aus ihrer Sicht illegitime zivile Regierung in Kabul, greifen die Armee an und töten bei Bombenanschlägen immer wieder viele Zivilisten. Laut Einschätzungen der Uno kontrolliert die Gruppe fast die Hälfte des afghanischen Staatsgebietes.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL - ab Samstagmorgen erhältlich.

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