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S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Importierter Judenhass

Eine Kolumne von

Von manchen wird die Willkommenskultur als Versöhnungswerk zwischen Muslimen und Christen gefeiert. Schade nur, dass die Juden dabei außen vor sind. Wir sollten nicht unterschätzen, wie weit der Antisemitismus unter arabischen Flüchtlingen reicht.

In Deutschland leben etwa 200.000 Juden, genau weiß man es nicht. Das ist von den vielen Wundern, die das Land seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt hat, vielleicht das größte. Bevor sich die Deutschen daran machten, ihre jüdischen Mitbürger zu verfolgen und zu ermorden, waren es 500.000. Das entsprach gerade mal 0,8 Prozent der Gesamtbevölkerung, was den Nachbarn aber immer noch zu viel war. 200.000 Menschen jüdischen Glaubens ist verglichen mit dem Stand vor 1933 keine so geringe Zahl.

Nach allem, was man hört, fühlen sich die Juden in Deutschland sogar ziemlich sicher. Wer Jude ist, verliert nie die Angst, dass morgen alles wieder anders sein kann, aber diese Angst ist, was Deutschland angeht, geringer ausgeprägt als in anderen Ländern.

Die Deutschen müssen sich überlegen, wie wichtig es ist ihnen ist, dass sich Juden unter ihnen wieder sicher fühlen. Wenn wir Hunderttausende Flüchtlinge aus Syrien, Pakistan und Afghanistan Zuflucht gewähren, ist uns deren Dank sicher - manche Deutsche sehen in der Aufnahme bereits ein Versöhnungswerk zwischen muslimischer und christlicher Welt. In den jüdischen Gemeinden fragt man sich allerdings, ob der Dank der Zuwanderer wohl auch Leute einschließt, die in den Herkunftsländern der Flüchtlinge jeden Tag verdammt und verflucht werden.

Wie antisemitisch sind arabische Flüchtlinge?

Wir bilden uns ein, wir hätten Erfahrung mit der Einwanderung aus muslimischen Ländern, aber das ist eine Selbsttäuschung. Wir haben Erfahrung mit der Einwanderung aus der Türkei, das ist etwas ganz anderes. Wer länger im Nahen Osten zugebracht hat, weiß, dass Antisemitismus dort endemisch und für den Zusammenhalt der Staaten konstitutiv ist.

Vergangene Woche hat Josef Schuster vom Zentralrat der Juden in Deutschland seine Sorgen in einem Gespräch mit einem Redakteur der "Welt" beschrieben. "Viele der Flüchtlinge fliehen vor dem Terror des 'Islamischen Staates' und wollen in Frieden und Freiheit leben", sagte Schuster, "gleichzeitig aber entstammen sie Kulturen, in denen der Hass auf Juden und die Intoleranz ein fester Bestandteil ist."

Der Zentralratsvorsitzende ist dafür sehr angegriffen worden, auch weil er ein paar Sätze später davon sprach, dass man in der Flüchtlingskrise um eine Obergrenze wohl nicht herum kommen werde. Offenbar fällt es manchen Leuten schwer, zwei unabhängige Gedankengänge nebeneinander auszuhalten, sie können nur in Kausalitäten denken.

Hinwegsehen ist keine Lösung

Schon jetzt gibt es Gegenden, in denen man sich als Jude besser nicht zu erkennen gibt. In der "Süddeutschen Zeitung" konnte man vor ein paar Tagen lesen, dass in Berlin-Neukölln eine Kippa ausreicht, um angerempelt und angespuckt zu werden. Im SPIEGEL gab es ein ähnliches Stück, in dem Lehrer schilderten, wie tief die Ablehnung in manchen Problembezirken reicht. Die Lehrerin an einer Hamburger Stadtteilschule berichtete, wie die beiden einzigen jüdischen Schülerinnen täglich gepiesackt würden. Sie hatten ein paar Brocken Hebräisch gesprochen, das reichte, um den Zorn der Mitschüler zu provozieren.

Anhänger der Willkommenskultur ziehen es häufig vor, über den Antisemitismus der aus dem arabischen Raum zu uns Kommenden hinwegzusehen. Ich bin neulich in eine Diskussion geraten, in der ein junger, jüdischer Kollege sehr engagiert die Meinung vortrug, dass viele Deutsche keine Ahnung hätten, wie tief der Antisemitismus unter arabischen Migranten reiche. Alles, was den Umstehenden als Entgegnung einfiel, war der Einwand, dass der Vorwurf des Antisemitismus doch ziemlich pauschal sei. Dass man ohne Verallgemeinerungen zu keiner Beschreibung der Wirklichkeit kommt, schien ihnen nicht einmal in den Sinn zu kommen.

Was tun? Die CDU hat vorgeschlagen, Flüchtlinge darauf zu verpflichten, das Existenzrecht Israels anzuerkennen. Das ist eine gute Idee, aber das reicht nicht. Wenn ich frierend an einer Grenze stünde, würde ich so ziemlich alles unterschreiben, was man mir hinhält.

Wahrscheinlich braucht es einen Strafkatalog, der die Anfeindung wegen einer Kippa nicht als Nichtigkeit betrachtet, sondern als ernstes Vergehen. Aus gutem Grund kann einen in Deutschland schon ein "Heil Hitler" teuer zu stehen kommen, warum soll das nicht auch für die Herabsetzung von Menschen gelten, weil sie Juden sind? "Hate Crime" nennt man in Amerika Straftaten, für die es wegen der Gesinnung, die sich in ihnen offenbart, einen Strafaufschlag gibt.

Wir Deutschen haben gezeigt, dass die Tabuisierung des Antisemitismus ganz gut funktioniert, wenn es einem ernst damit ist. Selbst glühende Anhänger des Dritten Reiches beugten sich dem Anpassungsdruck und behielten ihre Anschauungen in der Bundesrepublik lieber für sich. Manche Stütze der neuen, demokratischen Gesellschaft war Nazi gewesen, wie zu Tage trat, wenn zeithistorisch interessierte Journalisten den Lebenslauf um vergessene Teile komplettierten, die man dem bewunderten Mann gar nicht zugetraut hätte.

Der Opportunismus hat bekanntlich einen schlechten Leumund. Aber manchmal ist es besser, wenn Menschen ihr Fähnchen nach dem Wind hängen, als wenn sie sich als Gesinnungstäter erweisen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 330 Beiträge
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1. Ich finde es gut
beaker24 01.12.2015
Ich finde es gut, dass einige Artikel bei SpON einen gewissen Realitätsbezug haben. So auch dieser hier. Und da sage noch einer die deutsche Presse kriegt nix mehr mit.
2. Meine persönliche Apokalypse
Sueme 01.12.2015
Fleischhauer hat mal was verstanden. Man mag allerdings anmerken das der Hass und die Intoleranz mancher Neuankömmlinge nicht allein den Juden gilt, sondern so ganz allgemein den Andersgläubigen.
3. Und nochmal Danke. Auch dieser Artikel
cecil261 01.12.2015
...unterscheidet sich wohltuend vom Israel Bashing das man in den letzten Monaten überall hinterhergeschmissen kam
4. Der Zentralrat wacht langsam aus dem
micromiller 01.12.2015
Tiefschlaf oder der Schockstarre auf... Frau Merkel hat natürlich nicht daran gedacht, dass da was schief laufen kann, wie könnte sie auch ..
5. Ein sehr guter Vorschlag!
riedlinger 01.12.2015
Antisemitismus ist in Deutschland nicht hinnehmbar (er ist nirgendwo hinnehmbar, aber in Deutschland schon überhaupt nicht). Es müssen JETZT konsequente Maßnahmen getroffen werden, um von vornherein zu verhindern, dass sich Antisemitismus hier einnistet und sich antisemitische Subkulturen bilden. Vom Islamismus wissen wir, dass einige wenige Schreihälse ein ganzes Biotop vergiften können. Für solche Schreihälse muss es heftige Reaktionen geben bis hin zur sehr zügigen Ausweisung. Gutmenschentümelndes, betrenes Hinnehmen auf dem Pipifax-Level "Antisemitismus ist echt nicht so ganz korrekt" würde Schleusen des Widerlichen öffnen, die wir dann nie, nie wieder zubekommen.
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