Unicef zu Flüchtlingskindern in Deutschland Schlechte Versorgung, keine Beachtung

Sie haben keine Privatsphäre, müssen sich Arztgänge genehmigen lassen oder werden schlicht übersehen. Eine aktuelle Unicef-Studie hat untersucht, wie Flüchtlingskinder in Deutschland leben - und kommt zu einem harten Urteil.

Von

Flüchtlingskinder in ehemaligem Kasernengebäude: "Hürdenlauf" bei Behörden
DPA

Flüchtlingskinder in ehemaligem Kasernengebäude: "Hürdenlauf" bei Behörden


Berlin - Ehmal ist zehn Jahre alt, als er mit seinen Eltern und zwei Schwestern Afghanistan verlässt. Auf der Flucht wird er von seiner Familie getrennt und muss sich alleine nach Hamburg durchschlagen. Dort hat er jedoch erneut mit Problemen zu kämpfen: Mit der Familie lebt er lange in einem einzigen Raum, den er als bedrückend und eng beschreibt. Es gibt keine Sprachförderung, er muss sich vieles selbst beibringen. Bei Behördengängen muss das Kind als Dolmetscher für seinen Vater fungieren.

Ehmal ist nur ein Beispiel von vielen. Unicef hat seinen Fall und weitere Ergebnisse zur Lebenssituation von Flüchtlingskindern in Deutschland in einer neuen Studie vorgestellt. Die Organisation kommt zu dem Ergebnis, dass die deutschen Behörden in vielen Fällen nicht den Prinzipien der Uno-Kinderrechtskonvention gerecht werden, die für alle Menschen unter 18 Jahren gelten. Diese besagt, dass das Kinderwohl in allen Maßnahmen, die Heranwachsende betreffen, vorrangig berücksichtigt werden muss. Deutschland hat die Konvention 1992 ratifiziert.

Altersverteilungen bei minderjährigen Asylantragsstellern
Bundestags-Drucksache 17/14812/Unicef

Altersverteilungen bei minderjährigen Asylantragsstellern

"Das deutsche Ausländer- und Asylrecht schränkt für Kinder aus Flüchtlingsfamilien den Zugang zu Bildung, medizinischer Versorgung und sozialer Teilhabe gravierend ein", schreibt der Geschäftsführer des Deutschen Komitees von Unicef, Christian Schneider: "Was wir anderswo auf der Welt als selbstverständlich ansehen, scheint im modernen Europa nicht selbstverständlich."

Laut Unicef leben 65.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland, die entweder geduldet werden oder einen Asylantrag gestellt haben. Der überwiegende Teil ist mit ihren Familien hier, doch es gibt auch knapp 2000 Kinder, die sich ohne Begleitung in Deutschland aufhalten. Viele flohen vor Krieg, Verfolgung, Zwangsrekrutierung, Beschneidung, Zwangsheirat und Diskriminierung aus ihren Heimatländern.

Herkunftsländer und jeweilige Schutzquote für begleitete Minderjährige
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge/Unicef

Herkunftsländer und jeweilige Schutzquote für begleitete Minderjährige

In Deutschland haben sie nun mit anderen Problemen zu kämpfen. "Ihre Lebenssituation, ihre oft sehr belastenden Erlebnisse im Heimatland, ihre Fluchterfahrungen und ihre Bedürfnisse finden in der öffentlichen Diskussion kaum gesonderte Beachtung", schreibt Unicef und nennt drei Hauptkritikpunkte.

  • Kinder nicht im Mittelpunkt: Die Interessen der Flüchtlingskinder spielten bei Entscheidungen über das Aufenthaltsrecht selten eine zentrale Rolle, so die Studie. Stattdessen müssten die Kinder häufig als Mittler zwischen Eltern und Behörden fungieren.

  • Keine Privatsphäre: Flüchtlingskinder sind oft in Unterkünften untergebracht, in denen sie keinen Platz für sich haben, so die Autoren der Studie. Viele leben demnach in beengten Verhältnissen mit fremden Personen. Dies sei besonders für Jugendliche in der Pubertät besonders belastend. Zudem fehle es an Freizeitaktivitäten für Kinder.

  • Eingeschränkte medizinische Versorgung: Jede Untersuchung der Kinder bedürfe einer Genehmigung durch die Behörden, so die Autoren, die Behandlung sei zudem auf "akute Erkrankungen und Schmerzzustände" reduziert. Durch die Unsicherheit, ob man im Land bleiben könne, steige zudem die psychische Belastung für Kinder.

Unicef kommt aufgrund zahlreicher schriftlicher Quellen und persönlicher Interviews mit Betroffenen und Experten zu dem Schluss, dass die Belange der Flüchtlingskinder in Deutschland von Politik, Gesellschaft und Verwaltungen oft nicht beachtet werden. Zudem seien die Kinder besonders von der sozialen Benachteiligung betroffen, denen sich Flüchtlinge ausgesetzt sehen. "Diese Zurücksetzung zieht sich durch alle Lebensbereiche."

Die Ergebnisse der Studie decken sich mit den Erfahrungen des Deutschen Kinderhilfswerks und der Organisation "Pro Asyl": "Bezogen auf Flüchtlinge ist Deutschland ein kinderrechtliches Entwicklungsland", sagte Uwe Kamp, Sprecher des Hilfswerks, SPIEGEL ONLINE. Und "Pro Asyl" ließ mitteilen: "Die Unterbringung in Flüchtlingslagern schadet den Kindern. Ihre Rechte werden massiv verletzt." Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Christoph Strässer, sprach von teilweise unzumutbaren Zuständen und forderte die Aufnahme von Kinderrechten ins Grundgesetz.

Das Fazit der Unicef-Studie (Hier können Sie die Studie in voller Länge lesen) fällt ebenfalls hart aus: "Ob beim Bildungszugang, den Möglichkeiten der Beratung und Unterstützung, der Beachtung in asyl- und aufenthaltsrechtlichen Verfahren oder durch soziale Ausgrenzung: Die Benachteiligungen und Hindernisse machen die Kindheit der Flüchtlingskinder zu einem Hürdenlauf mit offenem Ausgang."

Verteilung der Asylantragssteller in Deutschland
Bundestags-Drucksache 17/14812/ Unicef

Verteilung der Asylantragssteller in Deutschland



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 66 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
fatherted98 09.09.2014
1. Schon komisch...
...das hier nur Deutschland kritisiert wird...ob die UNICEF sich mal Flüchtlingsheime in Griechenland, Italien, Spanien oder Portugal angeguckt hat?...wohl kaum...denn dort herrschen ganz andere Bedingungen...und zwar keine besseren.
gruenbonz 09.09.2014
2. Unicef: Weniger Repräsentationsaufwand, käme Kindern zugute
UNICEF hat in der Vergangenheit leider für schlechte Schlagzeilen gesorgt. Leider hat man nach meiner Beobachtung wenig gehört über die schlimmen Verhältnisse in den Kriegsländern. Dort liegt die Ursache für das Kinderelend, nicht in Deutschland. Also, liebe UNICEF, auf nach Syrien, Libyen, Tunesien....Dort gibt es viel zu verbessern.
20099 09.09.2014
3.
Hamburg? Merkwürdig das angeblich politisch Verfolgte aus Afghanistan es immer irgendwie nach Hamburg schaffen! Dabei kommen sie vorher durch ein dutzend Staaten in denen sie definitiv keiner Verfolgung ausgesetzt wären! Aber nein: Hamburg muß es sein! Warum eigentlich? Und warum werden die nicht postwendend zurück geschickt! Mindestens Polen, Tschechien und Österreich gelten doch wohl als sichere Dritt-Staaten! Ich bin mal gespannt wann der Kessel hier explodiert!
silenced 09.09.2014
4.
Was wird wohl kommen? Ein 5" Display ... iOS 8, welches identisch mit iOS 7 sein wird, außer neue Icons ... noch schlechtere Verarbeitung als beim iPhone 5 ... ein Akku der noch kürzer hält ... und dann so Dinge, die anderswo schon lange vorhanden sind. Ich will nicht meckern, aber seit Steve nicht mehr da ist, ging es immer nur bergab mit Apple. Vielleicht nicht was den Firmenwert usw. angeht, aber die Produkte ... nein Danke. Bin übrigens mit meinem IPhone 3GS mit 32GB sehr zufrieden, und das seit 5 Jahren, mit noch immer dem ersten Akku. Seitdem konnten mich weder das 4er noch das 5er überzeugen.
otto_iii 09.09.2014
5. 638
Zitat von fatherted98...das hier nur Deutschland kritisiert wird...ob die UNICEF sich mal Flüchtlingsheime in Griechenland, Italien, Spanien oder Portugal angeguckt hat?...wohl kaum...denn dort herrschen ganz andere Bedingungen...und zwar keine besseren.
Ja, man fragt sich schon warum die Leute alle hierher wollen, wenn hier doch alles angeblich so furchtbar ist.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.