Sexuelle Gewalt in Flüchtlingsheimen "Besonders gefährdet sind alleinstehende Mütter"

Es gibt ein Problem mit sexueller Gewalt in Flüchtlingsheimen, sagt der Kindesmissbrauchsbeauftragte der Bundesregierung. Jetzt fordert Johannes-Wilhelm Rörig schnelles Handeln - und macht ein paar Vorschläge.

Ein Interview von

Erstunterkunft in Gießen: Frauen und Kinder sollen sexuell missbraucht worden sein
DPA

Erstunterkunft in Gießen: Frauen und Kinder sollen sexuell missbraucht worden sein


Mehrere Tausend Menschen leben in der Erstaufnahme für Flüchtlinge in Gießen, einer der größten Asylunterkünfte Hessens. Auf engstem Raum beginnen die Flüchtlinge ein neues Leben in Deutschland. Doch offenbar ist der Alltag in der Unterkunft auch von Angst geprägt.

Vergangene Woche wurde der Verdacht bekannt, dass in der Einrichtung 15 Frauen und Kinder sexuell missbraucht worden sein sollen. Die Polizei ermittele wegen Vergewaltigungen, Zwangsprostitution und Kindesmissbrauch, berichtete die "Bild". Offiziell bestätigt wurde das Ausmaß der Vorfälle bislang nicht. Das hessische Innenministerium spricht aktuell von vier sexuellen Übergriffen, ermittelt werde gegen einen Asylbewerber.

Auch wenn die Lage undurchsichtig ist und belastbare Zahlen fehlen, warnen Frauenverbände vor "zahlreichen Vergewaltigungen" in der Gießener Erstaufnahme. Andere Initiativen klagten über ähnliche Probleme, etwa in der Münchner Bayernkaserne.

Wie groß ist die Gefahr sexueller Gewalt in Flüchtlingsheimen? Was kann man tun, wie können sich Betroffene schützen? Der Kindesmissbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, fordert im Interview mit SPIEGEL ONLINE schnelles Handeln.


SPIEGEL ONLINE: Herr Rörig, ist in Flüchtlingsunterkünften die Gefahr sexueller Gewalt besonders groß?

Rörig: Ja, denn überall dort, wo es an klaren Strukturen und Regeln fehlt, bieten sich Möglichkeiten für Grenzüberschreitungen. In Flüchtlingsunterkünften gibt es kaum Möglichkeiten, sich zurückzuziehen. In dieser drängenden Enge können Schranken schnell fallen. Ein weiteres Problem ist, dass der Zugang zu den Einrichtungen oft nicht ausreichend geregelt ist. So könnten sich freiwillige Helfer für die Kinderbetreuung anmelden und sich die Nähe zu Mädchen und Jungen erschleichen, ohne dass sie irgendeiner Überprüfung unterzogen werden. Andere besonders gefährdete Gruppen sind alleinstehende Mütter, denen der Schutz des Ehemannes fehlt. Auch Homosexuelle sind besonders gefährdet.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Fälle von sexueller Gewalt sind Ihnen bekannt?

Rörig: Bis jetzt sind nur wenige Fälle bekannt geworden, etwa der in Gießen. Ich gehe aber von einer hohen Dunkelziffer aus. Wie in allen Einrichtungen, denen Kinder anvertraut sind, kann es zu Übergriffen durch das Personal, erwachsene Bewohner oder auch Gleichaltrige kommen. Deshalb sind präventive Maßnahmen so wichtig. Die Zahl der Missbrauchsfälle wird aber womöglich zunehmen, je länger die Menschen in großen Zahlen auf relativ engem Raum untergebracht sind.

SPIEGEL ONLINE: Sind bei Flüchtlingen die Hemmungen davor größer, sexuelle Übergriffe zu melden?

Rörig: Sicherlich. Viele Flüchtlinge kommen aus Ländern, in denen das Vertrauen in die Polizei und in staatliche Einrichtungen nicht groß ist. Sie schrecken dann auch in Deutschland davor zurück, Übergriffe zu melden. Hinzu kommt, dass viele Flüchtlinge befürchten, dass die Meldung von Übergriffen Einfluss auf ihr Asylverfahren haben könnte. Außerdem ist in vielen Herkunftsländern Sexualität mit einem Tabu besetzt. Bei Kindern und Jugendlichen ist das besonders problematisch. Sie sind oft nicht aufgeklärt, können etwa Geschlechtsteile gar nicht benennen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Maßnahmen sind nötig, um sexueller Gewalt in Flüchtlingsunterkünften vorzubeugen?

Rörig: Ich habe eine Checkliste mit Mindeststandards an alle relevanten Landesministerien und mehr als 5000 Nichtregierungsorganisationen, Verbände, Beratungsstellen und auch Jugendämter geschickt. Darin fordere ich, dass man alleinerziehende Mütter mit ihren Kindern separat unterbringt oder auch nach Geschlechtern getrennte Duschen einrichtet. Es muss außerdem Ansprechpersonen in den Unterkünften geben, an die sich Opfer im Fall eines Übergriffs wenden können.

Diese Angebote müssen in allen relevanten Sprachen bekannt gemacht werden. Außerdem muss es eine möglichst gleiche Zahl an weiblichen und männlichen Helfern in den Unterkünften geben. Um sexuellem Missbrauch von Kindern vorzubeugen, sollten ehrenamtliche Helfer, die mit ihnen zu tun haben, ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis oder wenigstens eine Selbstverpflichtung vorlegen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren die Verbände und Betreiber auf Ihre Forderungen?

Rörig: Ich hoffe, dass sie die Standards Schritt für Schritt umsetzen und nicht erst warten, bis Fälle bei ihnen bekannt werden. Viele Maßnahmen kosten nicht viel, beispielsweise die sanitären Anlagen für Frauen und Männer zu trennen oder eigene Freizeitbereiche für Kinder einzurichten. Es geht dabei doch vor allem um die Organisation und das Bewusstsein vor Ort.

Zur Person
  • Christine Fenzl
    Johannes-Wilhelm Rörig, Jahrgang 1959, ist der Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Zu seinen Aufgaben gehört die Einführung und Weiterentwicklung von Schutzkonzepten gegen sexuelle Gewalt in Einrichtungen und Institutionen.



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