Stimmungsmache gegen Flüchtlinge Wie rechte Hetzer bei Facebook manipulieren

Gestohlene Fotos, fingierte Meldungen - wenn es darum geht, Stimmung gegen Flüchtlinge zu machen, schrecken rechte Hetzer im Web nicht vor krassen Fälschungen zurück. Das zeigt auch das aktuelle Beispiel einer erfundenen SPIEGEL-ONLINE-Überschrift.

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Für Pegida gehört SPIEGEL ONLINE zur Lügenpresse. Die Macher der Pegida-Facebook-Seite nehmen es aber selber nicht allzu genau mit der Wahrheit.

Aktueller Fall: Am Sonntagabend erschien auf der Pegida-Seite ein Link zu einem SPIEGEL-ONLINE-Beitrag, dessen Überschrift nachträglich manipuliert worden war. Im Original trug unser Text über die Situation an der griechisch-mazedonischen Grenze den Titel: "Flüchtlinge in Mazedonien: Panik vor dem Zaun". Auf der Pegida-Seite wurde daraus stattdessen die Fake-Überschrift "Asylbetrüger besteigen Eurocity aus Mazedonien Richtung Germany". Vermutlich sei ein "interner Arbeitstitel" vom Volontär in der Redaktion versehentlich live geschaltet worden, hieß es in der vermeintlichen Enthüllung durch Pegida.

SPIEGEL ONLINE stellte noch am Sonntagabend bei Facebook und Twitter klar, dass es sich bei dieser Überschrift um eine Fälschung handelte und das Wort "Asylbetrüger" zu keinem Zeitpunkt verwendet worden ist. (Überschriften auf Facebook lassen sich sehr einfach ändern, mehr dazu lesen Sie hier). Inzwischen hat Pegida den Post gelöscht.

Screenshot: So erschien die gefälschte Überschrift am Sonntag bei Pegida
PEGIDA/ Facebook

Screenshot: So erschien die gefälschte Überschrift am Sonntag bei Pegida

Pegida mobilisiert inzwischen vor allem im Internet, auf der Straße hat das Bündnis an Anziehungskraft verloren. Die Facebook-Seite hat mehr als 150.000 Abonnenten. Ein Durchlauferhitzer: Hier tummeln sich Rassisten, Verschwörungsanhänger, Rechtspopulisten und -extremisten. Kaum eine andere politische Facebook-Seite kommt auf eine vergleichbar hohe Reichweite.

Dass Pegida nun eine Überschrift fälscht oder eine gefälschte Überschrift ohne Prüfung weiter verbreitet, ist nur ein Beispiel dafür, wie Rassisten im Netz manipulieren. Besonders gerne werden Fotos aus dem Zusammenhang gerissen - etwa das Bild von Migranten, die angeblich ein deutsches Mädchen in einem See in Berlin bedrängen. Ein Post aus dem Pegida-Umfeld, der auf Facebook über 10.000 Mal geteilt wurde. Allerdings ohne jeden Beleg - das Foto war mehrdeutig, lieferte keinen eindeutigen Hinweis auf den behaupteten Übergriff. Weitere Zeugen für die Missbrauchsversion fanden sich nicht, der Polizei liegen keine Hinweise darauf vor.

Mittlerweile ist auch dieser Facebook-Post gelöscht (Mehr dazu lesen Sie hier bei Vice.com).

Andere Web-Propagandisten aus der rechten Szene erfinden ganze Meldungen. So berichtete ein rechtspopulistisch-rassistisches Blog in Österreich: "Musliminnen verprügeln Frau in Reims, weil sie Bikini trug." Eine Falschmeldung, wie sich später herausstellte, tatsächlich gab es eine Auseinandersetzung zwischen jungen Frauen, darunter einige Musliminnen.

Oft haben die Fake-Nachrichten über Asylbewerber sogar einen scheinbar positiven Dreh - Teil einer perfiden Strategie. Sie dienen dem Ziel, eine Neiddebatte loszutreten und das Ressentiment zu schüren, Flüchtlinge kämen allein zum Abkassieren nach Deutschland, nicht aus politischer Not.

So verbreitete sich vor wenigen Wochen in rechtsextremen Kreisen die Meldung: "Junge Flüchtlinge mit Herz schenken obdachloser deutscher Frau ihre Einkaufsgutscheine". Dazu wurde das Foto einer angeblichen Obdachlosen mit dem Namen Marlies T. gezeigt, die die Gutscheine in die Kamera hält. Als Quelle wurde das "Bergheimer Tageblatt" angegeben. "Die haben doch die dicken Scheine im Sack" oder "Die klauen doch sowieso überall", hieß es in den Kommentaren bei Facebook.

Doch der Artikel ist eine Fälschung: Es gibt weder ein "Bergheimer Tageblatt" noch eine Obdachlose Marlies T. Das Foto ist gestohlen, es stammt von der Webseite des Deutschlandradios. Dort hatte die Journalistin Ellen Häring vor über einem Jahr in einem Selbstversuch über Einkaufsgutscheine für Asylbewerber berichtet.

Ein weiteres Beispiel: "Flüchtling aus Syrien findet 50 Euro und übergiebt sie feierlich dem Rathaus", hieß es in einer Facebook-Gruppe (Rechtschreibfehler im Original), Quelle: "Spieglein.de". Dazu wurde ein Foto von "Hassan B. aus Damaskus" veröffentlicht, der den Geldschein in die Kamera hält. Das Bild wurde von der Seite des "Westfalen-Blatts" kopiert. In Wahrheit zeigt es einen Asylbewerber aus Eritrea, ihm wurde eine Busfahrt verweigert - weil er kein Kleingeld dabeihatte, sondern nur den 50-Euro-Schein.

Es finden sich weitere solcher Falschmeldungen, der Verein Mimikama hat einige Beispiele dokumentiert. Er hat sich darauf spezialisiert, Desinformation im Internet zu dokumentieren und entlarven. Es kommt noch viel Arbeit auf ihn zu.

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