Rotes Kreuz Zahl der vermissten Flüchtlinge auf Rekordhoch

Sie fliehen über das Mittelmeer nach Europa - doch dann verliert sich ihre Spur. Tausende Familien wissen nicht, wo ihre Angehörigen sind. Das Rote Kreuz befürchtet: Viele Schicksale werden ungeklärt bleiben.

Frau in Erstaufnahmeeinrichtung Tübingen (Baden-Württemberg) vor spielenden Kindern
picture alliance / Sebastian Gol

Frau in Erstaufnahmeeinrichtung Tübingen (Baden-Württemberg) vor spielenden Kindern


Die Zahl der Suchanfragen von Migranten, die Verwandte vermissen, bleibt beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) auch 2017 auf Rekordniveau. Trotz sinkender Migrantenzahlen wurden von Januar bis Mitte Dezember bereits 2700 Anfragen neu gestellt. Das geht aus der vorläufigen Bilanz des DRK-Suchdienstes hervor. Demnach hat sich die Zahl der Suchanfragen im Vergleich zu 2014 mehr als verdoppelt, wie die "Welt" berichtet.

DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt (CDU) sagte: "Da die Identifizierung der Toten auf den Fluchtrouten nicht immer möglich ist, werden viele Schicksale ungeklärt bleiben." Erschreckend sei vor allem die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die entweder selbst nach Angehörigen suchen oder von diesen gesucht werden. Diese Zahl liege derzeit bei 1000 Mädchen und Jungen und sei damit im Vergleich zum Vorjahr unverändert.

Die meisten Suchanfragen kommen laut DRK von Afghanen, Somaliern und Syriern. "Für Familien gibt es wohl nichts Schlimmeres, als nicht zu wissen, ob ein Angehöriger noch lebt oder was mit ihm geschehen ist", so Hasselfeldt. In jedem zweiten Fall könne der DRK-Suchdienst helfen oder zumindest Informationen liefern. Doch bei einem Teil der Gesuchten müsse man davon ausgehen, dass sie bei ihrer Flucht ums Leben gekommen sind.

Bundeskriminalamt geht sogar von 9000 vermissten Flüchtlingskindern aus

Laut DRK ist der Suchdienst für viele Familien oft die letzte Hoffnung, wenn ihr eigene Suche erfolglos blieb. Wie viele Flüchtlinge derzeit genau vermisst werden, ist unklar. So gibt es kein einheitliches Erfassungssystem von unbegleiteten Minderjährigen.

Mehrere Stellen führen jedoch Statistiken über vermisste Flüchtlinge wie beispielsweise das Bundeskriminalamt. Dort galten im vergangenen Jahr 9000 Flüchtlingskinder als vermisst - viel mehr also als beim Roten Kreuz.

Experten gehen jedoch davon aus, dass die Zahl der Vermissten in der Statistik des Bundeskriminalamts in Wirklichkeit niedriger ist - auch aufgrund von vielen Doppelt- und Dreifachregistrierungen, die zustandekommen, weil viele junge Flüchtlinge ohne Pass reisen und es verschiedene Schreibweisen ihres Namens gibt.

koe



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