Streit über Asylbewerberheim in Freital Pöbel-Pingpong im Pegida-Land

"Kriminelle Ausländer - raus, raus, raus!" So wurden am Mittwoch 50 Flüchtlinge in Freital begrüßt. Es gab aber auch Aktivisten, die sie willkommen hießen. Ein ungemütlicher Abend in einer sächsischen Kleinstadt.

Von , Freital

Flüchtlingsgegner mit einer deutsch-russischen Fahne : Die Polizei muss die Unterkunft beschützen
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Flüchtlingsgegner mit einer deutsch-russischen Fahne: Die Polizei muss die Unterkunft beschützen


Den ersten lauten Moment gibt es nach etwa einer Stunde. Ein bierbäuchiger Antifa-Anhänger richtet seinen Fotoapparat auf Gegendemonstranten, die eine schwarz-rot-goldene Fahne schwenken. Die Männer springen vor, strecken ihre Mittelfinger der Kamera entgegen. Eine Frau ruft: "Deine Fresse merk ich mir!"

Es ist ein ungemütlicher Abend im sächsischen Freital, einem 40.000-Einwohner-Idyll im Speckgürtel von Dresden. Seit Wochen bekriegen sich dort Gegner und Befürworter eines Asylbewerberheims. Der Streit um die Bewohner des blassgelben DDR-Baus mit dem irreführenden Namen "Hotel Leonardo" veranschaulicht, wie die deutsche Flüchtlingspolitik derzeit das Land spaltet - und vor allem eines mit sich bringt: Hass.

Begonnen hatte der Streit um das Flüchtlingsheim schon im März, am Montag eskalierte der Konflikt: Rund 280 weitere Flüchtlinge sollten kurzfristig aus provisorischen Zelten in Chemnitz in das frühere Hotel umziehen, binnen weniger Tage. Sofort mobilisierten Rechtspopulisten wie Pegida-Mitbegründer Lutz Bachmann, der ganz in der Nähe wohnt, in sozialen Netzwerken Proteste mit vielsagenden Namen à la "Freital wehrt sich", "Frigida" und "Widerstand Freital".

Seitdem demonstrieren die Freitaler gegeneinander, getrennt von der Polizei, an diesem Mittwoch schon am dritten Tag in Folge. Und es ist ein besonderer Abend südlich von Dresden: Die vorerst letzten 50 Asylbewerber sollen aus Chemnitz mit dem Bus kommen, ihnen wollen die Aktivisten vor dem Heim einen würdigen Empfang bereiten. Möglichst ohne fremdenfeindliche Pöbeleien.

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Zusammengetrommelt hat die Befürworter schon frühabends Steffi Brachtel, sie gehört zur "Organisation für Weltoffenheit und Toleranz Freital und Umgebung". "Ich stelle mir das schrecklich vor", sagt die Aktivistin mit den langen dunklen Haaren, "von einem Flüchtlingslager ins nächste geschoben zu werden und dann so eine Begrüßung zu bekommen." Sie wolle Freital vor den "Rassisten" schützen, daher stünden sie und ihre rund 60 Mitstreiter auf dem Schotterplatz vor dem "Leonardo".

Kaum 25 Meter entfernt stehen Dutzende von Brachtels Gegnern in einer Traube, einer von ihnen ist Heiko Lembck. "Jeden Abend ist hier so eine Scheiße", sagt er, "ich halte das nicht mehr aus." Dann zeigt er auf einen Mann mit dunkler Haut und schwarzen Haaren: "Da, die leben hier doch alle auf unsere Kosten - ich verstehe einfach nicht, warum die alle hier bei uns haben wollen."

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Freital in Sachsen: Aufmarsch vor dem Flüchtlingsheim
Die Brachtels und Lembcks diskutieren nicht miteinander, tauschen ihre Argumente nicht aus. Stattdessen verachten sie sich, bekriegen sich in Internetforen und auf Facebook, bewerfen sich wahlweise mit Schimpfwörtern und Hühnereiern. Beim ersten größeren Aufeinandertreffen am Montag hatten die zwölf angerückten Polizeibeamten noch alle Mühe, die Kontrahenten voneinander fernzuhalten. Am Dienstag rückten bereits 43 Polizisten an, und nach handfesten Übergriffen stockte die Behörde am Mittwoch auf mehr als hundert Sicherheitskräfte auf. Die riegeln nun nicht nur den kleinen Platz vor dem "Leonardo" ab, sondern stellen sich auch wie ein Keil zwischen die Parteien.

Um kurz vor acht erschallen die ersten Sprechchöre. "Nazis raus" brüllen Dutzende Demonstranten, und: "Wir wollen keine Nazi-Schweine!" Es sind ausgerechnet die Asylgegner, die das fordern, und die Reaktion auf der Gegenseite ist dementsprechend ungewöhnlich: Schallendes Gelächter, tosender Applaus, dann aber auch eine Gegenattacke: "Wir wollen Euch auch nicht!"

Sprechchor zur Begrüßung

Am Rande des Platzes beobachtet eine Mitarbeiterin des Heims kopfschüttelnd das Geschehen. "Ich weiß nicht, warum es hier mehr Rassisten gibt als in Brandenburg oder Berlin", sagt sie - "aber so schlimm wie hier hab ich so was noch nie gesehen." Dabei sollte es noch schlimmer kommen.

Gegen 20 Uhr kommt der Bus mit den neuen Bewohnern an. Die Gesichter der Männer, Frauen und Kinder sehen müde und abgekämpft aus. Einige haben Reisetaschen und kleine Koffer dabei, die meisten steigen mit einer Plastiktüte oder leeren Händen aus dem Bus. Das Erste, was sie von ihren künftigen Mitbürgern hören, ist ein schallender Sprechchor: "Kriminelle Ausländer - raus, raus, raus!", krakeelen die Frigida-Anhänger. So klingt inbrünstiger Hass.

Dabei ist der Konflikt in Freital kein lokaler Sonderfall, es scheint um mehr zu gehen als um ein Asylbewerberheim. Warum sollten die Flüchtlingsgegner sonst an diesem Abend eine sonderbare Mischung aus deutscher und russischer Nationalflagge vor sich hertragen und Parolen brüllen wie "Kein Krieg mit Russland!" Pegida lässt grüßen.

Die starre Trennung in Gegner und Befürworter des Flüchtlingsheims durchbrechen an diesem Abend nur wenige Männer: Gegen 19 Uhr spazieren zwei Dutzend Asylbewerber an ihren Unterstützern, der Polizei und den Asylgegnern vorbei, um im nahe gelegenen Weißeritzgymnasium mit ein paar Lehrern Volleyball und Fußball zu spielen. Haben sie keine Angst vor dem Frigida-Mob, dem sich im Laufe des Abends noch 160 aufgebrachte Sachsen anschließen werden? "Nein, ich fühle mich hier wunderbar", sagt ein Pakistaner mit Pagenschnitt, der sich Umer nennt: "Ich habe mich noch nie so sicher gefühlt wie hier."

Bericht des Uno-Flüchtlingshilfswerks

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