Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Gewalt in Flüchtlingsheimen: Traumatisiert und eingepfercht

Flüchtlinge in Deutschland: Kein Platz Fotos
AFP

Dresden, Suhl, Bonn: Die Meldungen über Massenschlägereien in Flüchtlingsheimen häufen sich. Wenig verwunderlich, wenn teilweise traumatisierte Menschen auf engstem Raum leben. Die Politik hat die Brisanz der Lage viel zu lange ignoriert.

Es ist eine Situation, die alle Beteiligten an ihre Grenzen bringt: Die Kommunen, die Behörden, die Helfer vor Ort und am allermeisten die Menschen, um die es geht - Flüchtlinge. Sie leben Bett an Bett in Turnhallen, dicht an dicht in Zelten und manche sogar unter freiem Himmel. Von Privatsphäre keine Spur. Die Unterbringung vieler Flüchtlinge in Deutschland ist katastrophal. Die Kommunen suchen händeringend nach Unterkünften für Flüchtlinge. Es sind einfach so viele.

Kein Wunder, dass manchmal ein Funke reicht, um einen Streit außer Kontrolle geraten zu lassen. Immer häufiger kommt es inzwischen sogar zu Massenschlägereien. So hat es an diesem Wochenende in mehreren Flüchtlingsunterkünften schwere Auseinandersetzungen gegeben.

  • Im thüringischen Suhl prügelten rund 80 Menschen aufeinander ein, die in der überfüllten Landesaufnahmestelle leben. Laut Polizei erlitten dabei acht Menschen leichte Verletzungen, darunter zwei Mitarbeiter des Wachdienstes. Als Auslöser vermuten die Beamten einen nichtigen Grund. Die Polizei nahm sieben Verdächtige vorübergehend in Gewahrsam.
  • In einem Zeltlager in Dresden gerieten der Polizei zufolge am Samstag rund hundert Asylbewerber aus Syrien und Afghanistan aneinander. Sie bewarfen sich mit Pflastersteinen, Plastikstühlen, Campingtischen, Zeltstangen, Feldbettteilen und allem, was ihnen sonst noch in die Hände fiel. Acht Menschen wurden verletzt. Warum die Situation eskalierte, ist noch unklar. 80 Beamte gingen dazwischen und hielten die Streitparteien über Stunden auf Abstand. In der Nacht beruhigte sich die Lage.
  • In einem Flüchtlingsheim in Bonn beendete die Polizei einen Streit mit Schüssen. Ein Mann wurde dabei schwer an Arm und Schulter verletzt. Den Behörden zufolge hatte ein 23-Jähriger aus Guinea einen Mitbewohner mit einem Messer am Arm verletzt und flüchtete ins Obergeschoss des Flüchtlingsheims. Die Situation eskalierte, als der Flüchtling aus dem Fenster sprang und mit zwei Messern bewaffnet auf Einsatzkräfte der Polizei zulief.
  • Erst vor rund einer Woche hatte es in einer überfüllten Aufnahmestelle in Trier eine Massenschlägerei gegeben. Syrische und albanische Flüchtlinge waren während eines Fußballspiels in Streit geraten, ein Mensch war verletzt werden.

Und dies sind nur die schlimmsten Fälle, viele kleinere Rangeleien finden gar nicht den Weg in die Öffentlichkeit.

Seit Beginn des Jahres sind jüngsten Angaben zufolge 300.000 Asylsuchende nach Deutschland gekommen. Und mindestens 400.000 Menschen werden es, so die Prognose des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, in diesem Jahr aus Afrika, dem Nahen und Mittleren Osten oder den Balkanstaaten nach Deutschland schaffen. Viele sind traumatisiert von Krieg, Todesangst, Folter, Prügel und Hunger. Sie haben ihre Heimat verloren, ihr Zuhause und die Familie zurückgelassen.

Nach Angaben der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) leiden rund 40 Prozent der Asylsuchenden in Deutschland aufgrund extrem belastender Erlebnisse in ihren Heimatländern und auf der Flucht unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Von ihnen erhalten demnach jedoch nur circa fünf Prozent eine Psychotherapie.

Auch für die Flüchtlinge, die nicht traumatisiert sind, ist die Lage belastend: die Enge, das lange Warten auf behördliche Entscheidungen, das Nichtstun und teilweise auch die Sorge um die Situation der Familien in der Heimat.

"Das System in Bayern droht zu kollabieren"

Die Politik hat die Brisanz der Lage viel zu spät erkannt. Um so intensiver wird nun um Lösungen gerungen. So forderte Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) am Sonntag ein Moratorium für alle Gesetze, die die Beschaffung von Unterkünften für Flüchtlinge erschweren. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft will pensionierte Beamte einsetzen, um die Registrierung von Neuankömmlingen in Erstaufnahme-Einrichtungen des Landes zu beschleunigen. Bundesbauministerin Barbara Hendricks verlangt eine menschenwürdige Unterbringung von Flüchtlingen und appellierte an die Länder, mehr Sozialwohnungen zu bauen.

Die Länder ihrerseits fordern vom Bund eine schnellere Bearbeitung von Asylanträgen. "Der Bund hat zugesagt, die Asylverfahren zu beschleunigen. Passiert ist bisher leider zu wenig", sagte Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) in Erfurt. Ohne Bescheid könnten Flüchtlinge in der Regel keine Praktikums-, Ausbildungs- oder Arbeitsstellen angeboten werden. Seine NRW-Kollegin Kraft äußerte sich ähnlich. "Wir brauchen mehr Entscheider, mehr Personal beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge." Dieses Amt - kurz BAMF - ist für die Bearbeitung von Asylanträgen zuständig. Sein Personal sollte um bis zu 2000 Stellen aufgestockt werden, wie im Frühjahr festgelegt worden war.

Der Präsident des Bayerischen Landkreistags, Christian Bernreiter, hat sich bereits vor Längerem beklagt, die Kommunen wüssten nicht mehr, wie sie die minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge aus Somalia, Eritrea und Afghanistan alle nach Jugendhilfestandards betreuen sollen. "Der Markt an Sozialpädagogen ist leergefegt, das System in Bayern droht zu kollabieren", sagte Bernreiter dem SPIEGEL.

Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) räumte ein, dass die Politik das Thema falsch eingeschätzt habe. "Wir hatten rund zehn Jahre lang sehr niedrige Flüchtlingszahlen. Dadurch haben viele die neue Dynamik unterschätzt", sagte er der "Bild"-Zeitung.

ler

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Anzeige
  • Maximilian Popp (Hrsg.):
    Tödliche Grenzen

    Die Krise der europäischen Flüchtlingspolitik.

    SPIEGEL E-Book; 2,99 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.


SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: