Flüchtlingshelfer in Deutschland Wie der Staat Integration behindert

Viele Menschen in Deutschland engagieren sich für Flüchtlinge. Wie sehen sie ihre Arbeit, welche Erfahrungen machen sie? Ein Forschungsprojekt zeigt: Viele beklagen vor allem ewige Wartezeiten und die Bürokratie.

Sprachunterricht für Flüchtlinge (in Dresden)
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Sprachunterricht für Flüchtlinge (in Dresden)

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Erschöpfte Flüchtlinge am Bahnhof begrüßen, ihnen Wasser und Essen reichen, aussortierte Kinderklamotten in die Kleiderkammern bringen.

So oder ähnlich haben in den Sommer- und Herbstmonaten 2015 Zehntausende Deutsche Asylsuchenden geholfen. Spontan, unbürokratisch. Hilfe, die in der damaligen Situation dringend nötig war.

Seit vielen Monaten aber kommen deutlich weniger Flüchtlinge in Deutschland an. Das Aufnahmesystem funktioniert besser, die Notunterkünfte leeren sich, die Menschen werden schneller registriert.

Das bedeutet: Ehrenamtliches Engagement sieht jetzt anders aus als auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015. Die Hilfe findet weiter statt, nur dauerhafter und nicht mehr so sichtbar: Freiwillige geben seit Monaten Deutschunterricht, begleiten Familien im Alltag, durchlaufen mit den Asylsuchenden alle Stationen des Ankommens in Deutschland.

Freiwillige Helfer im September 2015 in München
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Freiwillige Helfer im September 2015 in München

Wie sehen diese Helfer ihre Arbeit? Das hat das Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) untersucht - als einen von 14 Aspekten zum Thema Flucht. Das von Staatsministerin Aydan Özoguz (SPD) geförderte Forschungsprojekt soll am 23. März vorgestellt werden. Die Ergebnisse zum Bereich der ehrenamtlichen Helfer liegen dem SPIEGEL vorab vor.

Anders als in früheren Befragungen des BMI zu Flüchtlingshelfern, in denen vor allem untersucht wurde, wer die Ehrenamtlichen sind und welche Art der Unterstützung sie leisten, konzentriert sich das aktuelle Projekt auf das Erleben der Helfer. Befragt wurden zwischen April und Dezember 2016 62 Helfer von 12 ehrenamtlichen Initiativen aus 11 Kommunen in Sachsen, Brandenburg und Berlin in Einzel- und Gruppeninterviews. Die Befragung lässt keine repräsentativen Schlüsse zu, aber sie gibt doch breiten Einblick in das Selbstverständnis und die Erfahrungen vor allem ostdeutscher Ehrenamtler.

Flüchtlingskind mit Helfer (in Rostock)
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Flüchtlingskind mit Helfer (in Rostock)

Die zentralen Ergebnisse:

Der Blick auf den Staat

  • Viele der Befragten fühlen sich bei ihrer Arbeit von staatlichen Stellen behindert oder alleingelassen. Es mache sich "eine ausgesprochene Frustration und Wut bemerkbar", heißt es in dem Forschungsbericht. Einer der Befragten berichtet zum Beispiel davon, "wie der Staat uns an allen Ecken und Kanten behindert, schnell, unbürokratisch, Leute in Arbeit, Praktikum oder Wohnung zu kriegen. Das ist nach wie vor eine Katastrophe". Ehrenamtliche hätten "den Eindruck, dass ihr Engagement ins Leere läuft und Teilhabechancen für Geflüchtete durch Behörden blockiert werden. Sie erleben etwa, wie Wartezeiten für relevante Entscheidungen dazu führen, dass Chancen, die ihnen aufgrund des Engagements ermöglicht wurden (z.B. Wohnung, Ausbildungsplatz), nicht mehr wahrgenommen werden können" - so heißt es den Ergebnissen der Untersuchung.
  • Konkret kritisieren die befragten Helfer in diesem Zusammenhang zum Beispiel, dass afghanische Asylsuchende keinen Zugang zu staatlichen Integrationskursen haben und dann durch mangelnde Deutschkenntnisse etwa Ausbildungsplätze nicht antreten könnten. Die Helfer empfänden diesen Zustand als "ein Hängenlassen der Leute, im schlimmsten Fall ist es ein Spielen mit der Psyche der Menschen."

Motive des Engagements

  • Neben dem Wunsch Menschen zu helfen, geben die Befragten als Motivation ihres Engagements laut der Forscher auch "eine Art Sorge um das Gemeinwesen" an. "Bei den meisten interviewten Initiativen stand die Auseinandersetzung mit rassistischen Haltungen im Ort und Stimmungen gegen Geflüchtete am Beginn ihres Engagements", heißt es in dem Bericht. So berichtete eine Ehrenamtliche, sie sei angesichts der Pegida-Demonstrationen "krank geworden" bis sie begonnen habe, "etwas Nützliches" für die Flüchtlinge zu tun. Auch bei der Aufgabe, die Stimmung vor Ort zu besänftigen, fühlen sich die Ehrenamtlichen vom Staat alleingelassen: "Die politische Verantwortung für die Stimmungslage, an der nicht zuletzt die körperliche Integrität der Geflüchteten hängt, wird nach Darstellung der Ehrenamtlichen (hier überwiegend in ostdeutschen Kommunen) von ihnen allein getragen."

Rollenbilder und Vorurteile

  • Was für ein Frauenbild haben männliche Flüchtlinge? Welche gemeinsamen Werte können den Neuankömmlingen wie vermittelt werden? Darüber wird weiter viel diskutiert. Die befragten Helfer berichten, dass sie ihre Annahmen durch ihre praktischen Erfahrungen korrigiert haben. Ein Beispiel: "Zu alleinstehenden Männern oder Familienvätern, die ihre Familie hier nicht hier haben, hatte ich am Anfang unheimliche Berührungsängste, das war überhaupt nicht mein Ding." Nun habe sie aber eigentlich nur noch mit alleinstehenden Männern zu tun das gehe "erstaunlich gut", so die Ehrenamtliche. Eine andere Frau erzählt über den Umgang von männlichen Flüchtlingen mit ihrer Tochter: "Also meine [jugendliche] Tochter hat selber gesagt, sie wurde noch nie so (...) freundlich, behandelt und zuvorkommend. (...) Sie wurde eben sehr, sehr höflich und zuvorkommend behandelt, sehr freundlich, distanziert, alles gut, absolut respektvoll."
  • Thematisiert wird in dem Forschungsprojekt auch der Blick von Helfern auf Flüchtlingsfrauen und auf sie zugeschnittene Angebote. In dem Abschlussbericht ist neben der Anmerkung, dass solche spezielle Frauenförderung "begrüßenswert" sei, auch die Rede davon, dass Helfer Flüchtlingsfrauen als Opfer sehen würden, "die man durch den Einsatz der deutschen Ehrenamtlichen zu befreien" habe. In den Interviews haben laut den Forschern aber ausschließlich Männer Flüchtlingsfrauen "als im Privaten eingeschlossen" beschrieben und sähen die "eigene Aufgabe darin, diese zu emanzipieren". Ehrenamtliche Frauen äußerten sich anders: Eine Helferin etwa kann die Schwierigkeit der Frauen nachvollziehen, sich in einem Deutschkurs mit vielen Männern wohlzufühlen und eine andere lobe die "Eigeninitiative" einer Geflüchteten als "Rädelsführerin" ihrer Familie bei der Wohnungssuche.

Was sollte aus all diesen Erfahrungen folgen? Mehr Unterstützung durch Politiker zum Beispiel, an einigen Stellen auch finanzieller Ausgleich etwa für Fahrdienste. Aber noch etwas anderes: Das Wissen, das die Freiwilligen haben, müsse gesammelt werden, die Erfahrungen müssen auch staatlichen Stellen zugänglich gemacht werden.



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