Flüchtlingskrise Helfer fürchten tödlichen Winter

Die Nächte werden bereits empfindlich kalt - doch noch immer sind Tausende Flüchtlinge unterwegs nach Europa. Viele, die schon in Deutschland sind, haben nur einen Platz im Zelt. Jetzt schlagen Helfer Alarm.

Flüchtlinge in Mazedonien: Selbst im Süden Europas wird es jetzt bereits kühl
AFP

Flüchtlinge in Mazedonien: Selbst im Süden Europas wird es jetzt bereits kühl


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Aus der Flüchtlingskrise könnte schon bald eine Flüchtlingskatastrophe werden. Denn mit jedem Tag wird es in Europa kälter - und trotzdem sind weiterhin Zehntausende Menschen auf der Flucht. Sie marschieren über den Balkan, sie sitzen tagelang an osteuropäischen Grenzen fest, viele versuchen ihr Glück auf dem Seeweg, von der Türkei auf die griechischen Inseln, oder von Nordafrika nach Südeuropa.

"Leute ohne Essen und medizinische Versorgung irren durch Europa bei jetzt kühleren Temperaturen, Menschen mit Kindern, Menschen auf Krücken", warnte Karl Kopp, Europareferent der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl. Er fürchtet, dass auf der Balkanroute in den kommenden Monaten Flüchtlinge erfrieren könnten. "Die Menschen sind schon eh geschwächt", sagte er. "Wenn sich die Situation fortsetzt im Winter, muss man mit Toten rechnen."

Kopp forderte eine gemeinsame europäische Anstrengung, um für den Winter gewappnet zu sein - mit "menschenwürdigen Aufnahmezentren" und medizinischer Versorgung. Der Politik wirft er vor, bereits den ganzen Sommer verspielt zu haben. "Wir müssen den Menschen vor dem Winter diese Odyssee, diesen Elendstreck ersparen."

Die kommenden Monate stellen auch die deutsche Politik vor große Herausforderungen. Tausende Flüchtlinge leben weiterhin in Zeltunterkünften. "Momentan ist Deutschland nicht gewappnet", sagte Kopp. "Wir sind spät dran." Auf kommunaler und Landesebene müsse alles versucht werden, um Wohnraum zu schaffen.

"Wir fordern Bund, Länder und Gemeinden auf, angesichts sinkender Temperaturen für feste Wohnunterkünfte zu sorgen", sagte der Sprecher des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Dieter Schütz. Das DRK betreibe derzeit mehr als 300 Notunterkünfte für 86.000 Flüchtlinge - darunter auch einige Zeltcamps. "Wir halten Zeltunterkünfte nur für eine Notlösung", sagt Schütz. "Die Gefahr besteht, dass sich die Flüchtlinge Krankheiten zuziehen."

Besonders auf dem Mittelmeer-Weg nach Europa fürchten Flüchtlingshelfer mehr Todesopfer. Die See wird mit jedem Tag stürmischer, die Wellen höher. Kopp von Pro Asyl warnte vor mehr Bootskatastrophen im Mittelmeer und in der Ägäis. "Es werden mehr Menschen in den Fluten verschwinden", sagte er. "Weil das Meer nun unruhiger wird, werden wir eine ganze Menge Menschen verlieren", sagte die UNHCR-Mitarbeiterin Nadine Cornier in Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze.

"Das Wetter wird das Leid vergrößern", zeigte sich auch Babar Baloch vom Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR überzeugt. Baloch war die vergangenen Wochen auf dem Balkan unterwegs, in Ungarn, Serbien, Kroatien, wo die UNHCR-Helfer Decken und Kunststofffolien verteilen. "Wenn Familien draußen schlafen müssen, werden Kinder krank werden." Er forderte unmittelbare Unterstützung von der Politik. "Wir brauchen jetzt einen Masterplan."

Milliardenhilfe in New York beschlossen

Deutschland und die anderen großen Industrienationen hatten sich am Dienstagabend darauf geeinigt, mehr Geld für die Bewältigung der Flüchtlingskrise bereitzustellen. Bei einem Außenministertreffen am Rande der Uno-Vollversammlung in New York kündigten die G7-Staaten zusammen mit weiteren Ländern Hilfen von insgesamt 1,8 Milliarden Dollar an, umgerechnet etwa 1,6 Milliarden Euro. Der zusätzliche deutsche Beitrag liegt bei 100 Millionen Euro.

Das Geld soll dem UNHCR und anderen Uno-Organisationen zur Verfügung gestellt werden, die sich um Flüchtlinge aus Syrien und anderen Konfliktgebieten kümmern. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier betonte, dass damit aber auch Aufnahmeländer wie die Türkei, Libanon und Jordanien unterstützt würden.

Die Vereinten Nationen klagen immer wieder darüber, dass das Geld nicht ausreiche und Zusagen nicht eingehalten würden. Für Syrien beziffern Uno-Hilfsorganisationen den diesjährigen Finanzbedarf auf 7,4 Milliarden Dollar. Überwiesen oder versprochen wurden für die Nothilfe innerhalb des Landes bislang nur 37 Prozent. Für Syrer in den Nachbarländern waren bislang 41 Prozent der erbetenen 4,5 Milliarden Dollar finanziert.

Das Welternährungsprogramm (WFP) musste deshalb die Lebensmittelhilfe für 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge in der Region streichen oder dramatisch kürzen. Für 850.000 von ihnen musste das WFP den Wert von Lebensmittelgutscheinen halbieren, im Libanon auf monatlich 13,50 Dollar und in Jordanien auf monatlich 14 Dollar pro Person.

Forum
Liebe Leserinnen und Leser,
im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf SPIEGEL ONLINE finden Sie unter diesem Text kein Forum. Leider erreichen uns zum Thema Flüchtlinge so viele unangemessene, beleidigende oder justiziable Forumsbeiträge, dass eine gewissenhafte Moderation nach den Regeln unserer Netiquette kaum mehr möglich ist. Deshalb gibt es nur unter ausgewählten Artikeln zu diesem Thema ein Forum. Wir bitten um Verständnis.


Zusammengefasst: Die Uno, Pro Asyl und das Rote Kreuz sind besorgt: Wegen des nahenden Winters rechnen die Flüchtlingshelfer mit mehr Toten. Das UNHCR fordert die Politik auf, einen Masterplan zu erstellen. Auch Deutschland sei nicht für die Unterbringung im Winter gewappnet.

ler/dpa

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.