Folterdiskussion SPIEGEL ONLINE fiel auf Falschmeldung rein

Es war nicht der 1. April, und für einen Aprilscherz war es auch reichlich geschmacklos. An Neujahr meldete die Nachrichtenagentur AP, ein "Bund Deutscher Juristen" fordere, zur Terrorbekämpfung "leichte Folter" zuzulassen - und SPIEGEL ONLINE übernahm den Bericht kurzzeitig. Leider.


Hamburg/Frankfurt - Das gezielte Fälschen von Nachrichten hat eine lange Tradition: Als einer der ersten Schöpfer von Medien-Enten gilt der österreichische Schriftsteller Karl Kraus, dem es 1908 unter Pseudonym gelungen war, einen mit pseudowissenschaftlichem Nonsens gespickten Beitrag über ein Erdbeben in der Wiener "Neuen Freien Presse" zu platzieren. Knapp hundert Jahre später fielen auch der deutsche Dienst der Nachrichtenagentur AP und SPIEGEL ONLINE auf einen solchen Hoax herein.

Am Neujahrsmorgen landete auf dem Schreibtisch der diensthabenden AP-Redakteurin eine E-Mail eines Bundes Deutscher Juristen (BDJ). Form und Aufmachung der Pressemitteilung erregten zunächst kein Misstrauen, zumal sich auch der Inhalt auf ein ausgesprochen aktuelles Thema bezog: die so genannte Folterdebatte über die Frage, inwieweit zur Terror-Vorbeugung auch Hinweise aus Geständnissen benutzt werden dürfen, die möglicherweise mit Gewalt erzwungen wurden. Befürworter eines solchen Vorgehens ist Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, der just an diesem Wochenende seine umstrittene Haltung erneut verteidigt hatte.

Schützenhilfe schien der CDU-Politiker nun sogar von Richterseite zu erhalten: "BDJ unterstützt Folterforderung von Bundesinnenminister Schäuble", lautete die Überschrift der Pressemitteilung, in der ein Claus Grötz als BDJ-Chef und Strafrichter am Bundesgerichtshof (BGH) mit den Worten zitiert wurde: "Wir müssen das Thema Folter offen diskutieren." Völlig unvorstellbar erschien eine solche Position nicht. Schließlich hatte nach der Ermordung des Frankfurter Bankierssohns Jakob von Metzler der damalige Vorsitzende des Richterbundes, Geert Mackenroth, Folter in Ausnahmefällen für vertretbar erklärt.

Urheber und Motivation noch unbekannt

Doch damals waren die - später relativierten - Äußerungen des jetzigen sächsischen Justizministers eindeutig belegt und die Quellen überprüfbar. In dem aktuellen Fall dagegen stimmte an der von AP um 10.43 Uhr gesendeten Meldung nichts: Weder gibt es einen Bund Deutscher Juristen noch einen BGH-Strafrichter Claus Grötz.

Auch SPIEGEL ONLINE zweifelte zunächst nicht an der Richtigkeit der AP-Meldung. Um 11.53 veröffentlichten wir die Meldung auf unserer Homepage unter der Überschrift "Tabubruch: Juristenbund macht sich für Folter stark". Erst knapp eine halbe Stunde später wurde der Fehler bemerkt und die Meldung von der Seite genommen.

Über die Urheber der Falschmeldung und die Motivation kann nur spekuliert werden: Die Web-Site bunddeutscherjuristen.org war erst am 28. Dezember 2005 bei dem Unternehmen "Domains by Proxy" in Scottsdale im US-Staat Arizona eingerichtet worden. Wer die Registrierung - vermutlich aus Deutschland - beantragt hat, bleibt unklar: "Wir dürfen keinerlei Informationen über unsere Kunden herausgeben", sagt eine Unternehmenssprecherin auf Anfrage.

Allerdings dürften die Urheber durchaus die Tücken des Nachrichtengeschäfts kennen und auf bessere Verbreitungschancen an einem nachrichtenarmen Feiertag mit beschränkten Recherchemöglichkeiten spekuliert haben.

SPIEGEL ONLINE bedauert das peinliche Malheur und bittet seine Leser um Entschuldigung.



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