Meinungsforscher Güllner: "Die CSU ist Merkels Schwachpunkt"

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CSU-Chef Seehofer, Kanzlerin Merkel: "In Berlin poltern"

Angela Merkel kann entspannt in die Bundestagswahl gehen, sagt Forsa-Chef Güllner im Interview. Die Deutschen hielten sie für eine Regierungschefin, die sich abrackert - einzig die Polter-CSU könnte die Kanzlerin noch Stimmen kosten. Eine Überraschung könnte die FDP erleben.

Berlin - Fünf Monate vor der Bundestagswahl hat die schwarz-gelbe Regierung das Regieren bereits weitgehend eingestellt. Doch die Menschen scheint das wenig zu stören - das hängt vor allem mit Angela Merkel zusammen. Deren Popularität als Kümmer-Kanzlerin in der Euro-Krise ist ungebrochen, sagt Manfred Güllner, Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, im Interview mit SPIEGEL ONLINE. "Die Bürger sehen, dass sie eine Kanzlerin haben, die sich abrackert und dafür sorgt, dass diese abstrakte Krise nicht auf den Alltag der Menschen niederprasselt."

Allerdings muss CDU-Chefin Merkel auf ihre Schwesterpartei CSU achtgeben, denn diese habe Vertrauen verloren, sagt der Meinungsforscher. Der FDP rät er, nicht "in anderen Milieus zu surfen". Die Liberalen müssten die Wähler des klassischen Mittelstands, ihr enttäuschtes Stammklientel, wieder an sich binden. "Es kann für sieben Prozent reichen", so Güllner.

Viel Lob bekommen die Grünen für ihre Strategie: "Sie machen im Augenblick strategisch alles richtig." Mit dem Thema Steuererhöhungen und Umverteilung würden sie auf Kosten der SPD punkten. Deren Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat der Forsa-Chef dagegen längst abgeschrieben.

Güllner analysiert Stärken und Schwächen der Parteien, lesen Sie hier das komplette Interview:

SPIEGEL ONLINE: Kanzlerin Merkel und die Union liegen in Ihren Umfragen weit vor Herausforderer Steinbrück und der SPD. Ist die Bundestagswahl schon gelaufen?

Güllner: Wahlen werden am Tag der Abstimmung entschieden. Die Ausgangslage ist für Angela Merkel aber hervorragend. Allerdings sind CDU und CSU nicht ungefährdet. Wir sehen in Umfragen immer wieder Dellen: etwa nach der verlorenen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, nach der Ankündigung der Energiewende, jetzt nach dem Fall Hoeneß. Es kann also noch Einbrüche geben.

SPIEGEL ONLINE: Ist die CSU mit ihrer Amigo-Affären zum größten Risiko geworden?

Güllner: Die CSU ist tatsächlich ein Schwachpunkt. Schon bei der letzten Bundestagswahl hat die Union ihretwegen Stimmen eingebüßt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben CSU-Chef Seehofer in einer Umfrage attestiert, dass ihm 57 Prozent der Deutschen misstrauen.

Güllner: Horst Seehofer glaubt, dass er in Berlin poltern und damit in Bayern Wähler binden kann. Das ist ein Fehler. Um das Vertrauen der Bayern zurückzugewinnen, sollte die CSU wieder mehr auf ihre bayerische Identität setzen und bei der Bundestagswahl die Popularität von Angela Merkel nutzen.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist die Kanzlerin so populär?

Güllner: Merkel hat sich in der Großen Koalition geschickt als jemand profiliert, der über dem Parteiengezänk steht. Die Menschen sehen sie als Kümmerin. In der Bankenkrise 2008/2009 hat sie den genialen Satz gesagt: "Wir tun es nicht für die Banken, sondern für die Menschen." Dieses Bild vermittelt sie auch in der Euro-Krise. Die Bürger sehen, dass sie eine Kanzlerin haben, die sich abrackert und dafür sorgt, dass diese abstrakte Krise nicht auf den Alltag der Menschen niederprasselt.

SPIEGEL ONLINE: Die Euro-Krise ist auch das große Thema der neuen Partei Alternative für Deutschland (AfD). Kann sie der Union gefährlich werden?

Güllner: Ich glaube nicht, dass die AfD in den Bundestag kommt. Die Themen Europa und Währung haben nie bei irgendeiner Wahl eine Rolle gespielt. Selbst auf dem Höhepunkt des Widerstands gegen die Einführung des Euro 1998 kam die damalige Pro-DM-Partei nur auf 0,9 Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Sie sehen Merkels Koalitionspartner FDP derzeit unter fünf Prozent. Glauben Sie wirklich, dass die Liberalen aus dem Bundestag fliegen?

Güllner: Nein. Die FDP hat ihre Wähler von 2009 zwar zutiefst enttäuscht. Das war der klassische Mittelstand - Handwerker, kleine Unternehmer, freie Berufe, leitende Angestellte. Sie erhofften sich, dass die Liberalen ihre Interessen in die bürgerliche Regierung einbringen. Die FDP-Wähler wollten nicht in erster Linie Steuersenkungen, sondern eine Vereinfachung des Systems. Aber trotz dieser Enttäuschung und des schwachen Personals mit Guido Westerwelle und Philipp Rösler glaube ich, dass die Liberalen klar über die Fünfprozenthürde kommen werden. Es kann für sieben Prozent reichen. Es gibt genügend Wähler, die sagen, die FDP muss als liberale Partei erhalten bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Hilft der Schwenk, den Rösler beim Thema Mindestlohn versucht?

Güllner: Überhaupt nicht. Die Liberalen dürfen nicht dauernd glauben, sie könnten neue Wählerschichten für sich erschließen und in anderen Milieus surfen. Sie müssen die Wähler des klassischen Mittelstands wieder an sich binden.

SPIEGEL ONLINE: SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück kommt in Ihren Umfragen nicht gut weg, zuletzt lag er bei 18 Prozent Zustimmung. Warum ist er so unbeliebt?

Güllner: Wenn wir die Menschen fragen, bekommen wir als Antwort: Steinbrück sei geldgierig, arrogant, ungeschickt und unsympathisch. Das hat er durch seine Art des Auftretens befördert. Wenn sich so ein Image erst einmal festgefressen hat, ist es sehr schwierig, davon wieder loszukommen.

SPIEGEL ONLINE: Was kann Steinbrück tun, um sein Image zu verbessern?

Güllner: Da fehlt mir inzwischen die Phantasie.

SPIEGEL ONLINE: Mal abgesehen von Steinbrück - warum schneidet die SPD so schlecht ab?

Güllner: Das Problem der SPD ist, dass man ihr nicht zutraut, die Probleme im Land zu lösen. Sie versucht jetzt, mit sozialer Gerechtigkeit zu punkten. Doch dafür steht die SPD ohnehin. Wahlen aber kann man damit allein nicht gewinnen. Immer, wenn die Sozialdemokraten gewonnen haben, setzten sie auch auf andere Themen. 1998 mit Gerhard Schröder zum Beispiel war es die Botschaft Innovation und Gerechtigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Die Grünen setzen auf Steuererhöhungen und Umverteilung. Wie bewerten Sie das?

Güllner: Die Grünen machen im Augenblick strategisch alles richtig. Mit dem Thema soziale Gerechtigkeit können sie - auf Kosten der SPD - punkten, weil das in ihr Spektrum der guten Themen passt: Umweltschutz, Emanzipation der Frauen, Frieden in der Welt und nun auch soziale Gerechtigkeit. Außerdem ahnt manch einer ihrer Wähler ohnehin, dass die Grünen die Steuerpläne nicht umsetzen können - egal, welche Konstellation es nach der Wahl gibt.

SPIEGEL ONLINE: Umfragen werden im politischen Berlin mit großer Aufmerksamkeit verfolgt, manch einer richtet seine Politik danach aus. Verändern Umfragen die Zukunft?

Güllner: Man darf Politik nie nach Mehrheitsmeinungen ausrichten, das erwarten die Menschen auch nicht. Politiker müssen aber sehen, welche Befindlichkeiten die Bürger haben, was sie ängstigt. Die Umfrageforschung kann man mit Lotsen vergleichen, die vor Sandbänken warnen können, aber den generellen Kurs nicht beeinflussen.

SPIEGEL ONLINE: Genau das werfen Ihnen Kritiker vor: Sie seien nicht nur Meinungsforscher, sondern auch Meinungsmacher. Ihre deutlichen Äußerungen kommen vor allem in der SPD nicht gut an.

Güllner: Schon Scharping und Lafontaine haben mich beschimpft, weil ihnen die von uns ermittelten schlechten Werte nicht passten. Jetzt schimpfen Teile der heutigen, schwächelnden SPD.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen Peer Steinbrück? Ihnen wird vorgeworfen, mit ihm eine Privatfehde zu führen. Dabei sind Sie selbst SPD-Mitglied.

Güllner: Dass ich in der SPD bin, ist eine reine Privatangelegenheit. Deswegen kann ich aber meinen Verstand nicht an der Garderobe der Sozialdemokraten abgeben. Als Forscher muss ich die Realität abbilden und referieren, was die Menschen empfinden. Was sie über die SPD sagen, ist nun mal nicht positiv. Deswegen führe ich noch lange keinen Privatkrieg - weder gegen Scharping oder Lafontaine noch gegen Steinbrück.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Steinbrück Sie zum Bier einladen würde, würden Sie annehmen?

Güllner: Ich trinke nicht so gern Bier.

SPIEGEL ONLINE: Zum Wein?

Güllner: Kommt darauf an, welchen er aussucht.

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insgesamt 173 Beiträge
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1. Die Themen Europa und Währung haben nie bei irgendeiner Wahl eine Rolle gespielt?
treehugger 14.05.2013
Die Menschen waren aber auch noch nie so frustriert wie jetzt. Und ausserdem gab es auch keine Alternative, bzw eine Anti-Euro-Partei. Herr Güllner und Frau Merkel werden sich am 22.September noch die Augen reiben, und sich wünschen, das es der 1. April wäre.
2. Merkel ist fauleste/r Kanzler/in aller Zeiten
sheru_tecora 14.05.2013
Ich glaub ich les nicht richtig, Merkel ist der faulste Kanzlerstuhlbesetzer aller Zeiten! Was hat die denn gemacht? Allgemein hat diese Regierung, abgesehen von ein paar Lobbygeschenken, doch nie regiert. Die Hälfte der Regierungszeit haben sie allein mit Streitereien verbracht und die andere Hälfte war durch Skandale wie Guttenberg geprägt. Die Kanzlerin und ihre Regierung sind die größte politische Schande der Nachkriegszeit!
3. ...
arakiel 14.05.2013
Sorry aber wer an solchen Zahlenhokuspokus glaubt vertraut auch auf sein Horoskop.
4. Meinung
vitalik 14.05.2013
Zitat von sysopAngela Merkel kann e
So wird aus Meinungsforschung Meinungsbildung. Und wie sich alle wieder auf die Kanzlerin freuen. Mittlerweile ist jede Aussage der Frau eine Schlagzeile Wert, aber eher weil man von ihr sonst gar nichts hört.
5. Staatsnahe Medien
acyonyx 14.05.2013
Das alles erinnert mich doch langsam sehr an die letzten Tage der DDR! Da ist im Fernsehen und in den Printmedien auch immer nur noch über die SED und die Jahrespläne und soweiter berichtet worden. Der ganze Artikel hier ist doch witzigerweise Zinnober! Daß Herr Güllner als bekennender Linker nicht über die AfD spricht ist ja klar! Aber das Von SPON nicht eine Frage dazu gestellt wird ist bezeichnend! Alle wissen, daß die emisten Wähler der AfD aus dem Nichtwählerlager stammen werden! Und man kann sich ausrechnen, was das für die Lagerkämpfer bedeuten wird! Je mehr das verschwiegen wird, desdo größer wird die Überraschung am Wahlabend! Und die Überraschung wird weit größer ausfallen als 2 oder 3 Prozent für eine FDP mehr oder weniger!!!
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Zur Person
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    Manfred Güllner, 71, ist Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa. Geboren in Remscheid. Er studierte an der Universität zu Köln Soziologie, Sozialpsychologie und Betriebswirtschaft. Er arbeitete für die Umfrageinstitute Infas und für das Statistische Amt in Köln, bevor er Forsa im Jahr 1984 gründete. Heute zählt Forsa zu den führenden Meinungsforschungsfirmen in Deutschland. Güllner ist Sozialdemokrat, zu Kanzler Gerhard Schröder pflegt er ein gutes Verhältnis.