Geringe Wahlbeteiligung: Forsa-Chef will Wahlen auf Werktag verlegen

Wie kann man mehr Deutsche dazu bringen, bei Wahlen ihre Stimme abzugeben? Verlegt den Wahltermin auf einen Werktag, fordert Forsa-Chef Manfred Güllner. Dann seien die Menschen eh unterwegs und viel motivierter.

Forsa-Chef Manfred Güllner: "Da fehlt es eventuell an andersartigen Impulsen" Zur Großansicht
dapd

Forsa-Chef Manfred Güllner: "Da fehlt es eventuell an andersartigen Impulsen"

Berlin - Sonntage sind freie Tage - und in ihrer Freizeit sollten die Bürger dieses Landes nicht ins Wahllokal gehen müssen, findet der Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, Manfred Güllner. "Viele Wahlberechtigte begehen ihre Sonntage spontan anders als geplant. Dazu ist Freizeit ja auch da", sagte er den "Stuttgarter Nachrichten". Güllner schlug deshalb vor, Wahlen künftig unter der Woche abzuhalten: "Der Gesetzgeber sollte sich fragen, warum in Deutschland immer weniger Bürger wählen und ihnen die Abstimmung erleichtern - indem an einem Wochentag gewählt wird", sagte er den "Stuttgarter Nachrichten". Dann seien die Menschen ohnehin unterwegs und strömten "motivierter ins Wahllokal".

"Unter der Woche gehen die Menschen arbeiten, einkaufen, sie kommen miteinander ins Gespräch", sagte Güllner. Da würden sich manche, die eigentlich nicht wählen wollten, vielleicht von anderen mitreißen lassen. Am Wochenende seien die Menschen hingegen zu Hause und in der Familie eher sozial isoliert. Da fehle es womöglich an "andersartigen Impulsen".

Damit auch berufstätige Menschen Zeit haben, ihre Stimme abzugeben, könnten die Wahllokale dann ja zum Beispiel bis 21 Uhr geöffnet bleiben. "Es ist durchaus organisierbar, dass die Wahlvorstände ein bisschen länger in den Wahllokalen ausharren", sagte Güllner in dem Interview mit der Zeitung.

Der Forsa-Chef begründete seinen Vorstoß damit, dass die Wahlbeteiligung seit den achtziger Jahren auf Bundesebene um 18,3 Prozent gesunken sei. In Dänemark hingegen, wo unter der Woche gewählt werde, hätten bei der letzten Wahl im September 2011 rund 87 Prozent aller Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben.

Güllner plädierte auch dafür, die Briefwahl abzuschaffen: "Sie ist die größte Möglichkeit zur Wahlmanipulation, die ich kenne". Denn dabei würden die Sympathien für die Parteien nicht an einem Stichtag gemessen, sondern über einen Zeitraum von sechs Wochen. "In dieser Zeit passieren Dinge, die eine Entscheidung beeinflussen könnten." Außerdem lasse sich nicht kontrollieren, wer die Briefwahl beantrage und wer den Stimmzettel letztendlich ausfülle. Eine denkbare Alternative seien Internetwahlen. Die nächste Bundestagswahl steht 2013 an.

son/dapd/AFP

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insgesamt 80 Beiträge
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1.
ambergris 04.08.2012
Zitat von sysopdapdWie kann man mehr Deutsche dazu bringen, bei Wahlen ihre Stimme abzugeben? Verlegt den Wahltermin auf einen Werktag, fordert Forsa-Chef Manfred Güllner. Dann seien die Menschen eh unterwegs und viel motivierter. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,848226,00.html
In den USA ist das bereits so. Die Wahlbeteiligung ist geringer dort, auch weil die arbeitende Bevölkerung eben am Wochentag arbeiten geht. Dieser Forsa-Vorschlag durch die amerikanische Brille gesehen, ist eher ein taktisches Mittel, den Stimmenanteil von konservativen Parteien zu erhöhen.
2. würde bei mir..
spargel_tarzan 04.08.2012
Zitat von sysopdapdWie kann man mehr Deutsche dazu bringen, bei Wahlen ihre Stimme abzugeben? Verlegt den Wahltermin auf einen Werktag, fordert Forsa-Chef Manfred Güllner. Dann seien die Menschen eh unterwegs und viel motivierter. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,848226,00.html
die gegenteilige wirkung auslösen. mein wahllokal liegt nicht verkehrsgünstig um am sonntag ist dorthin ein spaiziergang sehr angenehm.
3. Endlich mal eine Gute Idee
flo3021 04.08.2012
18.7 Prozent sind echt armseelig. Wollen wir hoffen das die Idee bis 2013 an Profil gewinnt....
4. schlimm
ambergris 04.08.2012
Und wenn ich dann auch sehe, dass Herr Güllner die Briefwahl abschaffen will... Das ist eine weitere Strategie, das Wählen komplizierter zu machen. Auch hier sollte man mal nach Amerika schauen, da versuchen die Republikaner ebenfalls, wo es nur geht, Briefwahlen abzuschaffen, ebenfalls um den Stimmenanteil des Arbeitnehmers einzuschränken. Dass Herr Güllner Dänemark als Beispiel für höhere Wahlbeteiligung nimmt, ist sehr verzerrend. Immerhin stand erst vor 3 Wochen in der Spiegel-Serie über die Regierungsformen der Zukunft, dass Dänemark das wohl best-regierte Land der Welt ist. Kein Wunder also, dass da die Wahlbeteiligung so hoch ist, die Leute glauben eben noch an die Kraft der Politik. Das ist der Grund für die hohe Wahlbeteiligung, nicht der Wochentag.
5. Stuss
kölnfreund 04.08.2012
Was für ein Stuss. Die leute, die nicht wählen gehen, gehen aus Desinteresse an dem, was zur Wahl steht, nicht zur Wahl. wer sich dafür interessiert, nimmt auch 5 Minuten dafür seines freien Tages in Kauf. Man sollte einfach zur Kenntnis nehmen, dass sich die Menschen zusehens von der Politik abwenden und sich fragen, warum. Weil sie keine Macht mehr hat, wie man auch bei der Eurokrise sieht. Gewinne werden privatisiert, Schulden sozialisiert, alles mit dem Segen der machtlosen Politik. Warum also wählen? Ob Samstag, Sonntag oder Montag ...
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Wahlrecht
Überhangmandate und negatives Stimmgewicht
Direktwahl mit der Erststimme, Verhältniswahl mit der Zweitstimme und eine Verteilung der Bundestagssitze in einem möglichst gerechten Proporz der Bundesländer - die Anforderungen an das deutsche Wahlsystem sind vielfältig. Das 2011 reformierte Wahlrecht ist nicht nur kompliziert, es verstößt einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zufolge auch gegen die Chancengleichheit der Parteien und ist damit verfassungswidrig. Fallen demnach bei Wahlen mehr als 15 Überhangmandate an, muss dafür ein Ausgleich geschaffen werden.

Das Urteil betrifft außer der ausgleichslosen Zuteilung von Überhangmandaten die Vergabe von Zusatzmandaten für Rundungseffekte sowie das weiterhin mögliche sogenannte negative Stimmgewicht.
Überhangmandate
Sie entstehen, wenn eine Partei in einem Bundesland mehr Direktmandate erringt, als es ihrem Anteil an den Zweitstimmen entspricht. Weil für ein Direktmandat nicht die absolute, sondern nur die relative Stimmenmehrheit erforderlich ist, werden Überhangmandate umso wahrscheinlicher, je mehr kleine Parteien in den Bundestag einziehen. 2005 erhielt die CDU sieben und die SPD neun Überhangmandate. 2009 waren es 21 für die CDU und drei für die CSU.
Negatives Stimmgewicht
Dies meint das paradoxe Phänomen, dass eine Partei durch einen Stimmenzuwachs in einem Bundesland dort zwar kein zusätzliches Mandat erringen kann, dafür aber in einem anderen Land ein Mandat verliert. Dies kann insbesondere im Zusammenhang mit Überhangmandaten passieren: Weil Partei X mit Überhangmandaten ohnehin schon mehr Bundestagssitze bekommt, als ihr nach den Zweitstimmen zustehen, bringt ihr im Parteienproporz ein Stimmenzuwachs in diesem Bundesland nichts. Die höhere Zahl an Zweitstimmen kann jedoch im Länderproporz dazu führen, dass das betreffende Bundesland mehr Abgeordnete entsendet. Der zusätzliche Sitz für das eigene Land geht dann allerdings an eine andere Partei. Ein anderes Land muss dafür einen Sitz abgeben - und wenn der Zufall es will, trifft es ausgerechnet ein Mandat der Partei X.