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S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Nach der Atomangst kommt die Gasangst

Eine Kolumne von

Verkleideter Anti-Fracking-Demonstrant: Frevelhaftes Handeln gegen die Natur Zur Großansicht
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Verkleideter Anti-Fracking-Demonstrant: Frevelhaftes Handeln gegen die Natur

Wenn es um Fracking geht, setzt die Panik ein. Kritiker verdammen die vermeintliche Todestechnik - und warnen vor dem Höllenfeuer über dem heimischen Spülbecken. Das Gasgebohre ist der Deutschen neueste Lieblingsphobie.

Ich war vergangenen Monat auf einer Podiumsveranstaltung in Hamburg, um über Fracking zu diskutieren. Der Bund für Umwelt- und Naturschutz hatte mich eingeladen. Einer der Verantwortlichen dachte wohl, es wäre eine gute Idee, neben den Experten aus dem eigenen Haus mal die andere Seite zu hören.

Mein Auftritt war ein Fiasko, muss ich leider sagen. Ich hatte kaum zu reden angefangen, da regte sich Unmut. Nach zehn Minuten packten die ersten Zuhörer ihre Sachen und gingen. Von hinten rief eine Frau: "Das ist ja peinlich, was Sie hier abziehen." Die Veranstaltung dauerte von da an noch eine Stunde. Ich kann nicht sagen, dass es mir gelungen wäre, die Gemüter zu beruhigen.

Ich hielt Fracking - ein Verfahren, bei dem Wasser, Sand und Chemikalien in das Gestein gepumpt werden - bislang für ein Randthema in der Energiedebatte. Mir war nicht klar, in was für ein Wespennest man sticht, wenn man die heimische Förderung von Erdgas nicht automatisch für Teufelszeug hält. Jedes Wochenende versammeln sich in Deutschland Menschen, um dagegen zu protestieren, dass man in die Erde bohrt. Die Umweltministerien der Länder bekommen tagtäglich Resolutionen von Gemeinden, die sich über alle Parteien hinweg gegen Fracking aussprechen, wie ich in der "FAS" gelesen habe. Fracking scheint für die Umweltbewegung the next big thing zu sein. Nach der Atom- kommt nun die Gasangst.

Wenn man die Aufregung sieht, sollte man meinen, dass wir gerade dabei sind, nach der Atomenergie eine neue Todestechnik in Betrieb zu nehmen. In Wahrheit ist Fracking eine vertraute Sache. Seit 1961 wird in Deutschland auf diese Weise Erdgas gefördert: 350 Bohrungen sind in der Zeit niedergelassen worden, ohne dass dies in der Öffentlichkeit ein nennenswertes Thema gewesen wäre. Es ist auch nicht so, dass es plötzlich einen Boom gäbe, der uns besorgen müsste. Seit drei Jahren gilt sogar eine Art Moratorium, womit alle Versuche, neue Energiequellen zu erschließen, vorerst ausgesetzt sind. Aber das hindert die Fracking-Gegner nicht, gegen die Gefahr aus der Tiefe zu mobilisieren, als sei die Lebensgrundlage des Landes bedroht.

Steigerung der Angstlust

Jede Nation ängstigt sich vor anderen Dingen, auch Phobien lassen sich kartografieren. Asiaten fürchten sich in besonderer Weise vor Ansteckung, weshalb sie gerne einen Mundschutz tragen, wenn sie das Haus verlassen. Wir Deutschen haben Angst vor unsichtbaren Giftstoffen, die in der Nahrung lauern, Genverändertem und natürlich allem, was mit Strahlen verbunden ist, weshalb in umweltbewegten Haushalten schon die Einführung einer Mikrowelle immer ein heikles Thema war.

Was die Gefahren des Bergbaus angeht, ist das Land links der Mitte gespalten. Während man bei den Sozialdemokraten die Exploration der Schätze in der Tiefe bis heute eher romantisch sieht, findet man diese Ausbeutung auf grüner Seite unheimlich. Dass der Mensch in Mutter Natur eindringt, um sie auszuräubern, gilt hier als frevelhaftes Handeln, dem die Strafe auf dem Fuße folgt. Im Kampf gegen das Fracking treffen sich Esoterik und Feminismus; der Widerstand ist immer auch Widerstand gegen den männlichen Expansions- und Unterwerfungsdrang. Wer "Männerphantasien" von Klaus Theweleit gelesen hat, weiß wovon ich rede.

Auf der Veranstaltung in Hamburg wurde zur Einstimmung ein Film gezeigt, in dem die möglichen Folgen des Frackings zur Steigerung der Angstlust in den düstersten Farben geschildert wurden. Jedes Kind kennt in diesem Milieu die Szene, wie aus dem Wasserhahn plötzlich Gas schlägt: Ein Feuerfunke und schon brennt das Höllenfeuer auch über dem heimischen Spülbecken. Zwar hat es in den 50 Jahren, in denen in Deutschland Erdgas gefördert wurde, keinen einzigen Unfall mit Trinkwasser gegeben, aber das ist kein Grund, in seinem Protest nachzulassen. "Wir können das Risiko nicht ausschließen", heißt das Expertenurteil, das in solchen Fällen immer greift. Welches Risiko lässt sich im Leben schon ganz ausschließen? Angeblich drohen in Deutschland sogar Erdbeben, wenn man mit dem Fracking fortfährt, jedenfalls gibt es keine Garantie dagegen.

Auch Windräder sind nicht aus Bambus gebaut. Tatsächlich sind moderne Windkraftanlagen Monster, die mit dem Windrädchen, wie man es aus der Ökobroschüre kennt, nichts mehr zu tun haben. Aber wenn es der guten Sache dient, kann die Ökoszene erstaunlich kaltherzig sein. Da müssen zur Not auch Landschaften weichen, die eben noch zum nationalen Kulturerbe zählten.

Das Windrad ist heilig, ebenso wie das Solarpanel. Wenn es gar zu arg wird, sorgt man dafür, dass die größten Schäden woanders entstehen, in China oder wo sonst noch produziert wird. So fährt man hier den Gewissensgewinn ein, während man die Umweltkosten externalisiert. So viel verstehen auch die Grünen von Marktwirtschaft, dass sie wissen, wie man die Dinge so organisiert, dass die Leute sich ihren Glauben ans Gute bewahren können.

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Kolumne - Der schwarze Kanal
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insgesamt 678 Beiträge
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1.
spon-facebook-720796197 10.06.2014
Fällt mir nichts Besseres zu ein als: Daumen runter!
2. Wieder einmal...
trader_07 10.06.2014
Zitat von sysopDPAWenn es um Fracking geht, setzt die Panik ein. Kritiker verdammen die vermeintliche Todestechnik - und warnen vor dem Höllenfeuer über dem heimischen Spülbecken. Das Gasgebohre ist der Deutschen neueste Lieblingsphobie. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fracking-jan-fleischhauer-ueber-die-deutsche-angst-vor-dem-bohren-a-974313.html
Wieder einmal ein rundum gelungener Artikel! Vielen Dank, Herr Fleischhauer!
3. Währendessen
diefreiheitdermeinung 10.06.2014
reibt sich Herr Putin die Hände. Denn so wird es natürlich Nichts mit der gewünschten Unabhängigkeit von ungeliebten Energielieferanten im Ausland. Ich werde mit meiner Meinung sicherlich allein bleiben und bin fast sicher, dass über den armen Herrn Fleischhauer nun ein wahrer sog. shitstorm hinwegfegen wird. Wir kann man auch nur so dumm sein eine falsche Meinung nicht nur zu haben sondern auch noch zu artikulieren...
4. Ein Fall für Gauck
Olaf 10.06.2014
Zitat von sysopDPAWenn es um Fracking geht, setzt die Panik ein. Kritiker verdammen die vermeintliche Todestechnik - und warnen vor dem Höllenfeuer über dem heimischen Spülbecken. Das Gasgebohre ist der Deutschen neueste Lieblingsphobie. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fracking-jan-fleischhauer-ueber-die-deutsche-angst-vor-dem-bohren-a-974313.html
Die Spinner sterben halt nicht aus, denn die Deutschen brauchen ihre Ängste wie das täglich Brot.
5. Wo finde ich die Exxon-Werbeanzeige?
rebell_am_ball 10.06.2014
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Jan Fleischhauer


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