Wahl zum Bundespräsidenten So wurde Steinmeier P-Kandidat

Die Nominierung des Außenministers für die Präsidentschaft ist unerwartet - aber für Frank-Walter Steinmeier keine Überraschung. Seit Monaten hat er taktisch darauf hingearbeitet.

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Für Sigmar Gabriel markiert dieser Montag, an dem die Unionsparteien auf seinen Kandidaten fürs Amt des Bundespräsidenten eingeschwenkt sind, einen großen Sieg. Am grünen Tisch mit den Chefs von CDU und CSU hätte er Frank-Walter Steinmeier niemals durchsetzen können. Also preschte er vor Wochen ohne Absprache vor und machte seinen Steinmeier-Vorschlag. Zu verlieren hatte er nichts. Nur zu gewinnen.

In der Stunde des Triumphs haben sie in der SPD die Parole Zurückhaltung ausgegeben. "Ich habe gar nichts geschafft, sondern die Person Frank-Walter Steinmeier hat überzeugt", ließ Gabriel nach seinem Coup am Montag bescheiden wissen. Es soll jetzt alles vermieden werden, was in der Union einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen könnte.

Nun hat nicht allein Gabriel mit seiner Taktik in dieser Woche einen Sieg eingefahren, sondern eben auch Steinmeier selbst. Er kann sich als Gewinner eines langen Pokers sehen. Erfahren im politischen Taktieren, hatte sich der Außenminister eigentlich sehr lange gesträubt, sich von Gabriel als Kandidat vor den Karren spannen zu lassen.

Vor fast einem Jahr, damals hatte ihn der SPD-Chef erstmals als Präsidentenkandidaten ins Spiel gebracht, glaubte der stets misstrauische Stratege sogar noch an eine politische Finte, die sich gegen ihn richte. Gabriel, so fürchtete Steinmeier, starte ein Ablenkungsmanöver, das von seiner eigenen Schwäche ablenken und ihn, Steinmeier, als parteiinternen Konkurrenten aus dem Spiel nehmen sollte.

Der Außenminister war wenig amüsiert. Er und Gabriel sind Parteifreunde, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Da ist der bullige Gabriel, der aus dem Bauch heraus, spontan und auch mal ohne Absprache mit Partei oder Ministerium agiert. Auf der anderen Seite der geschliffene Chefdiplomat, der selbst die schärfste Kritik in so viele Kautelen und Bandwurmsätze hüllen kann, dass man sie nicht mehr erkennt.

Ein Macher, kein Repräsentant?

Steinmeier war damals genervt. Recht vielsagend streute er, nach dem Amt als Chefdiplomat sei die rein repräsentative Rolle des Bundespräsidenten nichts für ihn.

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Frank-Walter Steinmeier: Auf dem Weg nach Bellevue

Die Argumentation wirkte zu dieser Zeit überzeugend. Er sei Macher, hieß es aus Steinmeiers Apparat, kein Sonntagsredner, außerdem agiere er als Außenminister ja schon seit Jahren aus präsidialer Flughöhe. Zudem passte es zum Taktierer Steinmeier, dass er sich nach dem Trauma der verlorenen Bundestagswahl von 2009 nicht noch einmal einer Kampfabstimmung mit ungewissem Ausgang stellen wollte.

Plötzlich sah das Pokerblatt anders aus

Wie man Kandidatengerüchte runterkocht, das weiß Steinmeier. Geschickt soufflierte sein Umfeld parallel, es gebe eine Absprache mit seiner Frau, dass nach 2017 Schluss sein soll mit dem hektischen Politikerleben.

Medial jedenfalls war aus einer möglichen Präsidentschaftskandidatur erst einmal die Luft raus. Fragen danach lächelte Steinmeier selbst an der Bar oder im Regierungsflieger auf Dienstreisen einfach weg.

Im Herbst 2016 indessah das Pokerblatt plötzlich anders aus. Der Kanzlerin, so Steinmeiers kühle Rechnung, dürfte es nach dem forschen Vorstoß von Gabriel vor Wochen schwerfallen, einen Gegenkandidaten zu finden, der auch nur halbwegs an Steinmeiers Beliebtheitswerte herankommt und eine Kampfabstimmung gegen ihn riskieren würde. Genüsslich schweigend sah er also zu, wie Merkel sich eine Absage nach der anderen abholte.

Der Job im Schloss Bellevue sah dann auch inhaltlich doch reizvoll aus. Als Bundespräsident könne man von dort einiges bewegen und das Amt neu prägen, lautete die neue Linie. Innerlich habe sich Steinmeier mit einer Zukunft als Präsident angefreundet, sagten Vertraute.

Auf diese Präsidentschaft läuft es nun hinaus.

insgesamt 170 Beiträge
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theolandwehr 14.11.2016
1. Beispiel
"Auf der anderen Seite der geschliffene Chef-Diplomat, der selbst die schärfste Kritik in so viele Kautelen und Bandwurmsätze hüllen kann, dass man sie nicht mehr erkennt." Hier ein Beispiel; "Steinmeier erklärte, er schaue mit großer Sorge auf das "Ungeheuer des Nationalismus", das sich weltweit ausbreite." (http://www.spiegel.de/politik/ausland/frank-walter-steinmeier-nennt-donald-trump-hassprediger-a-1106212.html)
ramskamp 14.11.2016
2. Der gescheiterte Kanzlerkandidat . . .
. . . . wird auch als Präsidentkandidat scheitern.
westerwäller 14.11.2016
3. Bei solchen Gelegenheiten wird dem Bürger wieder bewusst ...
Welchen Stellenwert er zwischen den Wahlen besitzt ... Nämlich gar keinen ... Das Berlin-Establishment sollte sich nicht zu sehr auf das kurze Gedächtnis der Wähler verlassen. Dass diese auch den einzigen Zeitpunkt nutzen können, an dem sie etwas zu sagen haben, hat man gerade erst gesehen ... Könnte es sein, dass die Wähler bei der nächsten Wahl dem Establishment ein paar offene Rechnungen präsentieren werden?
Knackeule 14.11.2016
4. Nicht mein Präsident.
Steinmeier wurde völlig undemokratisch von Politikern, die ich auch nicht gewählt habe, als Bundespräsident nominiert. Das Volk war wie immer dabei ausgeschlossen und seine Meinung hat wie immer keinerlei Rolle gespielt. Das ist somit nicht der Präsident aller Deutschen, wie jetzt von Politikern und Mainstream-Journalisten progiert wird und vor allem icht mein Präsident.
Freddy Kraus 14.11.2016
5. Notloesung!
Warum muessen eigentlich unsere Bundespraesidenten meistens immer Notloesungen sein?
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