Bundespräsident Steinmeier zieht in Dienstvilla - und löst Versprechen im Gedenkstreit ein

Ein jüdischer Unternehmer musste unter den Nazis seine Villa in Berlin verkaufen. Ende November wird dort Bundespräsident Steinmeier einziehen. Kurz vorher erklärt er, wie er mit der dunklen Geschichte umgehen will.

Dienstvilla des Bundespräsidenten
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Dienstvilla des Bundespräsidenten

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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier will mit einer Gedenktafel und einer Broschüre an das Schicksal des deutsch-jüdischen Vorbesitzers seiner Berliner Dienstvilla erinnern. Das teilte eine Sprecherin des Staatsoberhaupts dem SPIEGEL mit. "Das Gedenkkonzept steht." In wenigen Tagen werde Steinmeier mit seiner Frau in das Haus im Stadtteil Dahlem einziehen.

Der frühere Besitzer, der Unternehmer Hugo Heymann, sah sich 1933 unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten gezwungen, das Anwesen zu verkaufen. Gemeinsam mit seiner Frau zog er in eine Wohnung im Stadtteil Wilmersdorf. Er starb 1938, offenbar kurz nach einem Gestapo-Verhör. Seine Frau mühte sich nach dem Krieg vergeblich um eine Rückgabe der Villa.

Debatte um Gedenken

In diesem Sommer entbrannte eine Debatte um ein angemessenes Gedenken. Steinmeiers Vorgänger Joachim Gauck hatte vom Schicksal des Unternehmers erstmals Anfang 2014 erfahren. Er gab ein Gutachten bei NS-Forscher Michael Wildt in Auftrag, das Ende 2016 vorlag. Eine Entscheidung traf Gauck nicht mehr. Im März übergab er sein Amt.

Nach Kritik an einer angeblich zögerlichen Haltung des Bundespräsidialamts machte Steinmeier das Gutachten im August öffentlich. Er versprach, er werde vor seinem Einzug "sicherstellen, dass eine Verständigung über ein angemessenes Gedenken hergestellt ist". Mit dem neuen Konzept löst er nun sein Versprechen ein.

Die Gedenktafel soll die Berliner Designerin Helga Lieser erschaffen. Die Sprecherin Steinmeiers sagte, es sei geplant, die Tafel "im Frühjahr 2018" im öffentlich zugänglichen Bereich vor der Villa zu installieren. Der vorgesehene Informationstext, der auf Deutsch und Englisch verfasst sein werde, stehe noch nicht fest. Er werde das Schicksal des Vorbesitzers und die Umstände des Verkaufs erläutern.

Vor der Formulierung wolle man ein zweites Gutachten abwarten, das Historiker Wildt bis Anfang Dezember erstellen soll. Das erste Gutachten habe Lücken gehabt und Fragen offengelassen, sagte die Sprecherin. Wildt habe damals aus Zeitgründen wichtige Quellen nicht auswerten können.

Stolpersteine geplant

Die Broschüre werde in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung konzipiert und auf Deutsch und Englisch erhältlich sein.

Vor dem letzten frei gewählten Wohnort der Heymanns in Wilmersdorf sollen darüber hinaus am 4. Dezember Stolpersteine eingelassen werden, so die Sprecherin. Diese Gedenksteine mit den eingravierten Namen von Nazi-Opfern sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig.

Die Verlegung nimmt die private Stolperstein-Initiative in Eigenregie vor. Dennoch sollen an dem Termin Vertreter des Bundespräsidialamts teilnehmen. Die Initiative hatte zunächst überlegt, die Steine vor der Villa in Dahlem zu verlegen, entschied sich aber jüngst dagegen.



insgesamt 34 Beiträge
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eifelginster 16.11.2017
1. Bundespräsidentenvilla
Wie wäre es mit Rückgabe an die Erben? Warum macht im Artikel niemand diesen Vorschlag? Oder wurde dieses Thema schon geklärt? Wollen die Erben nicht?
Sokrates1939 16.11.2017
2. Alternativen
War denn wirklich in ganz Berlin keine andere Wohnmöglichkeit für Steinmeier zu finden als ein Haus, zu dessen Verkauf sich im "Dritten Reich" ein Vorbesitzer aus dem Kreis der Verfolgten genötigt sah und dessen Rückgabe an die Witwe auch noch abgelehnt wurde?
erlenstein 16.11.2017
3. Warum zieht ein Bundespräsident in diese Villa?
Also eine Broschüre und eine Gedenktafel reichen m.E. da nicht aus. Es ist einigermaßen schamlos für Vertreter Deutschlands in dieser Villa zu residieren. Sie ist ein Symbol für die rechtlose Zeit der Nationalsozialisten und ihre Judenverfolgung.
Beauregard 16.11.2017
4. Hmmm
man raubt jemanden das Haus, behält es und kümmert sich um ein angemessenes Gedenken? So klingt es jedenfalls, kann ich mir aber eigentlich nicht vorstellen.
Thorongil 16.11.2017
5. Schloss Bellevue
Die Wohnräume im Schloss Bellevue sind jetzt Büroräume für den Lebenspartner des Präsidenten. Tja dann muss man halt woanders wohnen. Wie bescheuert ist das denn?!
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