Frankfurter Scheidungsfall "Wenn man liebt, hält man lange durch"

Ihr Mann schlug sie, drohte sie zu ermorden. Mehr als genug für die sofortige Scheidung, dachte Najat L. Doch eine Richterin lehnte ab, berief sich auf ein Züchtigungsrecht im Koran. Najat L. ist entsetzt. SPIEGEL ONLINE traf die Deutsch-Marokkanerin in Frankfurt.

Von , Frankfurt am Main


Frankfurt am Main - Die Frau hat Angst. Angst nicht nur um sich, sondern vor allem um ihre Kinder. Um über ihre eheliche Leidensgeschichte zu sprechen, sucht Najat L. (Name von der Redaktion geändert) die Anonymität eines Frankfurter Innenstadtcafés. Inmitten von Menschenmengen fühlt die 26-Jährige sich sicher, hier fällt sie nicht auf. Ihre Privatadresse hält sie streng unter Verschluss, einen Festnetzanschluss fürs Telefon besitzt sie gar nicht erst.

Muslimische Frauen in Deutschland: "Der Prophet hat Frauen Rechte gegeben und sie als etwas Besonderes behandelt"
DDP

Muslimische Frauen in Deutschland: "Der Prophet hat Frauen Rechte gegeben und sie als etwas Besonderes behandelt"

"Meine Vergangenheit ist nicht schön gewesen, meine Zukunft wird hoffentlich gut", sagt Najat L. Und fügt schnell hinzu: "Sie hat aber noch nicht begonnen." Mit 14 lernte sie ihren Noch-Ehemann kennen, bei einem Urlaub in Marokko. Schon beim ersten Treffen glaubte sie, den Mann ihres Lebens getroffen zu haben: "Es war Liebe auf den ersten Blick."

Eine Liebe, die bitter enttäuscht werden sollte.

Ihre Eltern waren von Anfang an skeptisch. Sie durchschauten die Familienverhältnisse des jungen Mannes besser als sie, die schließlich noch nicht einmal volljährig war. Vielleicht, sagt Najat L., ja, vielleicht hätte sie schon damals erkennen müssen, mit wem sie sich eingelassen habe: "Denn sein Vater war auch nicht anders zu seiner Frau, als er später zu mir. Hätte ich doch nur auf meine Eltern gehört."

Jahrelang lebte ihr Freund erst in den Niederlanden als Monteur, um ihr näher zu sein. Sie hatten regelmäßigen Kontakt, schmiedeten schon bald Hochzeitspläne. Die Freude war groß, als die Eltern 2001 schließlich einwilligten: "Ich habe darum gekämpft und ich habe es geschafft."

Sie war glücklich - zunächst

Anfangs waren sie glücklich, sagt die 26-Jährige. Doch als sie 2002 erstmals schwanger wurde, gab es immer häufiger Streit. Erst waren es Belanglosigkeiten, "stressbedingt", wie Najat L. es ausdrückt. Wenig später aber wurden die Auseinandersetzungen handfest. Und dann, als ihr Mann eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung hatte, begann er, ihr rigorose Vorschriften zu machen. Sie sollte den Haushalt führen, die Kinder erziehen. Mehr nicht. Er setzte seinen Willen mit Fäusten durch. Und wenn er seine Frau mal wieder verprügelt hatte, verschwand er, kam oft tagelang nicht nach Hause.

Spricht Najat L. über die regelmäßigen Gewaltausbrüche ihres Ehemannes, stockt ihr der Atem. Details gibt sie nur spärlich preis: "Ich kann nur eins sagen: Ich bin regelrecht misshandelt worden." Auch wenn sie wusste, dass ein Nachgeben ihr wohl manche Schmerzen erspart hätte, wehrte sie sich stets: "Hätte ich meinen Mund gehalten, hätte ich sicher keine Schläge bekommen. Aber ich konnte das doch so nicht einfach auf mir sitzen lassen." Die Scheidung? Die habe sie immer nur als letzten Ausweg gesehen." Ich habe ihn ja geliebt - trotz allem. Und wenn man einen Mann liebt, hält man lange durch. Ich habe gedacht, irgendwann hört das schon auf", sagt die arbeitslose Bankkauffrau.

Es hörte nicht auf.

Am Morgen des 14. Mai 2006 eskalierte die Situation. Nach einem regelrechten Gewaltexzess stand ihr Entschluss fest: Sie würde den Scheidungsantrag stellen. Ihr Mann war wieder einmal "mit Freunden und Frauen" unterwegs gewesen, klingelte seine Frau und die Kinder um vier Uhr morgens wach. Als sie erst nach drei Stunden die Tür öffnete, prügelte er unermüdlich auf sie ein. Die Polizei musste anrücken, um sie vor ihrem Ehemann zu schützen, er wurde schließlich mit Handschellen abgeführt, ihr und den Kindern gerichtlich die Wohnung zugesprochen.

Trotz räumlicher Trennung ließ ihr Mann ihr keine Ruhe. Monatelang belästigte er sie über das Telefon, drohte, sie umzubringen und die Kinder zu entführen. Nur ein radikaler Bruch, eine sofortige Scheidung würde ihr jetzt noch ausreichend physischen Schutz und psychischen Halt geben können, hat sie damals gedacht. Sie vertraute auf die Vernunft des Rechtsstaats und stellte im Oktober mit ihrer Anwältin einen Härtefall-Scheidungsantrag. Dass sie trotz ihrer ehelichen Erfahrungen das Trennungsjahr ungeschieden einhalten müsse - daran habe sie nie einen Gedanken verschwendet.

"Wie ein Stück Dreck"

Im Januar aber erhielt sie die niederschmetternde Ablehnung des Frankfurter Amtsgerichts. Die Begründung: Kein Härtefall, sondern Normalfall - nach dem Koran. Für sie, als gläubige Muslima, sei der Verweis auf das Züchtigungsrecht im Islam ein Schock gewesen. "Es ist eine Frechheit, dass man sich in Deutschland so was rausnehmen kann. Das allerschlimmste ist, dass die Richterin den Islam falsch interpretiert hat. Unser Prophet hat Frauen bestimmt nicht geschlagen. Der Prophet hat Frauen Rechte gegeben und sie als etwas Besonderes behandelt, nicht wie ein Stück Dreck. Aber die Richterin sieht das offenbar anders."

Najat L. sieht jetzt sogar ihr Sorgerecht in Gefahr. Ihr Mann, weiß sie zu berichten, bedränge das Gericht seit Monaten, ihr die Kinder zu entziehen. "Ich traue dem Gericht jetzt alles zu."

Trotz allem hofft Najat L. auf eine bessere Zukunft. Im Mai ist das Trennungsjahr vorüber - spätestens dann wird sie die Scheidungsbestätigung in den Händen halten. Anschließend will sie einen Neuanfang versuchen: "Ich würde gerne eine Ehe eingehen, wo ich den richtigen Islam ausleben kann. Mit all meinen Rechten."

Dann verschwindet sie in den Frankfurter Menschenmassen.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.