Franz Josef Jung Auffällig unauffällig

Landwirtschaft wollte er, nicht Verteidigung. Der Hesse Franz Josef Jung brachte folglich keine eigenen Visionen mit ins Amt, er setzte Vorgaben der Kanzlerin um. Bloß keine Schlagzeilen, lautete sein Auftrag, und den hat er erfüllt - bis auf kleine Ausrutscher.

Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung: "Große Freude am Amt gefunden"
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Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung: "Große Freude am Amt gefunden"

Von Alexander Szandar


Franz Josef Jung, 60, Winzersohn aus dem Rheingau, wäre gern Agrarminister geworden. Stattdessen musste er 2005 ins Wehrressort einrücken, später Dank seines hessischen Mentors Roland Koch, den er in der CDU-Parteispendenaffäre im Jahr 2000 durch den Rücktritt als Chef der Staatskanzlei vor dem Sturz aus dem Ministerpräsidentenamt bewahrt hatte.

Ansprüche, gar Zukunftsvisionen, brachte der Provinzpolitiker nicht mit nach Berlin. Die Vorgaben setzte Angela Merkel. Jung solle sich ruhig verhalten, nicht auffallen und die Bundeswehr tunlichst aus den Schlagzeilen halten, lautete der Auftrag der Kanzlerin.

Diese Mission hat der gelernte Anwalt geräuschlos bewältigt, von einigen Ausrutschern abgesehen. Etwa als er 2006 zum Verdruss der Chefin vorschnell einem Truppenabzug aus Bosnien-Herzegowina das Wort redete oder 2007 die harmlose Uno-Mission der Marine zur Überwachung der See vor dem Libanon zum gefährlichen "Kampfeinsatz" hochjazzte. Auffällig blieb, wie wenig Jung auffiel. Die Regierungschefin gäbe dem Hessen dafür gewiss die Note Zwei, ein "gut" für "Betragen".

Jeden Sommer überzog der Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt zwar Dutzende Militärstandorte mit halbtägigen Stippvisiten. Aber er fremdelte, wenn er mit Soldaten ins Gespräch kommen sollte. Die Truppe trauert deshalb noch immer Jungs populärem SPD-Vorgänger Peter Struck nach. Dessen Pläne zur Reform der Streitkräfte setzte Jung getreulich um, ganz im Sinne Merkels - und so einfühlsam betreut vom Bundeswehr-Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan, dass er den obersten Soldaten und Miterfinder der Reformen gleich zweimal bat, seine Dienstzeit über die Pensionsgrenze zu verlängern, bis Juli 2010.

Sonst hat Jung für die Bundeswehr nicht viel bewirkt. Sollte er ja auch nicht. Eine Drei - befriedigend - gäbe es bestimmt von der Kanzlerin, aus der Truppe wohl allenfalls eine Vier, "ausreichend".

Als seinen Erfolg betrachtet der farblose Minister die Herausgabe eines bunten "Weißbuchs zur Sicherheitspolitik Deutschlands und zur Zukunft der Bundeswehr" im Herbst 2006. Zu seinem Leid verhagelte ihm ein Boulevard-Blatt die Präsentation, indem es fiese Fotos von Soldaten druckte, die in teils obszöner Pose mit afghanischen Totenschädeln hantierten. Jungs Papier verstaubt ziemlich unbeachtet im Regal. Umso energischer hielt er an der überkommenen Wehrpflicht fest und warb beharrlich aber erfolgslos für eine Grundgesetzänderung, die den Einsatz der Streitkräfte im Inneren ermöglichen soll.

Gegen allerlei Widerstand gelang es Jung, das alljährliche Rekrutengelöbnis zum 20. Juli aus dem Areal des Bendler-Blocks vor den Reichstag zu verlegen. Auch sonst steht er für die Wiederbelebung konservativen Helden- und Totenkults.

Jung hinterlässt ein umstrittenes "Ehrenmal", das ursprünglich von ihm gedacht war zum Gedenken an "Gefallene", nun aber alle zivilen und militärischen Mitarbeiter würdigt, die seit der Bundeswehr-Gründung 1955 im Dienst irgendwie ihr Leben ließen. Zu seinem Vermächtnis gehört auch der neue Tapferkeits-Orden, der immerhin nicht als "Eisernes Kreuz" vergeben wird, wie es -unseligen Weltkriegs-Traditionen verhaftete - Parteifreunde verlangt hatten.

Nach einem Wahlsieg der Union möchte Franz Josef Jung ("Ich habe große Freude an dem Amt gefunden") gerne auf seinem Posten bleiben - zum Schrecken politischer Gegner im Bundestag und auch vieler Soldaten, die den Hessen für eine Fehlbesetzung halten. Ob Merkel ihn so gut benotet, dass sie seine Dienstzeit im Wehrressort verlängert, bleibt abzuwarten.



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