Göttinger Parteitag Sechs Lehren für die Linke

Die Linke hat in den Abgrund geblickt: Das Auseinanderreißen der Partei ist gerade noch abgewendet worden. Das neue Führungsduo muss sich nun von den narzisstischen Altstars Lafontaine und Gysi lösen - und stärker als bisher auf Kompromisse setzen. Sechs Beobachtungen vom Göttinger Parteitag.

Von Franz Walter

dapd

1.: Der Abgrund
Die Delegierten des Göttinger Parteitags mussten tief in den Abgrund schauen. Ihre früheren Integrationsfiguren, Oskar Lafontaine und Gregor Gysi, schlugen hart aufeinander ein. Gysis Abrechnung fiel konzentriert, dabei brutal, ohne euphemistische Sedierungsphrasen aus. Dass eine Spaltung möglich, ja wünschbar sei, schleuderte er als Formel verblüffend offen in die Parteitagsarena. Er zog seine historische Bilanz, Satz für Satz sorgfältig formuliert. Im Falle des Worst Case sollte für die Nachwelt festgehalten bleiben, wer die tapferen Pioniere und Helden der Erfolge waren - und welche Schurken Verantwortung für ein Scheitern trugen. 23 Jahre nach der deutschen Vereinigung ergoss der Repräsentant der Ostigkeit seine ganze Wut, seinen Frust über Linksbesserwessis - und erntete damit den prasselnden Applaus der Parteitagsvertreter aus der Region zwischen Rostock und Dresden.

2. Die Rivalitäten
Das Problem der Partei war zuletzt, dass sie kein strategisches Zentrum mehr hatte. Die alte Führungsspitze hat rundum dabei versagt, im Vorfeld des Parteitags einen friedensstiftenden Bogen zwischen Personen und Richtungen zu schlagen. Vielleicht ging es auch einfach nicht mehr- weil die eitlen Granden Lafontaine/Gysi ihren je eigenen Trip verfolgten. Zumal die politischen Flügel in der Partei eine enorme Unversöhnlichkeit demonstrierten. Einen solchen Jargon von Freund-Feind, richtig-falsch, Linksradikaler-Rechtsreformist gab es in dieser Fülle und Schärfe in der westdeutschen Parteienlandschaft zuletzt in den siebziger Jahren, im Umfeld der damals berüchtigten sektiererischen Linkskonventikel.

In der Linken steuern die rivalisierenden Flügel Konflikte und Organisationsprozesse nun nicht mehr konstruktiv mit, wie es ihre Pendants innerhalb der Grünen und SPD mittlerweile oft genug schaffen. Stattdessen schüren und verfestigen sie den Gegensatz innerhalb der Partei.

3. Die Funktionäre
Eine Wahl Dietmar Bartschs hätte den Streit sicher verlängert und verhärtet. In solchen Dingen ist Lafontaine verlässlich: Seine Energie gegen etwas oder gegen andere ist bekanntlich überreichlich, während seine Dafür-Energien erheblich kurzlebiger ausfallen. Doch noch etwas sprach gegen Bartsch: Schließlich speisten sich die Erfolge der Linken in den Jahren 2005 und 2009 aus dem Zuzug von an der SPD verzweifelten Gewerkschaftern, insbesondere des mittleren Funktionärsbereichs.

Seit ein bis zwei Jahren ist nun aber eine Rückorientierung von Gewerkschaftsführern zur SPD unübersehbar - was eine wirkliche Gefahr für die Linke bedeutet, besonders im Westen. Insofern war die Wahl des Stuttgarter Ver.di-Chefs Bernd Riexinger einleuchtend. Bartsch dagegen ist im Grund von seiner ganzen Biografie her stets ein politischer Apparatschik gewesen, ohne intensive Bindungen an die Arbeitnehmerorganisationen. Auch die neue Co-Vorsitzende Katja Kipping hat diese Bindungen nicht. Ein Gespann Kipping/Bartsch hätte nicht mehr aus einer bislang entscheidenden Quelle des Linken-Aufstiegs zu schöpfen vermocht.

4. Die Aussichten
Ob es dem neuen Duo gelingt, diese Erfolge wieder aufleben zu lassen, weiß man nicht. Kippings Anspruch, die Linke in eine lernende, neugierige, offene, zuhörende Partei zu verwandeln, klingt zumindest sympathisch. Einige ihrer Vorschläge (etwa zum Genossenschaftswesen, zur solidarischen Ökonomie, zum Mindestlohn) sind zwar nicht umstürzend originär, aber auch nicht ermüdend konventionell. Ihre Rhetorik ist ganz anders als die der bisherigen Leitwölfe. In der leisen, eher nachdenklich wirkenden Art liegen auch Chancen. Schließlich ist das laute, autoritäre Gebrüll älterer Männer nicht jederfraus Sache. Und Bernd Riexinger muss nicht die Marionette von Lafontaine sein, als die er derzeit von seinen innerparteilichen Gegnern und etlichen Journalisten abgewertet wird. Als Gewerkschafter agiert er organisatorisch und strategisch im schwierigen Dienstleistungssektor bemerkenswert erfolgreich.

5. Die Emanzipation von den Altstars
Im Grunde kommt es nun darauf an, dass sich die Partei von ihren besserwissenden, mitunter narzisstisch agierenden Altstars löst, die eigentlich nicht mehr recht wollen, aber es auch nicht ganz lassen können und deshalb gerne aus dem Off egozentrische Auftritte starten. Dieser Akt der Ablösung steht irgendwann in allen Parteien an. Er ist zwar nie leicht zu bewerkstelligen, aber zwingend (man könnte hier probate Ratschläge bei Frau Merkel einholen).

6. Kompromisse oder Ende
Es ist unverzichtbar, dass sich in allen Flügeln der Linkspartei einige vernünftige Frauen und Männer zusammentun und ein integratives Zentrum bilden. Sie müssen permanent - eben nicht erst, wenn die Partei vor der Zerreißprobe steht - Kompromisse und Arrangements ausloten, die es allen Seiten erlauben, ihr Gesicht zu wahren. Gelingt das nicht, dann war es das mit dem Experiment einer Partei der Linken in Deutschland.

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Seite 1
jokra 03.06.2012
1.
JOK schrieb am 03.06.2012 um 17:59 nach 2 tagen non-stop parteitag kucken, ist es sehr schwierig keine hass-gefühle gegenüber den lafontaine-lemmingen zu entwickeln.... der höhepunkt des parteitages war die großartige rede gregor gysis. positiv ausserdem die wahl katja kippings zur parteivorsitzenden, sowie jan van akens und caren lays zu stellvertretern. katastrophal dagegen die rede lafontains und der - auf druck des betonkopf-lagers geschehene - rückzug von katharina schwabedissen. den lafo-lemmingen war es wichtiger das reform-lager zu demütigen als wirklich einen neuanfang zu erreichen und einen "dritten weg" zu wählen. das anstimmen der internationale nach der wahl riexingers zeigt, dass der hass der orthodoxen auf die reformer stärker ist als auf den politischen gegner. als reaktion darauf nicht selber hass-gefühle zu entwickeln ist sehr schwierig... wut und trauer bleiben. und der strohhalm katja kipping, an den sich jeder denkfähige mensch der der linken nahesteht nun klammern muss... schade.
robert.haube 03.06.2012
2. Oskar hat Parteitag gerettet
Der sonst so kluge Prof. Walter hat hier sehr mäßiges Feuilleton abgeliefert. Nach dem resignativen, fast weinerlichen Vortrag von Gysi, hat Oskar Lafontaine den Parteitag gerettet - und ein gutes Personaltableau zusammengeführt. Und dann diese abgelutschte Schablone, von "Oskar Lafontaine mehr gegen als für". Gähn. Als Oberbürgermeister, Ministerpräsident und Aufbauer der LINKEn hat er doch genau das Gegenteil bewiesen.
jokra 03.06.2012
3.
Zitat von robert.haubeDer sonst so kluge Prof. Walter hat hier sehr mäßiges Feuilleton abgeliefert. Nach dem resignativen, fast weinerlichen Vortrag von Gysi, hat Oskar Lafontaine den Parteitag gerettet - und ein gutes Personaltableau zusammengeführt. Und dann diese abgelutschte Schablone, von "Oskar Lafontaine mehr gegen als für". Gähn. Als Oberbürgermeister, Ministerpräsident und Aufbauer der LINKEn hat er doch genau das Gegenteil bewiesen.
wer lafontaine nach dieser katastrophe noch in schutz nimmt - oder überdies seine rolle auch noch positiv hervorhebt - ist entweder gegner der linken, oder verhält sich grob fahrlässig. was das lafontaine-lager sich auf diesem parteitag geleistet hat ist unentschuldbar und es bleibt zu hoffen das dies nicht der todesstoß für die gesamt-deutsche linke war...
Tunt 03.06.2012
4. Guter Parteitag
Demokratie und Republik profitieren von einer Linken, die sich selbst zerlegt und damit hoffentlich im Westen bald wieder ein parlamentarisches Nischendasein fristet. Die pragmatischere Ost-Linke hat vielleicht noch eine Chance, wenn sie sich von den westdeutschen Salonkommunisten unter ihrem Napoleon von der Saar trennt.
smashjack 03.06.2012
5. Was hat Lafontaine denn bisher überhaupt mal erreicht?
Was bitte hat der ach so kluge Kopf Lafontaine als OB und Ministerpräsident oder "Gründer" der Linken denn bewiesen? Welche Erfolge hat er denn in "seinem" Bundesland vorzuweisen? Wo stand das Saarland vor seiner Regentschaft und danach? Was er wirklich schon damals konnte ist denunzieren. Das Saarland hat das schärfste Pressegesetz, und wenn er könnte wie er wollte, hätte er dies gern für die gesamte Republik umgesetzt. Der Saar-Napoleon wollte schon immer den bequemsten Weg gehen. Die Linke sieht er nach wie vor als SEINE Kampfmaschine gegen die SPD, nicht mehr und nicht weniger.
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