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Frauen bei den Piraten: Allein unter gottgleichen Alpha-Jungs

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Die Piraten wollen über den Geschlechtern schweben, "post-gender" sein, Unterschiede zwischen Männern und Frauen bewusst ausklammern - für das Ziel der absoluten Gleichberechtigung. Doch bei sich selbst kann die Partei diesen Anspruch kaum erfüllen. Das legt eine Umfrage unter Mitgliedern nahe.

Piraten und Weiblichkeit: "Sexismus ist ein Problem" Fotos
Vinzent Eppelt

Berlin - Trifft man sich mit Piratinnen in Berlin, glaubt man erstmal nicht, dass die Partei ein Frauenproblem hat. Laura Dornheim ist 28 Jahre alt und Doktorandin, Katharina Niemeyer ist ein Jahr älter und Juristin. Beide sind clever, schlagfertig, engagiert. Beide sagen, dass sie gern in der Partei sind. Dass sie an die Ziele der Piraten, mehr Bürgernähe, Transparenz und Mitbestimmung, an Basisdemokratie mit digitalen Mitteln glauben.

Wenn es da nicht die Sache mit den Frauen gäbe.

Kaum ein Thema sorgt unter Piraten für heftigere Kontroversen. Eigentlich erhebt die Partei den Anspruch an sich und die Gesellschaft, "post-gender" zu sein, also die Unterschiede zwischen Männern und Frauen bewusst auszuklammern. Die Zeit der Geschlechterkämpfe, postulieren Piraten, müsse endgültig vorbei sein. Allein: In den eigenen Reihen erfüllt die Partei diesen Anspruch offenbar nicht.

Dornheim und Niemeyer sind Mitglied im "Kegelklub", einer Gruppe der Piratenpartei, die sich mit Geschlechterpolitik beschäftigt. "Frauen, die sich ganz nach vorne trauen, sind auch bei uns in der Unterzahl", sagt Dornheim. "Anstatt das totzuschweigen, müssen wir sachlich darüber reden können, wo das Problem liegt."

Die "Kegelklubberinnen" haben deshalb unter Parteimitgliedern eine Umfrage zur Gender-Debatte gestartet, um herauszufinden: Welche Probleme gibt es in der Partei? Was schreckt Frauen von Kandidaturen ab? Wie gleichberechtigt fühlen sich die Mitglieder?

  • Das Ergebnis lässt Rückschlüsse auf den realen Frauenanteil bei den Piraten zu. Keiner weiß, wie hoch der eigentlich ist. Die Partei verzichtet bewusst auf eine Erhebung der Geschlechter. Insgesamt beteiligten sich 1200 Piraten quer durch alle Landesverbände, davon waren 18 Prozent weiblich. Das entspräche in etwa dem Frauenanteil bei der CSU. Man kann davon ausgehen, dass der tatsächliche Anteil weiblicher Piraten noch niedriger ist, da Frauen sich tendenziell mehr für Gender-Themen interessieren - und deshalb möglicherweise geneigter waren, an der Studie teilzunehmen.
  • Ob bei den Piraten die Geschlechter fair behandelt werden, da gehen die Meinungen auseinander: Deutlich mehr Männer als Frauen finden laut Umfrage, dass in der Piratenpartei Gleichberechtigung herrscht.
  • Sechs Prozent der befragten Piraten und über ein Viertel der weiblichen Parteimitglieder, die an der Studie teilnahmen, waren nach eigenen Angaben schon einmal Opfer von sexistischem Verhalten (sehen Sie Auszüge der Umfrage hier). "Jedes dritte Mal wurde ein solcher Vorfall belächelt, weggeschwiegen oder ignoriert", heißt es in der Auswertung der Umfrage.

"Sexismus ist ein Problem in der Piratenpartei", lautet ein Fazit der Befragung. Freilich sind Piraten nicht die einzige Partei, die mit ihren selbst gesteckten Zielen in Sachen Chancengleichheit zu kämpfen hat. Selbst die Grünen haben damit ihre Probleme. Doch die Piraten tun bislang wenig, um das Image vom Machohaufen im Hobbykeller abzuschütteln. Auf den Landeslisten für die Wahlen im Saarland und in Schleswig-Holstein stehen wieder nur eine Handvoll Frauen. Bei den Kandidaturen für den Bundesvorstand, der Ende April neu gewählt wird, sieht es aktuell nicht anders aus.

"Shitstorms" und Kandidatengrillen

Auch wird die interne Diskussion darüber, warum es auffällig wenig Frauen zu den Piraten zieht, bislang anscheinend wenig konstruktiv geführt. "Es wird gestritten, geflucht, geschrien und gelitten", sagen die Macherinnen der Umfrage, und fordern mehr Sachlichkeit. Kommunikation scheint ohnehin eine weitere Baustelle zu sein:

  • Piratinnen werden offenbar mehr als ihre männlichen Mitstreiter vom "piratigen Miteinander" und der Diskussionskultur, sowohl online als auch offline, abgeschreckt. Viele weibliche Mitglieder finden öffentlich ausgetragene Pöbeleien ("Shitstorms" über Twitter, in Mailinglisten und Foren) laut Umfrage demotivierend.
  • Generell empfinden viele Piratinnen das Klima in der Partei als rau: Für Frauen stellen "Shitstorms", "unsympathische Teamkollegen", "fehlende Unterstützung" oder das berüchtigte "Kandidatengrillen" auf Parteitagen ein größeres Problem dar als für männliche Parteimitglieder.
  • Immerhin 15 Prozent der teilnehmenden Frauen trauen sich in der Partei, die sich Offenheit und Transparenz auf die Fahnen schreibt, nicht oder eher nicht, ihre Meinung zu äußern, "wenn sie nicht der Mehrheitsmeinung entspricht". Lediglich vier Prozent der männlichen Teilnehmer geht es da ähnlich.

Passen Frauen nicht in die Piratenwelt? Muss die Piratenwelt frauenfreundlicher werden? Eine Quote lehnen die meisten Befragten, ob männlich oder weiblich, ab. "Ich würde mir verarscht vorkommen, wenn ich auf einer vormanipulierten Frauenliste landen würde", sagt Kegelklub-Mitglied Niemeyer. "Das hat doch nichts mit fairem Wettbewerb zu tun." Allerdings dürfe auch "nicht bei jeder Kleinigkeit ein Shitstorm ausbrechen".

Spricht man auf Parteitagen mit weiblichen Piraten, fallen schnell genervte Kommentare über Alpha-Jungs, die sich "gottgleich" gerieren. Man hört Geschichten von Neu-Piratinnen, die zur Begrüßung erst einmal angebaggert werden. Von Gesprächsrunden, die zur Chauvinisten-Show mutieren. Von einem Piraten im Berliner Abgeordnetenhaus, der Insiderwitze über eine bestimmte "Thüringer Schlampe" wahnsinnig lustig findet.

Born to be Nerd

Katja Dathe, Bezirksverordnete für die Piraten in Mitte, erklärt die Strukturen so: "Die Piratenpartei wurde in der Nerd-Kultur geboren", sagt sie. "Viele Mitglieder sind unglaublich jung, manche unerfahren im alltäglichen Umgang mit Frauen - und einige schlicht sozial inkompetent. Da unterscheiden sie sich nicht von anderen Menschen." Sie selbst habe sich von Anfang an "extrem aufgehoben" gefühlt, erzählt Dathe, räumt aber ein, dass man in der Piratenpartei manchmal, "so wie im Rest der Welt männliche Spielregeln" beherrschen müsse, um ernstgenommen zu werden.

Immerhin scheint die Grundstimmung in der Partei positiv: Die große Mehrheit der befragten Piraten, männlich und weiblich, gaben an, sich in der Partei wohl zu fühlen. Über die Hälfte der teilnehmenden Frauen und zwei Drittel der Männer können sich vorstellen, ein Parteiamt zu übernehmen (hier geht es zur gesamten Umfrage). "Wir haben tolle Frauen, die super performen", sagt Niemeyer, etwa die noch amtierende Geschäftsführerin Marina Weisband, oder die 26-jährige Julia Schramm, die sich für den Posten der Bundesvorsitzenden bewirbt.

"Ein paar Benimmregeln, zumindest ein Bewusstsein für das Thema, wären ein Anfang", meint Niemeyer. Oder ein Vorschlagssystem für Führungsposten. Parteichef Sebastian Nerz versprach auf seinem Blog, sich die Ergebnisse der Umfrage genau anzuschauen. Mehr weibliche Identifikationsfiguren in den eigenen Reihen können die Piraten gut gebrauchen: Sie wollen in diesem Jahr bei zwei Landtagswahlen punkten, im Jahr 2013 voraussichtlich auch bei der Bundestagswahl. Auf die Klientel der gut ausgebildeten Frauen, um die auch etablierte Parteien seit Jahren kämpfen, werden die Polit-Newcomer dabei nicht verzichten können.

Ein kleiner Auszug aus den Kommentaren der Umfrageteilnehmer gibt Hoffnung, dass bald Bewegung in die Genderfrage kommt: "Frauen, wir sind pickelige Nerds und schüchterne Milchbubis teils fortgeschrittenen Alters, deshalb: unterwandert uns zuhauf und übernehmt die Macht!! Ohne euch verkümmern wir nur weiter!"

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insgesamt 119 Beiträge
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1. .
c++ 08.03.2012
Für Quotenfrauen gibt es die Grünen, wo ist das Problem? Die Grünen stehen für die Kämpfe der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts, die Piraten für die Zukunft. Die Zukunft ist die quotenlose Gesellschaft.
2. .
Methados 08.03.2012
Zitat von sysopVinzent EppeltDie Piraten wollen über den Geschlechtern schweben, "post-gender" sein, Unterschiede zwischen Männern und Frauen bewusst ausklammern - für das Ziel der absoluten Gleichberechtigung. Doch bei sich selbst kann die Partei diesen Anspruch kaum erfüllen. Das legt eine Umfrage unter Mitgliedern nahe. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,819826,00.html
quote quote quote - ich frage mich immer, wie sowas berechnet werden soll ? am gesamtanteil männer und frauen der bevölkerung ? wird dann auch mit einbezogen, wieviele fraune und männern davon zu hause bleiben WOLLEN und die erziehung übernehmen ? diesen anteil müsste man dann ja von der gesamtzahl der bereitwilligen abziehen. ich denke spätestens dann erübrigt sich eine quote.
3. Die Partei gefällt mir immer besser.
kantundco 08.03.2012
Keine gendermäßige Diskriminierung, Vorurteile und Vorverurteilung. Dafür: Nur die harten, bleiben bei den Piraten! Das da die eine oder andere Mimose (lt. Studie eher weiblich) durch das Raster fällt, ist doch kein Problem. Und wenn Frauen damit eher ein Problem haben sollten, dann ist es halt nicht ihre Partei. Aber das sind immer individuelle Anforderungen, die man eben erfüllt oder nicht. Aber es gibt für natürlich auch prima Angriffsfläche für linksgrüne Kritik.Die Piraten sind allerdings so gestrickt, dass sie das abkönnen. Im übrigen: Wie viele Frauen gab es denn bei den echten Piraten, draußen auf hoher See? Waren wohl auch nicht allzu viele. Die aber dafür sehr respektiert und gut.
4. zurück in die Zukunft
mapee 08.03.2012
Zitat von c++Für Quotenfrauen gibt es die Grünen, wo ist das Problem? Die Grünen stehen für die Kämpfe der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts, die Piraten für die Zukunft. Die Zukunft ist die quotenlose Gesellschaft.
Nein, auch die Vergangenheit war schon die quotenlose Gesellschaft und in der Masse ist sie es auch heute noch. Im Grunde stehen doch gerade die Piraten für nichts anderes als CSU, CDU und all die anderen Partein im letzten Jahrhundert, ein Nichtbeachten der geschlechtlichen Gleichbehandlung. Und ist es nicht gerade Ignoranz die vielfach verhindert, dass es überhaupt Fortschritte gibt? Bei den Grünen hat es die gegeben, ob das der richtige Weg ist (über die Quote) muss jeder für sich entscheiden. Und nein, die Quote ist nicht aus den 70ern sondern beginnt gerade jetzt, langsam Einzug in die Gesellschaft zu halten. Die naive Grundhaltung - "Wir sind post-gender, damit ist das alles kein Thema für uns" - wird jedenfalls gar nichts ändern. Wobei ich bezweifle, dass Gleichberechtigung wirlich ein Anliegen der Piraten ist.
5. Positive Überraschung.
myanus 08.03.2012
Ich halte den Ansatz der Piraten, das Genderthema operativ einfach auszuklammern für sehr gelungen. Dass Quotenregelungen abgelehnt werden spricht für eine gewisse freiheitliche Gesinnung bei den Piraten. Natürlich wird bei den Piraten viel Unsinn verzapft aber wenn sich die offene Parteikultur so durchsetzt, kann da noch was draus werden. Die linken Parteien, die uns mit Quoten, Meinungsdiktatur und Ökosteuer ihre Überzeugungen aufzwingen wollen, hab ich gefressen! Die treibende Kraft des Handelns muss Vernunft sein, nicht Ideologie!
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