Frauen in der Bundeswehr Emanzipation im Kampfanzug

Seit fünf Jahren stehen Frauen alle Positionen in der Bundeswehr offen. Gegen viele Bedenken erobern sich die Soldatinnen ihren Platz in der Armee. Manche Männer empfinden ihre Anwesenheit inzwischen als Konkurrenz.

Von


Hamburg - Feldwebel Fröhlich hat mehrere Trillerpfeifen mitgebracht - man weiß ja nie. Der Physical Fitness Test steht an, eine Art Bundesjugendspiele für die Bundeswehr: Vier-mal-neun-Meter laufen, 40 Sekunden Sit-ups und Aus-dem-Stand-Springen. Alle Wehrdienstleistenden und Soldaten unter 40 Jahren müssen sich einmal im Jahr diesem Fitness-Test unterziehen - und Feldwebel Fröhlich nimmt ihn ab.

Frauen in der Bundeswehr: Den ganzen Tag fast nur von Männern umgeben
DPA

Frauen in der Bundeswehr: Den ganzen Tag fast nur von Männern umgeben

Klein, zierlich und blond steht Fröhlich unter den rund 60 Männern - ihre Trillerpfeifen braucht sie nicht. Problemlos erteilt sie Kommandos, stoppt Zeiten und verteilt Aufgaben. Ganz selbstverständlich wird ihr gehorcht - dass Nicole Fröhlich fast allein unter Männern ist, stört dabei niemanden.

Seit gut fünf Jahren stehen Frauen alle Bereiche der Bundeswehr offen. Der Europäische Gerichtshof hatte der Elektronikerin Tanja Kreil aus Hannover Recht gegeben, die sich gegen das Grundgesetz gewehrt hatte. Frauen dürften "auf keinen Fall Dienst an der Waffe leisten" hieß es da. Ein Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz befand der Europäische Gerichtshof und der Bundestag änderte daraufhin am 27. Oktober 2000 das Grundgesetz. Am 2. Januar 2001 traten die ersten 244 Frauen ihren Dienst an der Waffe an.

So hitzig die Debatte, so unspektakulär der Alltag

So hitzig die Debatte darüber außerhalb der Bundeswehr war, so störungsfrei ist der Alltag. Allen Unkenrufen zum Trotz sind die Probleme, wie zum Beispiel sexuelle Belästigung, relativ überschaubar geblieben: Neunzig Verdachtsfälle wurden dem Wehrbeauftragten Reinhold Robbe für das Jahr 2005 gemeldet - bei rund 12.000 Frauen betrifft das weniger als ein Prozent.

"Bei der Bundeswehr ist es nicht anders als im richtigen Leben: Die Dinge, die in unserer Gesellschaft eine Rolle spielen und vorkommen, kommen auch in der Bundeswehr vor", konstatiert denn auch Robbe. "Ob das jetzt sexuelle Belästigung, Mobbing oder persönliche Differenzen mit den Vorgesetzen sind. Aber all das bewegt sich im Bereich des Normalen."

Für Feldwebel Fröhlich ist der Umgang mit ihren männlichen Kollegen völlig normal: "Ich persönlich merke gar nicht, dass ich den ganzen Tag fast nur von Männern umgeben bin", sagt die 24-Jährige, die seit drei Jahren bei der Bundeswehr ist. Über die Frage, ob ihre Anwesenheit die Armee verändert hat oder ob sie als Frau bestimmten Anforderungen nicht gerecht werden kann, schüttelt sie nur den Kopf: "Natürlich gibt es bestimmte körperliche Anforderungen, die schwierig sind und auf die ich mich vorbereiten musste - aber das müssen die Männer genauso." Ansonsten ist für sie die Bundeswehr vor allem eines: Ein sicherer Arbeitsplatz mit guten Aufstiegschancen.

Die Bundeswehr als sicherer Arbeitsplatz

Denn genau das war der Grund, warum sie sich nach dem Abitur für die Bundeswehr entschieden hat. Pragmatismus bei der Arbeitsplatzentscheidung - so beurteilt auch Gerhard Kümmel vom Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr (SoWi) die Motivation von Frauen, sich bei der Bundeswehr zu bewerben. Er hat den ersten Jahrgang von Frauen nach ihren Gründen befragt und dabei festgestellt, dass die Bundeswehr in erster Linie als Arbeitsplatz wahrgenommen wird: "Das wird von Frauen relativ pragmatisch gesehen", so Kümmel. Überproportional viele der Bewerberinnen kämen zum Beispiel aus den neuen Bundesländern: "Angesichts der sozioökonomischen Lage überrascht das nicht."

Ein Eindruck, den auch Günter Kruse, Oberstleutnant in der Julius-Leber-Kaserne in Berlin, bestätigt: "Die Entscheidung, zur Bundeswehr zu gehen, ist bei Frauen keine Verlegenheitsentscheidung. Sie bereiten sich genau darauf vor, haben das klar durchdacht und wissen ziemlich genau, was auf sie zukommt."

Gedanken über die Möglichkeit, im Kriegsfall oder im Auslandseinsatz die eigene Waffe tatsächlich auch benutzen zu müssen, macht sich Nicole Fröhlich nicht. Zu abstrakt ist die Vorstellung - obwohl man auch dafür ausgebildet wurde. "Die Masse der weiblichen Soldaten geht doch in eher traditionelle Bereiche", hat Gerhard Kümmel vom SoWi festgestellt: "Stabstätigkeit, Versorgung, Logistik, Nachrichtendienste, Feldjäger." Nur knapp 20 Prozent gehen tatsächlich auch in die Kampfunterstützungs- oder Kampfgruppen.

Gute Frauen - Konkurrenz für männliche Soldaten

Und die Frauen sind gut: Überdurchschnittlich motiviert, engagiert und leistungsorientiert, bereiten sie manchem männlichen Kollegen Kopfzerbrechen. Denn: "Zum Teil bringen Frauen bessere Ergebnisse als Männer, vor allem im kognitiv-theoretischen Bereich", so das Fazit von Gerhard Kümmel. "Das ist aber kein Phänomen, das nur für die Bundeswehr gilt, sondern gilt überall dort, wo Frauen neu in einen Bereich eintreten, der bislang von Männern dominiert war."

Frauen werden deshalb - auch das ist ein Ergebnis der Untersuchungen des Sozialwissenschaftlichen Instituts - von ihren männlichen Kollegen durchaus als Konkurrenz begriffen: Um knappe Arbeitsplätze und Karrierechancen. Eine Tatsache, die Oberstleutnant Kruse nicht schlimm findet: "Frauen sind ehrgeiziger als Männer, aber das ist ein guter Ansporn: Die Jungs strengen sich dann lieber noch mal mehr an, denn keiner will von einer Frau überholt werden. Und das führt insgesamt zu einer Leistungssteigerung."

"Ich bin ehrgeizig", sagt auch Nicole Fröhlich. "Ich falle als Frau erst mal auf und merke, dass die Jungs beobachten, wie ich mich schlage. Deshalb will ich zu den Besten gehören!" Fröhlich, die bei der Bundeswehr eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten gemacht hat, weiß ansonsten nicht viel zum Umgang von Männern und Frauen zu erzählen - so normal sei er. "Probleme habe ich bisher weder persönlich noch durch Erzählungen mitbekommen", sagt sie. "Was aber auch daran liegt, dass unsere Vorgesetzten sehr offensiv mit dem Thema umgegangen sind."

Tatsächlich ist die Eingliederung von Frauen in das Militär wohl nirgends so gut vorbereitet und intensiv begleitet worden wie bei der Bundeswehr. "Was auch daran liegt, dass sie unter guten Bedingungen gestartet ist: Hoch motivierte Frauen, eine Armeeführung, die ein großes Interesse an einer gelungenen Integration gezeigt hat, und eine öffentliche Meinung, die an diesem Thema immer wieder Interesse hat", so Gerhard Kümmel. Inzwischen diskutiert man auch in der Bundeswehr ganz selbstverständlich über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Gleichstellungsgesetz stößt nicht nur auf Gegenliebe

Langfristiges Ziel ist, die Frauenquote von jetzt 6,5 Prozent auf rund 15 Prozent zu steigern - im Sanitätsdienst wird sogar ein Anteil von 50 Prozent angepeilt. Dafür wurde extra ein Gesetz geschaffen: Das "Soldatinnen und Soldaten Gleichstellungsgesetz" soll dafür sorgen, dass Frauen bei gleicher Eignung bevorzugt werden. Ein Gesetz, das an das Gleichstellungsgesetz im Öffentlichen Dienst angelehnt ist.

Und ein Gesetz, dass sowohl bei den weiblichen als auch bei den männlichen Soldaten nicht nur auf Gegenliebe stößt: Die Soldatinnen halten das Gesetz zum Teil schlicht für überflüssig. "Sie wollen keine Sonderbehandlung und haben den Eindruck, das schade mehr als dass es nütze", so der Eindruck des Wehrbeauftragten Robbe. Bei den Männern dagegen ruft es das Gefühl hervor, selbst diskriminiert zu werden, wie Gerhard Kümmel beobachtet hat: "Gerade im Sanitätsbereich haben Männer den Eindruck, dass mittlerweile nicht mehr die Frauen das benachteiligte Geschlecht sind, sondern die Männer."

Wer Nicole Fröhlich bei der Arbeit beobachtet, der bekommt den Eindruck, dass sich die junge Frau wenig um solche Probleme schert, sondern selbstverständlich und pragmatisch mit den Kollegen so umgeht, wie sie das aus dem zivilen Leben gewöhnt ist: Vor dem Physical Fitness Test guckt sie kurz in eine Umkleide, die leer steht. "Gebt Ihr mir ein Schild", fragt sie die beiden Dienst tuenden Kollegen, pappt ein Papierschild mit "Damenumkleide" an die Tür und verschwindet zum Umziehen.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.