Überfüllte Frauenhäuser: Letzte Zuflucht - versperrt

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Frauenhäuser sind oft die letzte Hoffnung für Frauen, die von ihren Männern geschlagen werden, oder für junge Mädchen, denen Zwangsverheiratung droht. Doch die Finanzierung ist kompliziert, die Plätze sind knapp. Dabei werden die Fälle immer dramatischer.

Fluchtpunkt Frauenhaus: Wenn zu Hause die Gefahr lauert Fotos
DPA

Hamburg - Aliya sitzt am Frühstückstisch und spricht nicht. Während die anderen beiden Frauen sich unterhalten, drückt sie sich tief in ihren Stuhl, den Blick auf die Tischplatte gesenkt. Es ist nur eine Szene, aufgeschnappt im Vorübergehen. "Ihr Selbstbewusstsein ist vollkommen im Keller", erklärt Maria Schnackenburg später, Leiterin eines der beiden Frauenhäuser in Bremen. Die 33-jährige Türkin lebt gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn seit zwei Monaten hier - auf der Flucht vor ihrem Mann.

Aliya kam vor zehn Jahren nach Deutschland, damals zwangsverheiratet mit einem Fremden. Der Mann, hier geboren, verordnete ihr einen sehr streng traditionellen Lebenswandel. Er ließ der jungen Frau weniger Freiheiten, als sie zuvor in der Türkei hatte. Und dann begann er, sie zu schlagen, immer öfter. Sie wusste nicht, wohin, sprach kaum Deutsch. Aber im Kindergarten ihres Sohnes erfuhr sie dann davon, dass es Frauenhäuser gibt.

Tausende Frauen geraten jedes Jahr in Deutschland in Not, werden von ihren Männern geschlagen, von ihren Familien eingesperrt oder zwangsverheiratet. Einer Studie im Auftrag des Familienministeriums zufolge war ein Viertel aller Frauen bereits Opfer von Gewalt in der Partnerschaft. Es kann jede treffen: egal aus welcher Schicht, egal welcher Herkunft. Im vergangenen Jahr waren es 15.000, die in Frauenhäusern Zuflucht gesucht haben, begleitet von 17.000 Kindern. Das geht aus dem Bericht zur Situation der Frauenhäuser der Bundesregierung hervor, der im Sommer verabschiedet wurde. Es war der erste, vier Jahrzehnte nach dem Start der Frauenhäuser, eine Art Bestandsaufnahme.

Vom Mut verlassen

Demnach gibt es rund 350 Frauenhäuser in Deutschland und 40 Schutzwohnungen. Doch der Bericht belegt auch, dass 2011 rund 9000-mal Frauen abgewiesen werden mussten - weil Einrichtungen voll belegt waren. In den allermeisten Fällen konnten die Frauen zwar an andere Einrichtungen weitervermittelt werden. Aber eben nicht immer. "Wenn die Frauen beim ersten Versuch abgewiesen werden, dann verlässt sie oft der Mut, und sie kehren in die Gewalt zu Hause zurück", sagt Birte Rohles von der Hilfsorganisation Terre des Femmes. "In Großstädten gibt es mehrere Adressen, da kommen die Frauen schon unter." Auf dem Land sieht es jedoch anders aus, da ist das nächste Frauenhaus oft sehr weit entfernt. "Wenn es Schwierigkeiten für den Schulbesuch der Kinder oder für die Arbeit bedeutet, dann überlegen sich die Frauen es oft."

Terre des Femmes kritisiert vor allem auch die Finanzierung der Frauenhäuser. "Das ist ein sehr kompliziertes System. In jedem Bundesland funktioniert das anders." Maria Schnackenburg aus Bremen arbeitet seit über 30 Jahren im Frauenhaus. In dieser Zeit habe die Bürokratisierung der Abläufe drastisch zugenommen. Früher habe es einen festen Etat gegeben, der dem Haus zur Verfügung stand. Seit zehn Jahren allerdings wird dort pro Frau ein Tagessatz abgerechnet. Dieser beträgt zur Zeit 40,10 Euro. "Je nach Situation der Frau läuft das über das Jobcenter oder über das Sozialamt, dafür brauchen die Frauen Unterlagen, die sie aber meist gar nicht dabei haben."

Manchmal, berichtet die Psychologin, konnten die Frauen bei der Flucht nicht einmal ihren Pass mitbringen. "Aber ohne Pass kein Antrag, ohne Antrag kein Geld." Als besonders schwierig beschreibt sie die Situation von jungen Frauen, die von Zwangsheirat bedroht sind. "Die Ämter sagen dann, dass die Eltern das bezahlen müssen. Was die aber nicht tun." Auch bei Studentinnen, Auszubildenden oder Frauen aus anderen EU-Staaten wird es schwierig, weil weder Jobcenter noch Sozialamt zuständig sind, die Frauen aber meist kein Geld haben. In diesen Fällen bekomme das Frauenhaus oft einfach gar keine Mittel. "Es wird schamlos ausgenutzt, dass wir die Frauen natürlich trotzdem aufnehmen", wirft sie den Behörden vor.

Die Bewohnerinnen im Frauenhaus Bremen haben zu 60 Prozent einen Migrationshintergrund - was nicht heißt, dass in deutschen Familien weniger geprügelt wird. "Viele Frauen kommen lediglich in die ambulante Beratung, die im übrigen gar nicht von den Behörden finanziert wird", so Schnackenburg.

Der Verein Frauenhauskoordinierung in Berlin setzt sich für mehr Rechtssicherheit ein. Und sieht den Bund in der Verantwortung. Einem von den Wohlfahrtsverbänden in Auftrag gegebenen Rechtsgutachten zufolge ist der Staat in seiner Fürsorgepflicht dafür verantwortlich, ein System zur Unterstützung von Frauen zu gewährleisten, die von Gewalt betroffen sind. "Bisher sind die Zahlungen für Frauenhäuser freiwillige Leistungen der Länder und Kommunen", erklärt Heike Herold. "Wenn es klamm wird im Haushalt, dann wird bei uns gern gestrichen." Als besonders problematisch beschreibt sie die Situation in Beratungsstellen. "Man muss sich einfach vorstellen, dass eine vergewaltigte Frau bis zu drei Wochen auf einen Termin warten muss."

Bundesregierung gegen neues Gesetz

In einer Stellungnahme zum Frauenhausbericht räumt auch Familienministerin Kristina Schröder Defizite ein. "In Deutschland gibt es ein dichtes ausdifferenziertes Netz an Unterstützungseinrichtungen für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder. Dennoch finden nicht alle Betroffenen die Unterstützung, die sie brauchen." Experten, Bund, Länder und Kommunen seien gefordert, das Angebot weiterzuentwickeln. Einem eigenständigen Bundesgesetz erteilt sie jedoch eine Absage. "Eine grundsätzlich angelegte rechtliche Neuordnung ist nach Auffassung der Bundesregierung derzeit nicht erforderlich", heißt es weiter. Stattdessen solle das geltende Recht auf Bundes- und Länderebene weiterentwickelt werden.

Heike Herold rechnet aber mit Stillstand. "Bund, Länder und Kommunen schieben sich das Problem gegenseitig zu. Und ein Jahr vor der nächsten Bundestagswahl wird sich hier wohl nichts mehr bewegen."

Maria Schnackenburg erwartet eine weitere Verschärfung der Lage - weil die einzelnen Fälle immer komplizierter werden. "Da kommen zum Beispiel Flüchtlingsfamilien aus Syrien, bei denen der Mann gefoltert wurde und hier dann auf seine Frau losging. Da geht es dann um mehr als zuzuhören und eine Wohnung zu vermitteln."

Bei der jungen Türkin Aliya ist sie jedoch zuversichtlich. "Sie wird das schaffen, sie ist sympathisch, und ihr Junge wird ihr in die Gemeinschaft helfen."

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1. ...
Stefan Wenzel 06.11.2012
Zitat von sysopDPAFrauenhäuser sind oft die letzte Hoffnung für Frauen, die von ihren Männern geschlagen werden, oder für junge Mädchen, denen Zwangsverheiratung droht. Doch die Finanzierung ist kompliziert, die Plätze sind knapp. Dabei werden die Fälle immer dramatischer. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/frauenhaeuser-wollen-neues-gesetz-fuer-sichere-finanzierung-a-862384.html
Nein, nein, das darf auch nicht so sein, wäre ja auch ein Schluss von geradezu sarrazinischem Ausmaße. Vor allem da doch die Zahl der Zwangsverheirateten unter Deutschen wesentlich höher und die Zahl der Scheidungen niedriger ist. Aber trotzdem Respekt, SPON, dass Ihr Euch so langsam auch solche Themen anzusprechen getraut.
2.
gbk666 06.11.2012
"Die Bewohnerinnen im Frauenhaus Bremen haben zu 60 Prozent einen Migrationshintergrund - was nicht heißt, dass in deutschen Familien weniger geprügelt wird." Also 60% der Fälle haben Migrationshintergrund. Der Ausländeranteil in Deutschland liegt bei ungefähr 9-10% Das heißt natürlich nicht das bei Migranten mehr geprügelt wird? Wer rechnen kann ist klar im Vorteil.
3. D. ist wirklich nicht menschenfreundlich,
vantast64 06.11.2012
seien es Frauen, Kinder oder Behinderte. Am Beispiel wie hier sieht man das bürokratische absolute Desinteresse an Menschenleben, wogegen der Aufwand zum Schutz von Eizellen geradezu absurde Ausmaße annahm. Frauenhäuser könnte unsere Waffenschieberin Frau Dr.Merkel leicht aus dem Verkauf von Panzern, U-Booten und Handfeuerwaffen finanzieren.
4.
saxae 06.11.2012
Jaja, wir sammeln alle Menschen ein, deren Geburtsstaaten froh sind sie loszuwerden. Und dann kümmern wir uns um sie, mit Millionen an Steuergeldern und abertausenden beruflichen wie ehrenamtlichen Helfern. Sozailstaat Deutschland - hereinspaziert. Wer die Kurve bekommt, überweist fortan sein Geld in sein geliebtes Heimatland, wer nicht, bleibt auf ewig deutschen Jobcentern, Gerichten und Gefängnissen erhalten.
5. Erschreckend!
vevi 06.11.2012
Zitat von sysopDPAFrauenhäuser sind oft die letzte Hoffnung für Frauen, die von ihren Männern geschlagen werden, oder für junge Mädchen, denen Zwangsverheiratung droht. Doch die Finanzierung ist kompliziert, die Plätze sind knapp. Dabei werden die Fälle immer dramatischer. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/frauenhaeuser-wollen-neues-gesetz-fuer-sichere-finanzierung-a-862384.html
Erschreckend, diese Zustände im 21. Jahrhundert in einem zivilisierten Land! Man kann es jungen Mädchen gar nicht oft genug sagen, wie wichtig finanzielle Unabhängigkeit für eine Frau ist. Nur sie ermöglicht es, solche Männer frühzeitig zu verlassen. Die Zahlen sollten in jeder Schulklasse diskutiert werden.
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