Frauenrechtlerin Seyran Ates: "Muslime müssen sich zur deutschen Werteordnung bekennen"

Die Islamkonferenz kommt langsam voran, weil die konservativen Migrantenverbände bremsen: Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt die Anwältin Seyran Ates, warum das Misstrauen der Türken gegenüber der deutschen Regierung so tief geht.

SPIEGEL ONLINE: Frau Ates, der aus Afghanistan stammende Fernsehproduzent Walid Nakschbandi hat die Islamkonferenz verlassen, weil ihm die muslimischen Verbände zu übermächtig erscheinen. Die Islambeauftragte der SPD, Lale Akgün, moniert, die Islamkonferenz sei überflüssig – warum nehmen Sie noch teil?

Ates: Ich nehme teil, weil ich der Ansicht bin, dass die Regierung die Position, die ich vertrete, hören sollte. Aber Herr Nakschbandi hat Recht: Die Verbände sind massiv in der Öffentlichkeit vertreten. Heute waren statt der fünf Verbandsvertreter sogar sechs auf der Islamkonferenz. Es gab also eine Zunahme der konservativen Muslime – das vermittelt ein bestimmtes Bild nach außen. Ich kritisiere das, aber wenn ich mich von der Konferenz zurückzöge – oder andere säkulare Vertreter wie Necla Kelek oder Ezhar Cezairli das täten –, würde diese Kritik nicht mehr vorkommen. Wir müssen der Bundesregierung zeigen, dass es nicht nur konservative Muslime gibt.

SPIEGEL ONLINE: Seit Monaten wird auf den Sitzungen der Islamkonferenz heftig gestritten: Jetzt haben muslimische Verbandsvertreter einen Passus zur deutschen Werteordnung verhindert. Statt zur deutschen Werteordnung wollen sich die Verbände zu den Werten des Grundgesetzes bekennen. Stimmen Sie dieser Änderung zu?

Ates: Ich stimme dieser Änderung nicht zu und protestiere heftig dagegen. Auf der Konferenz wurde jetzt nur der Konsens gefunden, dass wir alle dem Grundgesetz verpflichtet sind und das ist ein Armutszeugnis: Es kann doch nicht sein, dass wir das noch mal erklären müssen.

SPIEGEL ONLINE: Die muslimischen Verbände argumentieren, dass selbst die deutschen Parteien sich nicht auf eine deutsche Werteordnung einigen können. Wieso sorgt dieser Passus für soviel Streit?

Ates: Wir haben in Deutschland in den Parteien trotz unterschiedlicher Meinungen einen Grundkonsens über unsere Werteordnung, die ein Ergebnis der Aufklärung, der europäischen Geschichte und der sexuellen Revolution ist. Die Gleichberechtigung der Geschlechter sowie Meinungs- und Religionsfreiheit sind Konsens in dieser Werteordnung durch alle Parteien hindurch.

SPIEGEL ONLINE: Warum wehren sich die Verbände dann so heftig?

Ates: Weil sie mit grundlegendsten Werten wie Gleichberechtigung in der absoluten Form, wie wir sie hier in Deutschland fordern, nicht einverstanden sind. Ich habe außerdem den Eindruck, dass die Verbände unter Religionsfreiheit etwas anderes verstehen. Sie haben eine überspannte Ansicht von der Freiheit ihrer eigenen Religion, aber sie tun sich sehr schwer damit, andere Ansichten zu akzeptieren. Es hat sich heute wieder sehr deutlich gezeigt: Für die Verbände gibt es nur einen Islam. Für sie gibt es die säkularen, modernen Muslime nicht, die sind in ihren Augen Islamfeinde, die die Grundlagen des Islam nicht akzeptieren.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie überhaupt noch Vertrauen zu den Verbänden?

Ates: Ich wünsche mir einen offenen und ehrlichen Dialog mit den Verbänden – den gibt es bislang nicht.

SPIEGEL ONLINE: Die Islamkonferenz tagt seit über anderthalb Jahren – was hat sich seitdem getan?

Ates: Auf den großen Plenumssitzungen, heute war ja die dritte, gibt es tatsächlich einen Stillstand. Ewig gleiche Positionen werden wiederholt und die Verbände kritisieren, dass überhaupt Vertreter säkularer Muslime da sind. Bewegt hat sich hingegen etwas in den Sitzungen der Arbeitsgruppen. Dort hat Aufklärung stattgefunden, die Regierung hat mitbekommen, wie facettenreich der Islam ist, wie viele verschiedene Gesichter Muslime in Deutschland haben. Das ist ein positives Ergebnis und auch der Grund, warum ich noch teilnehme.

SPIEGEL ONLINE: Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) plädiert dafür, islamischen Religionsunterricht an deutschen Schulen einzuführen. Er will damit den Hasspredigern Konkurrenz machen. Ein richtiger Schritt?

Ates: Schäuble hat vollkommen Recht. Wir müssen unbedingt Islamkunde und konfessionellen Religionsunterricht von in Deutschland ausgebildeten Lehrern anbieten. Es ist wichtig, dass dieser Unterricht in deutscher Sprache und unter deutscher Aufsicht stattfindet.

SPIEGEL ONLINE: Muslimische Verbände haben sich von der Islamkonferenz erhofft, dass der Islam in Deutschland endlich als Religionsgemeinschaft anerkannt wird. Wie kann das gelingen?

Ates: Wir müssen eine Wahrheit akzeptieren: Der Islam hat keine Institutionalisierung wie das Christentum, deshalb kann sich der Islam auch nie so darstellen wie die evangelische oder katholische Kirche. Dieser Wahrheit muss Rechnung getragen werden, indem man die Religionsgemeinschaft der Muslime auf eine andere Art und Weise repräsentiert. Das kann etwa durch demokratisch gewählte Gremien geschehen, die von allen Muslimen in Deutschland gewählt werden und die für eine Vielfalt des Islam stehen.

SPIEGEL ONLINE: Eine neue Umfrag der Wochenzeitung "Zeit" hat ergeben, dass die Mehrheit der in Deutschland lebenden Türken Angela Merkel misstraut und sie nicht als ihre Kanzlerin empfindet. Wie erklären Sie sich das?

Ates: Dieses Ergebnis erstaunt mich überhaupt nicht – vor 40, 30 oder 20 Jahren wäre genau das gleiche herausgekommen. Es ist Fakt, dass das gegenseitige Misstrauen zwischen den in Deutschland lebenden Türken und der Mehrheitsgesellschaft riesig ist. Es gibt keine Vertrauensbasis, weil man nicht miteinander lebt. Viele hier lebende Türken sehen Deutschland als Gegner, hinzu kommen Kräfte, die den Migranten erschweren, hier anzukommen – wie die Verbände, die türkische Regierung, aber auch türkische Medien.

SPIEGEL ONLINE: Welche Verantwortung trägt die deutsche Regierung für dieses Ergebnis?

Ates: Die deutsche Regierung trägt eine Mitverantwortung, weil sie jahrzehntelang keine Integrationspolitik gemacht hat. Wir diskutieren doch erst seit dem 11. September 2001 über das Thema Islam in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Der türkische Ministerpräsident Erdogan hat Bundeskanzlerin Merkel in einem Interview dazu eingeladen, zusammen mit ihm eine Ansprache an Deutschlands Türken zu halten – ähnlich seiner Rede in der Köln-Arena vor einigen Wochen. Was halten Sie von diesem Vorschlag?

Ates: Wenn Angela Merkel in der Köln-Arena reden würde, würden sicher keine 16.000 Menschen kommen. Und dass sich Länder gegenseitig in ihre Innenpolitik einmischen, ist nichts Neues. Auch Erdogan hat das Recht, sich zu äußern. Aber er vergisst, dass er mit seinen Äußerungen einen Keil zwischen die deutsche Regierung und die in Deutschland lebenden Türken treibt.

Das Interview führte Anna Reimann

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