Ulla Schmidt über Arbeit im Bundestag "Jede Frau muss sich hier Sprüche anhören"

Keine Abgeordnete ist länger im Bundestag als Ulla Schmidt. Am 100. Jahrestag der Einführung des Frauenwahlrechts spricht sie über die Hürden, denen Frauen in der Politik noch heute begegnen.

Ulla Schmidt
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Ulla Schmidt

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Sie sitzen seit 1990 als Abgeordnete im Bundestag. Wie wurden Sie damals an Ihrem ersten Tag begrüßt?

Ulla Schmidt: Ach, das war ganz nett. Ich wurde gefragt, ob ich nicht auch gleich Schriftführerin werden wolle. Es sei immer schön, wenn man da ein paar nette Frauen sitzen habe.

SPIEGEL ONLINE: Ganz nett!? Das hat sie nicht verärgert?

Schmidt: Das war überhaupt nicht böse gemeint. Im Bundestag waren damals von 662 Abgeordneten nur 136 Frauen. Das Bild war noch ein überwiegend männliches. Als Frau musste man sich immer Bemerkungen anhören. Mir hat mal jemand gesagt: So schlecht sehen Sie gar nicht aus, Sie hätten doch heiraten können, statt in die Politik zu gehen. Heute kann ich darüber lachen. Damals war ich fassungslos.

Zur Person
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    Ulla Schmidt (SPD), geboren 1949 in Aachen, ist die dienstälteste Abgeordnete des Bundestags. In ihrer Amtszeit wurde unter anderem die Vergewaltigung von Frauen in der Ehe unter Strafe gestellt und die Gleichstellung von Frauen und Männern im Grundgesetz festgeschrieben. Von 2001-2009 war Schmidt Gesundheitsministerin.

SPIEGEL ONLINE: Haben die Sprüche aufgehört, als Sie Ihren Weg immer weitergegangen sind - und 2001 schließlich Gesundheitsministerin wurden?

Schmidt: Auch dann musste ich mir noch einiges anhören. Das geht jeder Frau hier so. Als ich Gesundheitsministerin wurde, da fragte ein Journalist einen Professor: Bei diesem Amt geht es ja um sehr viel Geld. Kann eine Frau das überhaupt? Das werde ich nie vergessen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sich gegen dumme Sprüche gewehrt?

Schmidt: Entweder auch dumme Sprüche gemacht, ignoriert oder scharf zurückgewiesen. Das Wichtigste war, sich davon nicht beeindrucken zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Was hat sich seit Ihren frühen Jahren im Bundestag verändert?

Ulla Schmidt: Wir mussten früher unheimlich dafür arbeiten, dass unsere Themen überhaupt auf die Tagesordnung kamen. Ich erinnere noch sehr genau, wie wir versuchten, das Namensrecht zu verändern. Damals wurde ja noch automatisch der Name des Mannes zum Familiennamen. Bei diesen Gesprächen kamen alle Vorurteile dieser Welt auf den Tisch. Wie sollte der Mann in Zukunft die Ehre der Familie weitergeben? Und so weiter. Aber es gab auch großen Zusammenhalt der Frauen über die Fraktionsgrenzen hinweg, zum Beispiel bei der Unterstrafestellung der Vergewaltigung in der Ehe.

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SPIEGEL ONLINE: Und heute?

Schmidt: Es ist alltäglicher geworden, dass wir auch über Themen sprechen, die Frauen bewegen. Heute ist es viel selbstverständlicher, dass Frauen mitreden.

SPIEGEL ONLINE: Alltäglicher, selbstverständlicher - klingt nicht so, als wären wir bei der Gleichberechtigung schon am Ziel.

Schmidt: Nein, sind wir auch nicht. Aber insgesamt sind wir demokratischer, weil die Sichtweise von Frauen mit eingebracht wird und viele Themen auf der Tagesordnung sind, die ein reines Männerparlament gar nicht berühren würde.

SPIEGEL ONLINE: Seit Ihrem Amtsantritt hat sich der Frauenanteil im Bundestag fast kontinuierlich nach oben entwickelt. Mit der Wahl im letzten Jahr sitzen aber wieder deutlich weniger Frauen im Bundestag - gerade einmal knappe 31 Prozent.

Schmidt: Das ist eine wirklich schlechte Entwicklung. Wir haben einen Rückschritt um 20 Jahre gemacht, was die Vertretung der Frau angeht. Mit dem Einzug der AfD sind sehr viele Männer in den Bundestag gekommen, die Partei hat gerade mal einen Frauenanteil von zehn Prozent. Die haben ein Frauenbild, das nicht in das letzte, sondern in das vorletzte Jahrhundert zurückgeht. Und auch FDP und Union haben dieses Mal eine schlechte weibliche Besetzung.

SPIEGEL ONLINE: Kritiker, vor allem männliche, bringen oft das Argument vor, Frauen hätten doch die gleichen Rechte wie Männer. Müssen sich Frauen auch an die eigene Nase fassen?

Schmidt: Es hat einen einfachen Grund, warum so wenig Frauen im Bundestag sitzen: Außer bei SPD, Grünen und Linken gibt es keine Quote. Ich selbst bin eine Quotenfrau, und ich bin der Meinung, ich habe in all den Jahren hier keine schlechtere Arbeit gemacht als ein Mann. Eigentlich ist es für eine Gesellschaft beschämend, dass es überhaupt eine Quote braucht.

Richtig ist aber auch: Die Frauen müssen selbstbewusster werden. Wir brauchen noch mehr, die gezielt auch in die klassischen Männerfelder gehen, in den Finanzausschuss etwa.

SPIEGEL ONLINE: Auch wenn der Unterschied heute geringer ist als früher: Es gehen immer noch weniger Frauen wählen als Männer. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Schmidt: Man muss daran arbeiten. Bei den Midterm-Wahlen in den USA haben wir gesehen, dass es auch anders geht. Dort haben die weiblichen Wähler den Ausschlag für den Erfolg der Demokraten gegeben. Viele Frauen haben auch ihren Hut in den Ring geworfen und gesagt: Jetzt kandidiere ich. Die hatten vorher gar nichts mit Politik zu tun. Und viele haben gewonnen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das auch in Deutschland möglich?

Schmidt: Durch die Zunahme des Populismus stehen plötzlich wieder Dinge infrage, die als selbstverständlich galten. Das führt hoffentlich auch hier in Deutschland dazu, dass sich Frauen wieder stärker politisch engagieren. Wir müssen für unsere Interessen kämpfen. Wir sind noch nicht da, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind, auch wenn es so im Gesetzbuch steht. Und was wir erreicht haben, ist nicht geschenkt, sondern muss jeden Tag neu erkämpft werden.



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ruhepuls 12.11.2018
1. Gleich berechtigt oder gleich?
Leider werden hier gerne die Begriffe "Gleichberechtigung" und "Gleichheit" in einen Topf geworfen. Das ist aber ein Unterschied. Gleichberechtigung bedeutet, dass es keine - gesetzlichen - Hürden gibt. Gleichheit bedeutet, dass jede/r das gleiche Ergebnis bekommt. Wenn 10 Leute ein Los kaufen, aber darunter nur 1 Gewinn ist, dann sich alle gleichberechtigt, aber trotzdem bekommt nur einer den Gewinn. Für die unterschiedliche Vertretung von Männern und Frauen gibt es viele Gründe. Beispielsweise treten weniger Frauen in die politischen Parteien ein oder sie studieren vorwiegend bestimmte Fachrichtungen. In den Vorstand einen Technologiekonzerns kommt auch ein Mann mit Soziologiestudium nur schlecht, verglichen mit einem Ingenieur oder Betriebswirt. Hier wird einfach vorausgesetzt, dass Frauen die gleichen Ergebnisse haben MÜSSEN, auch wenn die Voraussetzungen dafür unterschiedliche sind. Das bedeutet, sie sollen/wollen aufgrund ihres Geschlechtes bevorzugt werden. Dachte immer, genau das würde man Diskriminierung nennen?
dt24535322 12.11.2018
2. Unzivilisiert und rückständig
Als jemand der Frauen ganz selbstverständlich genauso respektiert wie Männer und der überhaupt der Meinung ist, dass jeder Mensch gleich viel Wert hat, muss ich mich seit der Metoo-Geschichte schon stark darüber wundern, was mir so alles gar nicht klar war. Auch dass ein großer Teil der Männer im Bundestag so unzivilisiert und rückständig sind, war mir gar nicht so bewusst und das ist meiner Meinung nach der Mitarbeit im Bundestag nicht würdig. Deshalb wohl diese "Alte-weiße-Mann"-Erzählung, die mich eigentlich ziemlich nervt, da sie verallgemeinert - aber nun weiß ich wenigstens woher das kommt und dass da mehr dran ist als mir bewusst war.
Quercus pubescens 12.11.2018
3. Frau Schmidt
war die mit Abstand unfähigste Gesundheitsministerin und wurde jüngst nur noch von einem Dilletanten namens Gröhe übertroffen. Ihre Glanzzeit hatte sie wohl als Schriftführerin, was danach kam hat sie überfordert.
flaffi 12.11.2018
4. Nicht vergessen
In der Zeit der Ulla wurde auch im Gesundheitswesen massiv abgebaut. Aich das haben die Ex-Wähler nicht verziehen.
micromiller 12.11.2018
5. Wir gebrauchen keine Quote
die fähigen, hat arbeitenden Frauen schaffen das und sind dann oft leistungsstärker als ihre männlichen Kollegen. Unser Bundestag darf nicht durch Quoten denaturiert werden, die Qualifikation der Abgeordneten, die über unsere Zukunft bestimmen sollte jedoch zertifiziert werden müssen, so dass die holen Lautsprecher es nicht ins Parlament schaffen. Der abzufragende Standard sollte auf dem Niveau eines Verkehrspiloten liegen .... Komplexe Systeme verstehen und beherrschen, hohes soziales Niveau und weit überdurchschnittliche Intelligenz und regelmässiger Gesundheitsprüfung...
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