Begriff "völkisch" Warum Frauke Petry falschliegt

Frauke Petry will den Begriff "völkisch" wieder positiv besetzen. Wer die Bedeutung des Wortes kennt, weiß, wie gefährlich das ist.

AfD-Vositzende Petry
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AfD-Vositzende Petry

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Frauke Petry gefällt nicht, dass der Begriff "völkisch" - wie sie sagt - "ständig nur in einem negativen Kontext benutzt wird". Das hat die Vorsitzende der Alternative für Deutschland (AfD) in einem Interview mit der "Welt am Sonntag" erklärt. Man solle daran arbeiten, dass "völkisch" wieder positiv besetzt werde.

Petry findet es zu kurz gegriffen, "völkisch" mit rassistisch gleichzusetzen. Was sie auch stört: Die Ächtung des Begriffs "völkisch" werde sogar auf das Wort "Volk" ausgedehnt. Volk mit Rassismus zu konnotieren, halte sie für falsch. "Und letztlich ist 'völkisch' ein zugehöriges Attribut", sagt Petry und fragt, was an dem Begriff per se negativ sei.

Nun hat Petry in einer Sache nicht unrecht: Der Begriff des Volks kann vielfältig ausgelegt werden. Völkisch hingegen ist nicht einzig ein "Attribut für Volk".

Hinter "völkisch" steht vor allem das rassistische Konzept, dass Völker oder Volksgruppen ethnisch und kulturell homogen, sowie ihre Homogenität und Existenz zu sichern seien. Der Begriff hat eine lange Geschichte. Erstmals tauchte er etwa 1870 im Deutschen Reich und in Österreich-Ungarn auf - synonym zu "national".

Ende des Jahrhunderts formierte sich dann eine völkische Bewegung, zu deren Ideen auch die Ausweisung "undeutscher Fremdkörper" gehörte. Vor allem nach dem Ersten Weltkrieg erhielt die Bewegung großen Zuspruch. Im Nationalsozialismus diente "völkisch" der Abgrenzung einer vermeintlichen deutschen Volksgemeinschaft gegenüber Gruppen, die von den Nazis als minderwertig angesehen wurden. In dieser rassistischen Tradition steht der Begriff so sehr, dass auch der Duden darauf verweist.

Bis heute ist die völkische Strömung in der rechten und rechtsradikalen Szene von großer Bedeutung. Die Neue Rechte argumentiert auch häufig mit dem Ethnopluralismus, wonach jedes Volk "seinen Platz", also zum Beispiel sein Land, habe. Anstelle biologischer "Rassen" wird hier mit unveränderlichen Kulturen und dem Recht der Völker auf den Schutz ihrer Identität argumentiert. Ethnopluralisten weisen es deshalb häufig von sich, Rassisten zu sein.

Doch so einfach ist es nicht. Kritiker sprechen beim Ethnopluralismus von einem Rassismus ohne konstruierte "Rassen" im althergebrachten biologischen Sinn. Denn auch der Ethnopluralismus geht davon aus, dass verschiedene Menschengruppen bestimmte unveränderliche Eigenschaften haben - nur sind es hier nicht biologische, sondern kulturelle. Aus Sicht des Berliner Politikprofessors Richard Stöss erfüllt die Ideologie eine Scharnierfunktion: So ließe sich nationale Identität ohne Bezugnahme auf den klassischen Rassismus rechtfertigen, Fremdenfeindlichkeit werde als Deutschfreundlichkeit ausgegeben. Das Ergebnis ist aber dasselbe: Fremdenfeindlichkeit und die Ausgrenzung vermeintlich "anderer".

In der Vergangenheit haben führende AfD-Mitglieder immer wieder öffentlich dargelegt, was sie unter dem Begriff des "Volks" verstehen - und das deckte sich stark mit dem völkischen Verständnis.

So sagte beispielsweise AfD-Vize Alexander Gauland bei einem Auftritt in Brandenburg: "Wir sind weltoffen, wir sind tolerant, wir sind nicht gegen Fremde. Aber es ist unser Land, es ist unser Volk, und es ist nicht das Volk von Fremden." Ein Deutscher müsse keine deutsche Mutter haben - aber er müsse sich "an uns anpassen, an unsere Sprache, an unsere Leitkultur". Letztere Fähigkeit sprach er konkret "jungen, ungebildeten Muslimen" aus dem Nahen Osten ab.

Mit dieser Einstellung ist er nicht alleine. Auch Björn Höcke knüpft immer wieder bewusst an die Ideologie der völkischen Bewegung an. Und Hans-Thomas Tillschneider, AfD-Abgeordneter im Landtag Sachsen-Anhalts, gilt als Sympathisant der völkischen "Identitären Bewegung". Nach Einschätzung des Politologen Hajo Funke gehören Gauland und Höcke dem völkischen Flügel der AfD an - und der sei mächtiger denn je.

Die Parteivorsitzende Petry hält sich - auch im aktuellen Interview - mit solch eindeutigen Aussagen zurück. Sie gibt sich moderater, belässt es bei der Hetze gegen vermeintliche Asylmissbraucher und kritisiert die Rettung von Menschen, die auf der Flucht im Mittelmeer in Seenot geraten und nach Europa gebracht werden.

Indirekt spricht aber auch Petry bestimmten Gruppen die Fähigkeit zur Integration in Deutschland ab: "Je mehr ungebildete und oft aggressive junge männliche Einwanderer aus Nordafrika kommen, desto mehr wird die Lage eskalieren. Wir wollen keinen Bürgerkrieg in Deutschland. Wir sind die Partei des sozialen Friedens." Wie der mit der AfD bewahrt werden könnte? "Ich glaube, dass wir es dringend nötig haben, ein gesundes Verhältnis zu Identität und Volk zu entwickeln", sagt Petry an anderer Stelle.

So wird auch deutlich, warum Petry an einer positiven Besetzung des Begriffs so sehr gelegen ist: Die AfD ist im Kern längst auch eine völkische Bewegung.



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