AfD-Wahlkampf Petrys Posterboy

Nach Rückschlägen bereitet AfD-Chefin Frauke Petry ihr Comeback vor. Herzstück der Strategie ist nach SPIEGEL-Informationen ein fragwürdiges neues Wahlplakat - es zeigt sie mit ihrem Säugling. Parteifreunde sind empört.


Eigentlich hatte sich Frauke Petry lange gegen die Idee gesträubt. Schon vor Monaten hatte Thor Kunkel, "creative director" der AfD-Wahlkampagne, Entwürfe für ein Plakat mit Petry und Baby vorgelegt.

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Heft 30/2017
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Der Werber wollte der als kühl und aggressiv geltenden Parteichefin ein neues Image als warmherzige Frau und Mutter verpassen - und sie als Gegenbild zu einer kinderlosen Angela Merkel in Stellung bringen. Doch Petry zögerte.

Sie wollte das Baby, ihr fünftes Kind und das erste gemeinsame mit ihrem Parteifreund und Ehemann Marcus Pretzell, nicht politisch instrumentalisieren.

Inzwischen hat die AfD-Chefin offensichtlich ihre Meinung geändert: Unter den neuen Großflächen-Plakaten der Rechtspopulisten findet sich nach SPIEGEL-Informationen auch ein Baby-Motiv. Darauf hält Frauke Petry ihren Säugling Ferdinand auf dem Arm. Das Gesicht des schlafenden Babys, geboren am 18. Mai dieses Jahres, ist gut sichtbar der Kamera zugewandt. "Und was ist Ihr Grund für Deutschland zu kämpfen?", fragt die Plakat-Petry die Betrachter.

Dass ein Politiker das eigene Kind, noch dazu ein so junges, auf diese Weise politisch nutzt, kommt äußerst selten vor. Der Schill-Partei-Kandidat Ulrich Marseille warb 2002 ebenfalls offensiv mit seinem Baby, und der CSU-Chef Franz Josef Strauß zeigte sich 1980 mit Tochter Monika - die damals aber auch schon 18 Jahre alt war.

Wenn Kinder sonst überhaupt auf Wahlplakaten auftauchen, ist ihr Gesicht meistens abgewandt oder außerhalb des Bildrandes.

AfD-Plakat mit Frauke Petry und Sohn
AfD

AfD-Plakat mit Frauke Petry und Sohn

Dass Petry ihr Kind nun so prominent einsetzt, zeigt auch, wie sehr die Parteivorsitzende unter Druck steht. Im Wettstreit um die Spitzenkandidatur für den Bundestagswahlkampf musste sie zugunsten des Duos Alexander Gauland und Alice Weidel zurückziehen. Auf dem Kölner Parteitag blitzte sie ab mit ihrem Antrag für eine gemäßigte Strategie der Rechtspartei, und ihre Parteifreunde im sächsischen Osterzgebirge versuchten sogar, Petry den Wahlkreis zu entziehen. Der Stern der Chefin in der Partei ist gesunken, seit der Geburt ihres Babys trat sie öffentlich kaum in Erscheinung, beteiligte sich auch nicht mehr an Vorstandssitzungen. (Lesen Sie mehr zum Thema im neuen SPIEGEL.)

Auch in einer künftigen Bundestagsfraktion dürfte Petrys Lager marginalisiert sein: Nach SPIEGEL-Informationen haben ihre Gegner alle AfD-Landeslisten ausgewertet und nach Freund und Feind sortiert. Sollte die AfD auf acht Prozent kommen, so die Rechnung, hätte sie 48 Abgeordnete.

Davon dürften 25 fest auf der Seite des rechten Parteiflügels hinter Alexander Gauland stehen, haben die Strippenzieher ausgerechnet. Weidel werden weitere neun Abgeordnete zugerechnet, Petry höchstens ein halbes Dutzend. Nach dieser Rechnung hätte die Parteichefin es schon schwer, überhaupt einen Posten als Vize-Fraktionschefin zu ergattern.

Das kontroverse Baby-Plakat könnte deshalb auch ein Versuch Petrys sein, vor der Wahl wieder Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Wie die konservative Parteibasis auf das Poster reagieren wird, ist schwer zu sagen. Kinderreichtum ist ein AfD-Herzensthema. Andererseits könnte man ihr übelnehmen, das Baby zu instrumentalisieren. Entscheidend für Petry: Sie wäre wieder im Gespräch. Der AfD, die in den Umfragen seit Jahresanfang deutlich abgesackt ist, könnte die Kontroverse auch nützen.

In der Parteispitze sorgte das Poster schon für Streit: In der Bundesvorstandssitzung von Freitag, in der Thor Kunkel seine Plakate präsentierte, lehnte Petrys Co-Chef Jörg Meuthen das Motiv vehement ab. Meuthen wollte sogar verhindern, dass das Baby-Plakat im AfD-Fanshop auftaucht, wo die Parteifreunde Material für den Wahlkampf bestellen können. Dies gelang ihm jedoch nicht.

Die Spitzenkandidaten Gauland und Weidel sollen sich in der Debatte auffällig zurückgehalten haben, obwohl Gauland öffentlich betont habe, er wünsche sich eine größere Präsenz von Petry im Wahlkampf.

Aber deren Baby-Offensive kann man natürlich auch als heimliche Kampfansage an die Spitzenkandidaten ohne Säuglinge werten: Der 75-jährige Gauland hat eine längst erwachsene Tochter und die lesbische Spitzenkandidatin Alice Weidel keine leiblichen Kinder.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL - ab Samstagmorgen erhältlich.

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