Ex-Mann der AfD-Chefin Pfarrer Petry emanzipiert sich

Sven Petry ist der frühere Ehemann von AfD-Chefin Frauke Petry. Und er ist anders: friedlich, geduldig, versöhnend. Wie konnte das Paar so lange zusammenleben? Wie geht der evangelische Pastor damit heute um?

Sven Petry vor der Jakobuskirche in Tautenhain (im Jahr 2016)
DPA

Sven Petry vor der Jakobuskirche in Tautenhain (im Jahr 2016)


Mit der AfD hat sich auch der Name Petry als politische Marke in Deutschland etabliert. Frauke Petry ist die wohl bekannteste Figur der rechten Partei. Diese Prominenz der AfD-Chefin hat Folgen für alle Petrys jenseits der Politik.

Zum Beispiel für den Pfarrer Sven Petry aus Tautenhain in Sachsen.

Der Ex-Mann von Frauke Petry wollte sich nie über sie definieren lassen, nun emanzipiert er sich schriftlich: Sven Petry hat ein Buch veröffentlicht, "Fürchtet euch nicht" heißt es und liest sich wie ein Gegenentwurf zu allem, wofür die Angstpartei AfD steht.

"Freiheit braucht Mut zur Vielfalt", schreibt Petry.

Oder: "Absolute Sicherheit gibt es nicht".

Und: "Aus einem (abwertenden) Pauschalurteil über die Politiker ergeben sich noch keine politischen Alternativen."

Jeder Leser versteht, welche alternative Partei der Autor zwischen diesen Zeilen abwatscht.

Sven Petry - ein friedlicher Pfarrer, der den Deutschen Mut machen will. Frauke Petry - eine Politikerin, deren Partei mit kühler Berechnung Ängste schürt. Wie konnte dieses Paar mehr als 20 Jahre zusammenleben? Und wie kam es dazu, dass sie sich trennten?

Das Pfarrhaus von Sven Petry steht im Schatten der 700 Jahre alten Jakobuskirche, mitten in einem großen Garten mit Schaukel und Rutsche für die vier Kinder. Kein Mobilfunknetz durchdringt die 200 Jahre alten Mauern. Der Weg zu Pfarrer Petry führt über Landstraßen durch immer gleiche stille Dörfer mit der einen Gaststätte, dem einen Briefkasten, der einen Bushaltestelle, dem einen Kirchlein.

In Tautenhain, 994 Einwohner, kann man Ruhe finden. Als Schaltzentrale einer Partei eignet sich das Dorf weniger gut.

Pfarrer Petry im Jahr 2009
DDP

Pfarrer Petry im Jahr 2009

Ob sich Frauke Petry hier wohlgefühlt hat? Oder kam es ihr irgendwann zu still und eng vor, wenn sie heimfuhr von AfD-Veranstaltungen in Dresden, Stuttgart oder Berlin, wo Hunderte Menschen ihr lauschten? So viel zu erleben und zu erreichen da draußen, so wenig los in Tautenhain.

In Sven Petrys Arbeitszimmer säumen hellbraune Regale die Wände, auf ihnen theologische Literatur, Lieder- und Gebetbücher. Hinter Glas hängen zwei große Puzzlebilder, die Petry auf Tonpapier geklebt hat: "Das letzte Abendmahl" von Leonardo da Vinci und der "Turmbau zu Babel" von Pieter Bruegel dem Älteren. Puzzles sind Geduldsspiele, eigentlich für Kinder, aber die Hersteller bieten sie längst auch für Erwachsene an. Politik ist nichts für solche geduldigen Menschen, die Freude daran finden, kleine bemalte Pappstücke zu einem schönen Gesamtbild zusammenzusetzen.

Petrys Haare sind im Nacken perfekt gestutzt, sein Gesicht ist symmetrisch, sein weißes Hemd gebügelt, die blauen Augen blicken warm. Er unterbricht Gesprächspartner nicht. Oft denkt er länger nach, ehe er antwortet.

Sven Petry lernte Frauke Marquardt mit 16 kennen, auf dem Städtischen Gymnasium Bergkamen bei Dortmund. Frauke war selbstbewusst, kess, klug, ehrgeizig. Sie war mit ihren Eltern und der Schwester aus dem Osten gekommen, trug andere Klamotten und dachte anders über viele Dinge: Warum sollte es zum Beispiel streberhaft sein, gute Noten zu haben?

Dieser Text ist ein Auszug auf dem Buch "Angst für Deutschland"

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Sven, Sohn eines Pfarrers, fand Frauke nicht "dämonenhaft schön", wie ihr zweiter Mann Marcus Pretzell später sagen sollte, sondern einfach schön. Es war für beide die erste ernsthafte Beziehung, und sie sollte halten, bis Frauke in die Politik ging.

"Ich habe mich in sein Gehirn verliebt", wird sie später über ihren Ex-Mann sagen. Es klingt, als habe Verstand über Herz gesiegt. Der Zeitschrift "The New Yorker" erzählt die AfD-Chefin auch, dass eigentlich beide Petrys Chemie studieren wollten. Aber das wäre doch langweilig gewesen. "Wir haben uns geeinigt, dass Sven Theologie studiert." So konnten aus Partnern keine Konkurrenten werden.

Konkurrenz setzte in Frauke Petry schon immer eine destruktive Energie frei, das spüren heute auch ihre Parteifreunde. Mag die Chefin mit ihrem herzförmigen Gesicht und den großen Augen kindlich zart aussehen. Der Schein trügt: Es knistert um Petry, sie ist immer unter Hochspannung, hat immer den ganzen Raum im Blick, auf der Suche nach Gegnern.

AfD-Chefin Frauke Petry
REUTERS

AfD-Chefin Frauke Petry

Fragt man Sven Petry, was ihn von seiner Ex-Frau unterscheidet, erzählt er von der Seilübung aus seiner Prediger-Ausbildung. Die angehenden Pfarrer mussten einen Kreis bilden, man verband ihnen die Augen. In ihrer Mitte lag ein völlig verknotetes Seil, das sie blind entwirren sollten - eine Übung, die jedem sein Gruppenverhalten vor Augen führen sollte.

Svens Gruppe verhedderte sich zunächst. Die "Alphatiere" riefen wie wild Anweisungen, die ruhigeren Kollegen tapsten frustriert durcheinander. "Da habe ich gebrüllt. Richtig laut. Ich habe den anderen zugerufen, was sie tun sollen, weil ich spürte, das wird sonst nichts." Schnell war das Seil entknotet. "Wissen Sie", sagt Sven Petry, "mir war egal, wer die Übung löst und auf der Gewinnerseite steht. Ich hätte mich auch untergeordnet."

Wie hätte seine Ex-Frau sich wohl verhalten? Die AfD-Chefin will nicht nur Aufgaben lösen, sie will gewinnen. Sich unterordnen, für ein gutes Ergebnis? Eher nicht. Einer Ehe tut es aber gut, wenn einem Partner nicht wichtig ist, wer das Seil entwirrt, sondern nur, dass es keine Knoten hat.

Als seine Frau in die Politik geht, redet Sven Petry ihr nicht rein. Seine Schwiegermutter Renate Marquardt entdeckt die "Wahlalternative 2013" und schickt ihrer Tochter den Link: "Ist das was für dich? Du schimpfst doch so über den Euro."

Petry ist elektrisiert. Bald ist sie Landesbeauftragte für Sachsen.

Politik war für sie bis dahin kein Thema gewesen, ihr Leben waren die Familie und die Chemie. Formeln lügen nicht, Laborkollegen sägen dich nicht ab. Dann kam die Eurokrise. Sven Petry teilte damals den Ärger seiner Frau über die verdruckste Art, wie über die milliardenschweren Rettungspakete diskutiert wird. "In der Eurokrise hatte Frauke das Gefühl, die Selbstzensur geht wieder los. Dass wieder Redeverbote gelten, wie damals in der DDR."

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Auch Sven Petry sagt, ihn habe es "irritiert, wie die Euro-Politik zum Friedensgaranten erhoben wurde. So wurde jeder Kritiker zur Gefahr für den Frieden abgestempelt". Aber die Griechen einfach aus dem Euro zu werfen, das war für ihn keine Option. Der AfD tritt der Pastor nie bei. Viel später, als die Partei auch Kernbotschaften des christlichen Glaubens infrage stellt, wie die Nächstenliebe, ist sie für ihn ohnehin nicht mehr akzeptabel.

Die Aufbauarbeit für die AfD verändert in Tautenhain alles. Sven Petry kümmert sich nun mehr um die Kinder, während Frauke auf Parteitage und Kundgebungen fährt. Sogar im Ostseeurlaub macht sie Abstecher zu AfD-Wahlkampfständen. Daheim dann wieder endlose Telefonkonferenzen, nächtliche Sitzungen am Computer, Parteiunterlagen überall im Haus.

Bald muss die Chefin in der AfD kämpfen, die Parteispitze muss viele Seile entknoten, und dieses Mal zählt, wer die Anweisungen gibt. "Ich sehe mich als abwägenden Menschen, der immer versucht, alle Auswege zu prüfen", sagt Sven Petry. Seine Frau kann als Parteichefin dafür selten die Zeit aufbringen, und schon gar nicht die Kraft. Wer draußen in der Welt so viel kämpfen muss, will daheim in Tautenhain nicht auch noch infrage gestellt werden. An der Haustür muss es mit dem Verständnis für die politischen Gegner genug sein. Vielleicht dachte Frauke Petry irgendwann, dass ihr engster Vertrauter sie bremst.

Hat die Politik das Paar getrennt? Oder hätten diese so unterschiedlichen Menschen sich auf Dauer ohnehin entfremdet? Sven Petry glaubt, dass es hätte klappen können. "Die Politik hat es jedenfalls sehr schwer gemacht, Auswege aus der Krise auszuloten."

Der Streit mit dem Konkurrenten Bernd Lucke lässt seine Frau enger an ihre Verbündeten heranrücken, vor allem an den Landeschef der AfD Nordrhein-Westfalen, Marcus Pretzell. Im Frühjahr 2015 fällt aufmerksamen Beobachtern eine neue Seite an Frauke Petry auf. Sie tritt jetzt öffentlich stärker auf, aggressiver. Ein neuer Ton klingt an ihr durch, der Ton des Mannes, der ihr neuer Vertrauter geworden ist.

Im Mai 2015 trennt sich das Ehepaar Petry - in großer Heimlichkeit. Denn für die Politikerin wäre ein vorzeitiges Bekanntwerden ihrer neuen Beziehung existenzbedrohend. Der Machtkampf mit Lucke ist alles andere als entschieden, und die AfD ist eine konservative Partei. Das Verständnis für private Verhältnisse jenseits der Norm ist an der Basis begrenzt.

AfD-Politiker Pretzell, Petry
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AfD-Politiker Pretzell, Petry

Bis zum Essener Parteitag im Juli 2015 bemühen sich Petry und Pretzell um Diskretion, treten nie offen als Paar auf. Sie müssen ahnen, dass Gegner wie Hans-Olaf Henkel die Journalisten unverblümt auffordern, das "Pleite-Pärchen" endlich zu enttarnen. Aber die "Lügenpresse" achtet die Privatsphäre des AfD-Liebespaares.

Dessen politisches Schicksal hängt aber vor allem an der Loyalität von Sven Petry. Der hält eisern dicht, zum Wohl der Kinder. Als der AfD-Machtkampf in Essen entschieden wird, sieht der Pfarrer daheim am Fernseher zu. Der Sieg seiner Ex-Frau muss auch für ihn eine Befreiung gewesen sein. Jetzt war die Zeit der Versuchung vorbei. Jetzt lag sein Finger nicht mehr auf dem roten Knopf, der Frauke Petrys politische Karriere zur Explosion hätte bringen können. Mein ist die Rache, spricht der Herr.

Im Oktober 2015 gibt Frauke Petry die Trennung per Mitgliederrundbrief bekannt. "Mit Marcus Pretzell verbinden mich inzwischen sehr viel mehr als nur freundschaftliche Gefühle", schreibt sie. Aber ihre politische Arbeit werde sie "nicht einschränken müssen", versichert Petry. Alle Termine seien "unter Berücksichtigung der neuen Familiensituation geplant". Heute ist Petrys neue Familiensituation mit Pretzell durch ein gemeinsames Baby und eine Hochzeit besiegelt.

Sven Petry ist ebenfalls in eine neue Lebensphase eingetreten. Im März 2016 tritt er der CDU bei. Und heute ist auch er neu verheiratet.



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