Anti-Terror-Einsatz in Freital Codewort "Obst"

200 Beamte rückten an, darunter die GSG9: Im sächsischen Freital haben sie mutmaßliche Rechtsterroristen festgenommen. Der Einsatz soll ein Signal sein gegen militante Flüchtlingsfeinde.

Freital in Sachsen
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Die Staatsmacht rückte im Morgengrauen an. Es war um kurz nach vier Uhr, als die GSG 9 im sächsischen Freital zuschlug. Die Spezialkräfte der Bundespolizei nahmen im Auftrag des Generalbundesanwalts fünf mutmaßliche Rechtsterroristen fest. Auch Staatsschützer des Bundeskriminalamts und Beamte der sächsischen Polizei waren vor Ort, insgesamt bot der Rechtsstaat mehr als 200 Einsatzkräfte auf.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sprach hinterher davon, dass "ein entscheidender Schlag gegen eine regionale rechtsterroristische Struktur" gelungen sei. "Durch den konzertierten Zugriff werden weitere mögliche Anschläge dieser Gruppierung gegen Asylunterkünfte und politische Gegner verhindert", so de Maizière. Der Einsatz zeige, "dass der Staat konsequent und frühzeitig gegen rechtsterroristische Strukturen und Straftäter vorgeht".

Der Großeinsatz samt GSG 9 sollte auch ein Signal gegen militante Flüchtlingsfeinde sein.

Im Interview mit dem SPIEGEL hatte Generalbundesanwalt Peter Frank bereits im Februar ein härteres Vorgehen gegen Rechtsterroristen angekündigt. Es müsse im Falle schwerer Übergriffe auf Asylbewerberheime "ein Gegenfanal gesetzt werden", so Frank. "Es geht darum, deutlich zu machen, dass wir solche Straftaten als so schwerwiegend für das friedliche Zusammenleben in Deutschland und das Ansehen Deutschlands im Ausland betrachten, dass die Staatsanwaltschaft des Bundes einschreiten muss", sagte der Generalbundesanwalt.

Längeres Gezerre um Zuständigkeiten

Im Falle von Freital war dem Einschreiten des Bundes aber offenbar ein längeres Gezerre mit den sächsischen Landesbehörden um Zuständigkeiten vorausgegangen. Aus Berliner Justizkreisen verlautete, Karlsruhe habe die Ermittlungen mühsam an sich ziehen müssen, die Sache sei aus Dresden nicht aktiv als Terrorverfahren angeboten worden.

Die Generalstaatsanwaltschaft wies das auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE zurück: Das Verfahren sei "ganz normal gelaufen", sagte ein Sprecher: "Wir haben die Erkenntnisse zusammengetragen, auf deren Grundlage die Bundesanwaltschaft dann ihre Zuständigkeit bejahen konnte."

Die Bundesanwaltschaft wirft acht Beschuldigten unter anderem versuchten Mord, gefährliche Körperverletzung sowie Mitgliedschaft in der rechtsterroristischen Vereinigung "Gruppe Freital" vor. Sie sollen sich im Juli 2015 zusammengeschlossen haben, um unter der Führung von Timo S., 27, und Patrick F., 24, Anschläge auf Flüchtlinge und politische Gegner zu verüben.

Nach Erkenntnissen der Ermittler schritten die mutmaßlichen Terroristen im vergangenen Herbst bereits mehrfach zur Tat:

  • In der Nacht vom 19. auf den 20. September soll Patrick F. eine Flüchtlingsunterkunft in Freital attackiert haben . Er montierte der Bundesanwaltschaft zufolge einen pyrotechnischen Sprengkörper am Küchenfenster und zündete ihn. Die Bewohner wurden nur deshalb nicht durch die umherfliegenden Splitter verletzt, weil sich zu diesem Zeitpunkt keiner von ihnen in der Küche aufhielt.

  • In der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober sollen Mike S., Patrick F., Timo S., Justin S., Rico K. und Maria K. das alternative Wohnprojekt "Mangelwirtschaft" in Dresden angegriffen haben. Laut Bundesanwaltschaft warfen sie Steine und Pyrotechnik in das Gebäude . Ein Sprengkörper zündete in der Küche des Hauses.

  • In der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November griffen nach Erkenntnissen der Ermittler Timo S., Justin S., Maria K., Philipp W., Patrick F., Sebastian W. und Rico K. eine Asylbewerberunterkunft in Freital an. Wieder sollen sie Sprengkörper an Fensterscheiben platziert und zur Explosion gebracht haben. Die Splitter trafen einen Bewohner im Gesicht und verletzten ihn.

Bei den Durchsuchungen in Freital fanden Beamte eine dreistellige Anzahl von Feuerwerkskörpern aus Tschechien. Diese sogenannten "Polenböller" der Typen "La Bomba", "Viper" und "Dumbum" hatte auch die mutmaßliche Neonazi-Terrortruppe "Oldschool Society" (OSS) für Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte verwenden wollen. Der Generalbundesanwalt hatte die Gruppe im Januar angeklagt.

"Polenböller", auch "Tschechenböller" genannt, werden vor allem in China, aber auch in Italien hergestellt. Sie enthalten mehr Sprengstoff als die handelsüblichen Kracher, noch dazu in einer Kombination, die in Deutschland verboten ist. Magnesium und Aluminium sorgen dafür, dass die Explosion stärker und schneller erfolgt. Die illegalen Sprengkörper, sagen Experten, könnten die Wirkung einer Handgranate entfalten.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE tauschten sich die mutmaßlichen Rechtsterroristen der "Gruppe Freital" in einer geschlossenen Messenger-Gruppe aus, ähnlich wie es auch die OSS getan hatte. "Schwarzen Chat" nannten sie ihren kryptierten Kommunikationsraum.

Doch das war der Tarnung offenbar noch nicht genug. Wenn sie dort von ihren Aktionen sprachen, nutzten die Extremisten Codes. Die Böller, ihre lebensgefährlichen Sprengsätze, nannten sie "Obst".


Zusammengefasst: Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen acht mutmaßliche Mitglieder der rechtsterroristischen Vereinigung "Gruppe Freital". Am Morgen nahm die GSG 9 fünf Verdächtige fest. Bei Durchsuchungen fanden die Beamten mehr als hundert Böller, mit beachtlicher Sprengkraft.

Fremdenhass in Sachsen

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