Freizügige Jungpolitiker Liberale fordern Freigabe von Pornografie für Jugendliche

Soviel Liberalität des Nachwuchses macht selbst der FDP Kummer: Die Jugendorganisation der Partei in Niedersachsen befürwortet die Freigabe von Pornografie für Jugendliche ab 16 Jahren. In der Bundespartei ist man nicht begeistert über den Vorstoß.

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Hannover - Der Landesvorsitzende der Jungen Liberalen, Christopher Vorwerk, führte seinen Vorschlag im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE aus: "Es ist paradox, dass der Gesetzgeber Jugendlichen ab 16 Jahren ein Sexualleben zu gesteht, ihnen sexuelle Handlungen erlaubt, aber den Zugang zu Pornografie erst ab 18 Jahren freigibt. Das hat zur Folge, dass Jugendliche, die ja meistens ein großes Interesse an Sexualität haben, ins Internet gehen und dort auf das treffen, was der Gesetzgeber auch ab 18 Jahren nicht freigegeben hat, nämlich auf Schmuddelkram, Tier- oder Kinderpornografie."

Porno-Darsteller (bei Preisverleihung in Las Vegas): Junge Liberale wollen Sex im Fernsehen zeigen
REUTERS

Porno-Darsteller (bei Preisverleihung in Las Vegas): Junge Liberale wollen Sex im Fernsehen zeigen

"Der Gesetzgeber legitimiert den Geschlechtsakt zwischen 16-Jährigen, untersagt ihnen aber bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres dabei zuzusehen", argumentiert Vorwerk.

Fernsehsender sollten die Möglichkeit haben, ab Mitternacht Pornografie auszustrahlen, so Vorwerk. "Es geht darum, dass in den Medien mit zweierlei Maß gemessen wird. Gewalt und Leichen, aber kein Akt der Liebe."

"Jugendliche sind mit 16 Jahren alt genug, um selbst zu entscheiden, was sie ansehen", meint auch Florian Bernschneider, stellvertretender Landesvorsitzender der Jungen Liberalen. "Die Möglichkeit Pornos im Fernsehen ansehen zu können, schützt die Jugendlichen davor, in pubertärer Neugier im Internet zu stöbern, und dort gefährlichere, gewalttätige Inhalte zu finden."

Ablehnung aus der Mutterpartei

Die Mutterpartei reagierte mit Ablehnung auf den Vorschlag. Der niedersächsische FDP-Vorsitzende Philipp Rösler sagte: "Ich halte davon nichts. Die FDP kann im Interesse des Kinder- und Jugendschutzes Pornografie für Minderjährige nicht legalisieren und freigeben." Rösler richtete einen deutlichen Rüffel an die Nachwuchsorganisation seiner Partei: Er wünsche sich, dass die Jungen Liberalen sich um wesentliche Dinge wie Arbeitslosigkeit und Bildungspolitik kümmerten.

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende, äußerte sich im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE zurückhaltender: "Es ist das gute Recht der Jugendorganisation, diese Diskussion anzustoßen." In der Sache allerdings halte sie den Vorschlag "für nicht unproblematisch". Sie sehe Abgrenzungsprobleme, etwa bei der Frage, ob nur "leichte Pornographie" freigegeben werden solle.

"Außerdem muss eine mögliche Gefährdung Jugendlicher durch gewaltverherrlichende Darstellungen in bestimmten Pornofilmen ernst genommen werden", sagt Leutheusser-Schnarrenberger. "Inhaltlich kann ich den Vorschlag der Jungen Liberalen deshalb nicht unterstützen, aber ich bin dafür, dass wir in der Partei eine intensive Debatte über das Thema führen."

"Sexuelles Vergnügen ohne emotionale Bindung"

Miriam Gruß, Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion für Kinder und Jugend, sagte zu SPIEGEL ONLINE: "Ich halte gar nichts von dem Antrag der Jungen Liberalen." Mit dem Jugendschutzgesetz müssten auch die geschützt werden, die mit 16 noch nicht so weit seien wie andere. "Auch wenn das immer weniger werden, sind wenige genug, damit der Staat sie vor etwas schützt, was sie vielleicht gar nicht sehen wollen", so Gruß.

Zudem werde in der Pornografie ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit vermittelt. "Pornofilme zeigen sexuelles Vergnügen ohne emotionale Bindung, und ich bin der Meinung, dass Jugendliche mit 16 noch Bindung brauchen".

Der Zugang zum Pornofilm im Fernsehen sei viel einfacher als der Zugang zu Gewaltspielen. "Beim Zappen können Jugendliche schnell an einen Film geraten, den sie eigentlich gar nicht sehen wollen." In dem Moment sei es aber bereits zu spät, sagte Gruß.

Wenn Vorwerk Pornografie als einen "Akt der Liebe" bezeichne verwechsle er etwas, erklärte Ina Lenke, FDP-Sprecherin für Frauen und Familie. "Pornografie ist ein knallhartes Geschäft", so Lenke zu SPIEGEL ONLINE. Sie lehne den Vorschlag Pornos ab 16 Jahren freizugeben deshalb ab, gebe dem jungen Liberalen aber darin Recht, dass im Fernsehen "manchmal schon ab viertel nach acht totale Kriminalität" walte.

Auf wenig Gegenliebe dürfte der Vorschlag aus Niedersachsen auch in Bayern treffen: Die dortige Staatsregierung hat gerade einen Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, der praktisch einem Verleihverbot von Pornofilmen in Videotheken gleichkommt.

Aufkommende Kritik, der Vorschlag der Jungen Liberalen würde die sexuelle Verwahrlosung von Jugendlichen fördern, weist der Landesvorsitzende der Jungen Liberalen, Christopher Vorwerk, zurück: "Wenn Familien zusammen Pornos gucken, hat das nichts damit zu tun ob Pornos ab 16 freigegeben werden, sondern eher mit einem Medienumgang im Allgemeinen."

Die Chancen auf Umsetzung seiner Forderung schätzt der Jungliberale Vorwerk realistisch ein: "Ich gehe davon aus, dass es auch in der FDP nicht leicht wird, diese Forderung durchzusetzen."

mit Material von dpa



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