Fremdenfeindlichkeit Überfälle in Serie auf Ausländer in Ostdeutschland

Überfälle in Berlin, Wismar und Weimar: Am Himmelfahrtstag kam es in Ostdeutschland zu zahlreichen Angriffen auf Ausländer. Mehrere der Opfer wurden dabei erheblich verletzt.


Berlin - In Berlin nahm die Polizei insgesamt 14 Personen fest. Sie hatten sich an drei ausländerfeindlichen Überfällen an Himmelfahrt beteiligt. Die Übergriffe richteten sich gegen vier Türken, einen Libanesen und einen Mann aus Guinea.

Der Mann aus Guinea sei von einem 38-Jährigen auf einem S-Bahnhof am Wedding beleidigt und mit Knallkörpern beschossen worden. Das Opfer wurde dabei leicht verletzt. Der Täter wurde festgenommen. Der Libanese wurde auf einem U-Bahnhof in Kreuzberg von einer Gruppe von neun Männern beleidigt. Als er zu fliehen versuchte, warfen sie eine Flasche nach ihm, trafen ihn aber nicht. Die Täter wurden ebenfalls festgenommen.

Nach einem Überfall auf vier Türken in Prenzlauer Berg wurde heute ein vierter Tatverdächtiger festgenommen. Nach Angaben der Polizei hatte der 46-Jährige gestern gemeinsam mit drei jüngeren Männern vier Türken mit fremdenfeindlichen Sprüchen beleidigt und ein Handgemenge provoziert. Ein Türke wurde dabei verletzt. Die drei anderen Tatverdächtigen wurden kurz danach festgenommen.

Zu ausländerfeindlichen Übergriffen kam es auch in Weimar und in Wismar. In Weimar wurden drei Männer aus Kuba und Mosambik von mutmaßlich rechtsradikalen Schlägern überfallen und zum Teil schwer verletzt. Bei den Schlägern handelt es sich nach Angaben der Polizei um Männer im Alter von 19 bis 29 Jahren. Sie hatten am Abend eine private Feier in einem Hof in der Innenstadt überfallen.

Ein 46-jähriger Mosambikaner erlitt den Angaben zufolge Kopfverletzungen, ein Schädel-Hirn-Trauma, Schürfwunden und Prellungen. Er befindet sich noch in stationärer Behandlung. Es besteht aber keine Lebensgefahr. Ein weiterer 45-jähriger Mosambikaner und ein gleichaltriger Kubaner wurden bei dem Überfall ebenfalls erheblich verletzt. Sie trugen Prellungen davon, eines der Opfer erlitt außerdem einen Nasenbeinbruch.

In Wismar wurde ein Inder verletzt. Mehrere Männer hätten dort auf einem Flohmarkt einen Händler angegriffen, berichtete der Radiosender NDR 1 Radio MV. Der Schweriner Oberstaatsanwalt Pick bestätigte dem Sender demnach, dass fünf Männer zwischen 20 und 24 Jahren vorläufig festgenommen worden seien. Sie sollen den Ausländer geschlagen haben. Laut Pick würden die mutmaßlichen Täter derzeit noch vernommen, weitere Einzelheiten teilte er nicht mit.

Ein Zeuge des Überfalls habe sich unmittelbar nach dem Übergriff an den Radiosender gewandt und geschildert, dass die jungen Männer den Händler aus Indien an seinem Verkaufsstand mit "Sieg-Heil"-Rufen beschimpft und ihn dann zusammengeschlagen hätten. Wie schwer das Opfer verletzt wurde, sei nicht bekannt. Der Mann wurde nach Angaben des Zeugen ins Krankenhaus gebracht.

Bischof Huber: Besonderes Problem des Ostens

Bischof Wolfgang Huber sieht den Rechtsextremismus als besonderes Problem im Osten Deutschlands. In den neuen Bundesländern gebe es Fremdenfeindlichkeit ohne Fremde. "Die wenigen Menschen mit anderer Hautfarbe, die sich im Osten bewegen, sind dann tatsächlich besonders gefährdet", sagte der Vorsitzende des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) der "Berliner Zeitung".

Die Abwanderung aus Ostdeutschland verstärke das Problem, sagte Huber, der auch Bischof von Berlin-Brandenburg ist. "Unter denen, die bleiben, ist ein hoher Anteil von Menschen, die sich von der Gesellschaft enttäuscht abwenden, weil sie schlechte Ausbildungs- und Berufschancen haben", meinte Huber. "Das kann in eine Protesthaltung münden, aus der heraus Menschen dann ihre Zuflucht auch zum Rechtsextremismus nehmen."

Zwar gebe es dieses Phänomen nicht nur im Osten: "Allerdings ist das Problem dort zugespitzt." Die größte Aufgabe bei der Bekämpfung des Rechtsextremismus komme der Bildung und Erziehung zu, sagte Huber. "Dort müssen wird den Mut aufbringen, keinen einzigen verloren zu geben." Gerade die Jugendlichen, die auf einen Hauptschulabschluss zugingen, müssten so begleitet werden, dass sie im Anschluss einen Ausbildungsplatz fänden.

Dies sei vergleichbar mit den Anstrengungen, die zur Integration von Jugendlichen aus Migrantenfamilien benötigt würden, sagte der Bischof weiter. "Immer dort, wo es um Gruppen geht, die aus ihrer Dynamik heraus Fremden- oder Menschenfeindlichkeit entwickeln, müssen wir stärker auf die soziale Situation achten als auf den Reisepass."

Mit der Ausbreitung von rechtsextremistischer Gewalt gegen Ausländer in Deutschland befasst sich heute auch die liberale dänische Tageszeitung "Politiken" aus Kopenhagen: "Seit dem Fall der Mauer haben in Deutschland Neonazis und Rechtsextremisten eine zunehmende Zahl von Menschen mit nicht ganz weißer Hautfarbe ermordet oder zu Krüppeln geschlagen. Dunkelhäutige Fußballer müssen bei jedem Spiel rassistische Schmähungen ertragen.

Auch das ist ernst zunehmen, denn 1990 ermordeten deutsche Rassisten einen Spitzenspieler aus Angola. In dieser Woche hat Innenminister Wolfgang Schäuble endlich reagiert. (...) Deutsche Politiker sind machtlos, weil sie das Problem verschwiegen oder bagatellisiert haben. Hierbei stand Schäuble an der Spitze. (...) Leider ist völlig unklar, ob die nun ausgebrochene Panik in deutschen Regierungskreisen eher dem Ansehen des Landes als der Sicherheit der Bürger gilt. In zwei Wochen beginnt die Fußball-WM. Die Augen der Welt ruhen auf Deutschland. Wenn die Scheinwerfer danach abgestellt werden, sollten die deutschen Behörden sich möglichst um echte Fortschritte im Kampf gegen einen Terror bemühen, mit dem keine Demokratie leben kann."

als/dpa/AFP/dpa/AP



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