Friedrich Merz Die Herausforderung

Ein alter Merkel-Gegner kommt zurück: Friedrich Merz will CDU-Chef werden. Für die Partei wäre es ein Wagnis, doch seine Chancen stehen nicht schlecht. Was treibt den Mann?

Friedrich Merz
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Seine Kandidatur wühlt die CDU auf. Sie elektrisiert die einen, schreckt die anderen. Und hat das Potenzial zur Spaltung. Friedrich Merz bewirbt sich im Dezember auf dem CDU-Parteitag um das Amt des Vorsitzenden. Das gab der 62-Jährige an diesem Dienstag ganz offiziell bekannt.

Würde Merz tatsächlich gewählt, dann wäre das die Story: vom Merkel-Gegner zum Merkel-Nachfolger.

Denn Friedrich Merz ist nicht irgendwer. Er ist ein Mann, den Angela Merkel aus dem Amt gedrängt hat. Andere einst wichtige CDU-Männer haben sich selbst ins Aus gebracht, Merz aber wurde von Merkel regelrecht ausgebootet.

Beide verbindet eine Geschichte. Und es ist keine gute Geschichte.

Im Herbst 2002, nach der von der Union verlorenen Bundestagswahl, machten ihm der damalige Spitzenkandidat und CSU-Chef Edmund Stoiber und die damalige CDU-Chefin Merkel noch in der Wahlnacht deutlich, dass seine Zeit als Unionsfraktionschef im Bundestag zu Ende war.

Sie boten ihm den Platz eines Bundestagspräsidenten an, Merz lehnte das brüsk ab. Er tat dies mit einem Satz, der auch in diesen Tagen nichts von seiner Gültigkeit verloren hat, weil er einen Charakterzug von Merz offenlegt: "Heute will ich Politik machen und nicht ankündigen." So schilderte er den Vorgang einst in einem bemerkenswerten Interview.

"Ich glaube, ich hätte gewonnen"

Damals siegte Merkel, Merz musste das Feld räumen. Sie übernahm den Fraktionsvorsitz, drei Jahre später war sie Kanzlerin.

"Ich glaube, dass ich eine Kampfabstimmung in der Fraktion gewonnen hätte", sagte Merz später einmal. Aber er habe keine zerrissene Fraktion, keine verunsicherte Partei gewollt.

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CDU-Vorsitz: Das sind die möglichen Merkel-Nachfolger

Wer den CDU-Politiker Merz nach der Jahrtausendwende in Hintergrundgesprächen traf, erlebte einen verletzten Mann. Einen, der in der Jungen Union und später in der CDU Karriere gemacht, der auf langjährige Loyalitäten gesetzt hatte und nun keine entscheidende Rolle mehr spielte und von der Ostdeutschen Merkel mit ihrer DDR-Biografie ausgespielt worden war.

Merz zog sich grollend in die zweite Reihe zurück, verließ 2004 den Fraktionsvorstand und trat schließlich 2009 nicht mehr für den Bundestag an.

Der Jurist wechselte in die Wirtschaft, hält heute Spitzenposten bei Blackrock, dem größten Vermögensverwalter der Welt, und in der Privatbank HSBC. Er sitzt in mehreren Aufsichts- und Verwaltungsräten großer Konzerne. Wirtschaftlich ist er unabhängig, er muss nicht in die Politik zurückkehren.

Kontakte zu Wolfgang Schäuble

Dass er es dennoch tun will und womöglich dafür auf seine Posten in der freien Wirtschaft verzichten muss - das zeigt, wie sehr er für die CDU brennt. Und auch, wie sehr er an ihrem Niedergang leidet.

Es wäre daher wohl zu einfach, hinter seiner Kandidatur nur einen Racheakt gegen Merkel zu sehen. Vielleicht liegen die Dinge schlichter: Mit Merkels selbstgewähltem Abgang ist plötzlich die Tür für ihn geöffnet, die so lange verschlossen war. Ganz draußen war Merz ohnehin nie in der CDU.

Der nordrhein-westfälische CDU-Chef und Ministerpräsident Armin Laschet machte ihn im Jahr 2017 in seiner schwarz-gelben Koalition zum Brexit- und Transatlantikbeauftragten. Das bevölkerungsreichste Bundesland pflegt historisch enge Beziehungen zu Großbritannien und den USA. Merz ist seit Jahren Vorsitzender eines der wichtigsten deutsch-amerikanischen Netzwerke, des Vereins "Atlantik-Brücke".

Ex-Kanzler Schmidt, Merkel, Merz im Jahr 2012
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Ex-Kanzler Schmidt, Merkel, Merz im Jahr 2012

Gegen den Merkel-Anhänger Laschet, dem selbst Ambitionen auf den CDU-Vorsitz nachgesagt werden, wollte Merz keine Kandidatur anstreben, so war in den vergangenen Tagen zu hören.

Erfolgte also seine Ankündigung nun mit Laschets Zustimmung? Oder Duldung? Zumindest gibt es bislang keine Zeichen, die dagegen sprechen. Dass Merz in der alten, westdeutschen CDU verankert ist, zeigte nicht zuletzt auch die Tatsache, dass Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble ihn im vergangenen Jahr zur privaten Feier seines 75. Geburtstags einlud.

Schäuble dürfte in den kommenden Wochen eine wichtige Rolle spielen. Denn aus dem mächtigen nordrhein-westfälischen CDU-Landesverband - er stellt auf Parteitagen die größte Gruppe der Delegierten - hat mit Gesundheitsminister Jens Spahn ein zweiter Vertreter des konservativen Flügels seine Kandidatur angekündigt. Auch er ein Mann, der gute Kontakte zu Schäuble pflegt und einige Zeit im Finanzministerium unter ihm als Staatssekretär arbeitete.

Die eigentlich spannende Frage ist: Ist der Merz von 2002 noch der Merz von 2018? Merz war in der Vergangenheit stolz darauf, das klare Wort zu führen. Zur Jahrtausendwende stieß er eine Debatte zur "deutschen Leitkultur" an, als einstiger Wirtschafts- und Finanzexperte wurde er mit seinem "Bierdeckel-Steuer-Konzept" bekannt.

Doch spielt das bei einer Kandidatur heute noch eine Rolle?

Die CDU unter Merkel hat sich ja modernisiert, ist in der Familien- und Gesellschaftspolitik in die Mitte und sogar nach links gerückt. Merz gab sich, als er noch aktiv Politik machte, als Vertreter einer konservativen Linie, der sich mit seiner Familie und den drei Kindern schon mal bei einem Hauskonzert ablichten ließ, Klarinette spielend.

Hat sich Merz gewandelt?

Doch die Zeiten haben sich geändert, auch CDU-Anhängerinnen wollen heute Beruf und Familie verbinden. Was in der Familie Merz - seine berufstätige Ehefrau Charlotte ist Juristin und heute Direktorin eines Amtsgerichts - ohnehin der Fall war. Die alten Schlachten, so ist anzunehmen, wird Merz nicht mehr schlagen wollen. Kürzlich erregte seine Unterschrift unter einem proeuropäischen Appell Aufmerksamkeit, den auch frühere SPD-Politiker sowie der Philosoph Jürgen Habermas unterschrieben. Seine Anhänger verweisen in diesen Tagen darauf.

Merz wird bis zum Parteitag das Kunststück versuchen müssen, die Flügel in der CDU für sich zu gewinnen. Er wolle den "inneren Zusammenhalt und die Zukunftsfähigkeit der CDU Deutschlands" stärken, schreibt er in der Presseerklärung zu seiner Kandidatur. Auch das ein Zeichen. Seine Kandidatur könnte die CDU beflügeln, in einer SPIEGEL ONLINE-Umfrage von Civey votierten 33,7 Prozent der Befragten für Merz, 19,2 Prozent für CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer, dagegen für Spahn nur 6,2 Prozent.

Klar ist: Die CDU-Delegierten in Hamburg werden nicht nur über Merz entscheiden. Sollte er ihr Parteichef werden und nicht die von Merkel favorisierte Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer, dann müsste er sich notgedrungen mit einer Kanzlerin Angela Merkel arrangieren. Und sie mit ihm.

Ob das gut ginge? Und wie lange das gut ginge?

Die CDU steht womöglich vor einer sehr großen Herausforderung.

Straßenumfrage - so finden Bürger die Kandidaten um den CDU-Vorsitz:

SPIEGEL ONLINE


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Seite 1
canario2018 30.10.2018
1. Spiegel Online Civey-Umfrage
Kann ja jeder stimmen, wie er mag. Letztendlich ist es ein Problem der CDU, die zu klären hat, wen sie als Parteivorsitzenden künftig haben möchte.
Alias iacta sunt 30.10.2018
2. Im Vergleich zu den ganzen Angela Merkel Nachkriechern u. Gernegrossen
die zur Auswahl stehen is F Merz einer der selbst klar denkt, spricht und eine echte Politikergestalt von Format wäre. Meine Doppelstimme hat er. Auch wenn ich in 40 Jahren noch nie CDU gewählt habe
mrjaeyemm 30.10.2018
3. Warum tritt Norbert Röttgen nicht an?
AKK steht für die gleichen Inhalte und den gleichen Politikstil wie Merkel. Merz und Spahn gehen nur auf Konfrontationskurs und sehen die Union konservativ weiter rechts. Ein fatales Signal, in Anbetracht der aktuellen politischen Weltlage. Warum bewirbt sich Norbert Röttgen nicht? Ein versierter Außenexperte, hat mit NRW einen großen Landesverband hinter sich und scheint mit dem Verlust des Ministeriums von damals im Reinen zu sein. Das wäre sowohl Aufbruch als auch Kontinuität.
scooby11568 30.10.2018
4. Was soll das für ein Neuanfang sein
Mit einem 62 jährigen?
wolf_xl 30.10.2018
5. Samhain
… naja, morgen ist ja das keltische Samhain aka Helloween - da tun sich Wiedergänger anscheinend gut... Dass jetzt ausgerechnet ein neoliberaler Lobbyist die von der Gesellschaft abgehängten zurück zur Mama Union bringen soll - genau mein Humor... ;-)
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