Frühere "RAF-Regisseurin": Mohnhaupt kommt nach 24 Jahren frei

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Die RAF war ihr Leben und ist es bis heute - jetzt kommt Brigitte Mohnhaupt frei. Das Oberlandesgericht Stuttgart hat entschieden: Die einstige Terroristin wird Ende März auf Bewährung entlassen.

Seit dem 11. November 1982 sitzt Brigitte Mohnhaupt im Gefängnis - seit rund 20 Jahren in der bayerischen Justizvollzugsanstalt Aichach unweit von Augsburg. Heute hat das Oberlandesgericht Stuttgart, das sie 1985 verurteilt hatte, entschieden: Am 27. März wird sie auf Bewährung entlassen.

Mit Gnade oder Reue, die derzeit allenthalben von den einstigen RAF-Mitgliedern gefordert wird, hat das nicht das Geringste zu tun. Das Gericht hatte lediglich zu prüfen, ob von Mohnhaupt noch eine Gefahr für die Allgemeinheit ausgeht. Ob zu erwarten ist, dass sie in Freiheit erneut schwere Straftaten begeht. Die Stuttgarter Richter kamen nun zu der Überzeugung, dass dies nicht der Fall ist: Der Senat sieht "in Übereinstimmung mit dem Vertreter der Generalbundesanwältin und mit der Beurteilung des psychiatrischen Sachverständigen keine Anhaltspunkte für eine fortdauernde Gefährlichkeit der Verurteilten".

Keines der ehemaligen Mitglieder der RAF, die sich 1998 aufgelöst hat, wurde bisher nach der Freilassung wieder straffällig. Außer Mohnhaupt sitzen aus den Reihen der RAF noch Christian Klar, Eva Haule und Birgit Hogefeld in Haft. Bei Klar prüft Bundespräsident Horst Köhler derzeit eine Begnadigung. Der 54-Jährige hatte sein Gnadengesuch schon bei Köhlers Amtsvorgänger Johannes Rau gestellt.

Mohnhaupt ist eine rätselhafte Figur. Im Gegensatz zu anderen führenden Mitgliedern der RAF wie Andreas Baader oder Ulrike Meinhof, über die zahlreiche Biografien erschienen sind, liegt ihr Weg in den Terrorismus weitgehend im Dunkeln.

Sie selbst schweigt, hat nie Interviews gegeben, hat nicht - wie ihr einstiger RAF-Genosse Christian Klar - ein Gnadengesuch gestellt. Sie ist zu stolz, öffentlich Abbitte zu leisten; die RAF war und ist ihr Leben.

Kameradin der Kommunarden

Die am 24. Juni 1949 als Tochter eines Verlagskaufmanns in Rheinberg am Niederrhein geborene Mohnhaupt machte 1967 in Bruchsal ihr Abitur und studierte anschließend in München Englisch und Geschichte. Zunächst durchaus dem Luxus zugetan und mit einem Adligen liiert, landete sie bald in einer der vier Münchner Kommunen, in denen mit Drogen, "freier Liebe" und Gemeinschaftseigentum experimentiert wurde.

Fritz Teufel, Rainer Langhans, Uschi Obermeier, Marianne Enzensberger und Irmgard Möller lernte sie in der überschaubaren Kommuneszene in München kennen. Sie betätigte sich als Aktivistin der "Basisgruppe Zeitungswissenschaft", deren Hauptfeind der spätere SPD-Funktionär Peter Glotz war. So beteiligte sie sich 1969 an der Besetzung des im Münchner Amerikahaus gelegenen Zeitungswissenschaftlichen Instituts, um gegen den Krieg der USA in Vietnam zu protestieren. Ulrich Enzensberger erinnert sie aus dieser Zeit als "sehr geradlinig und bereit, Konsequenzen zu ziehen".

Die Kommunarden lasen das "Handbuch des Stadtguerrillero" des brasilianischen Revolutionärs Carlos Marighela. Sie hatten, wie eine Kommunardin später erinnerte, "die Entschlossenheit, in relativ kurzer Zeit diese Gesellschaft zum Kippen zu bringen". Mohnhaupt und Irmgard Möller schlossen sich im Frühjahr 1971 der radikalsten Gruppe der radikalen Linken an, der RAF. Entsprechend der Strategie der RAF-Gründer "Illegale Strukturen aufbauen" gingen sie in den Untergrund. Mohnhaupt war bald für die konspirativen Wohnungen der RAF in West-Berlin verantwortlich, doch am 9. Juni 1972 - zwei Tage nach der Verhaftung von Gudrun Ensslin - wurde sie in der Mauerstadt zusammen mit Bernhard Braun festgenommen.

Eine Woche zuvor war eine Wohnung in der siebten Etage des Eden-Hochhauses in Berlin-Charlottenburg in Brand geraten. Die Feuerwehr hatte Chemikalien und Bomben gefunden. Mohnhaupt bekam wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, Urkundenfälschung und unerlaubten Waffenbesitzes eine Haftstrafe von vier Jahren und acht Monaten. Weil sich die Terroristinnen im Berliner Frauengefängnis in der Lehrter Straße ballten, wurde sie zunächst nach Frankfurt-Preungesheim verlegt.

Ersatz für Ulrike Meinhof

Nachdem sich Ulrike Meinhof im Mai 1976 in Stuttgart-Stammheim erhängt hatte, fragte die Stuttgarter Anstaltsleitung - irrsinnigerweise - die RAF-Führung, wen sie als weiblichen Ersatz im Hochsicherheitstrakt haben wollte. Andreas Baader schlug Brigitte Mohnhaupt vor, und diese wurde am 3. Juni 1976 nach Stuttgart-Stammheim verlegt. Dort verbüßte sie die letzten Monate ihrer Haftstrafe zusammen mit der Führungscrew der ersten Generation der RAF, bevor sie am 8. Februar 1977 entlassen wurde.

In Stammheim, wo sie mit Baader, Ensslin und Raspe im siebten Stock einsaß, instruierte die RAF-Führung sie gründlich. Zunächst sollte sie bei den relativ kopflosen Illegalen und Unterstützern Ordnung schaffen. Als erstes organisierte sie dementsprechend das Büro des Rechtsanwalts Klaus Croissant in Stuttgart neu. Nach wenigen Wochen setzte sie sich erneut in den Untergrund zu den Illegalen ab und übernahm bei ihnen eine führende Rolle.

Kurz darauf startete die RAF ihre "Offensive 77", das Attentat auf den Generalbundesanwalt Siegfried Buback, die Ermordung des Bankiers Jürgen Ponto, an der Mohnhaupt unmittelbar beteiligt war, und schließlich die Entführung Hanns Martin Schleyers.

Vom Radar der Fahnder verschwunden

Zusammen mit anderen RAF-Mitgliedern wurde Mohnhaupt 1978 in Zagreb verhaftet. Doch weil die Bundesregierung nicht im Gegenzug wegen terroristischer Anschläge in der Bundesrepublik einsitzende Exilkroaten austauschen wollte, ließen die Jugoslawen die Truppe nach einem halben Jahr wieder frei - und Mohnhaupt verschwand erneut vom Radar der Fahnder. Für das Bundeskriminalamt war sie inzwischen die "Regisseurin der RAF".

Ein ihr einst sehr nahestehender Kampfgenosse schildert "Gitte" als "sehr konsequent, aber durchaus humorvoll". Auch bei schweren internen Konflikten habe sie einen kühlen Kopf bewahrt. Als RAF-Leute zum Beispiel ein Gruppenmitglied als "Verräter" liquidieren wollten, habe sie dies verhindert.

Aufzuhören stand für sie allerdings nicht zur Debatte. Obgleich die RAF im Herbst 1977 ihre entscheidende Niederlage erlitten hatte und die Hälfte der Gruppe sich in die DDR absetzte, machte Mohnhaupt weiter. Erst am 10. November 1982 wurde sie zusammen mit Christian Klars Gefährtin Heidi Schulz bei einem Erddepot in der Nähe von Frankfurt verhaftet.

Der Rest war Routine: Am 2. April 1985 wurde sie vom Oberlandesgericht Stuttgart in Stuttgart-Stammheim als "Rädelsführerin der RAF" zu fünfmal lebenslang plus 15 Jahre verurteilt. Das Gericht sah ihre Beteiligung als "Mittäterin" an allen RAF-Aktionen des Jahres 1977 sowie am Anschlag auf den US-General Kroesen im Jahr 1981 als erwiesen an. Die Frage ihrer individuellen Tatbeteiligung - oder ob sie zum Beispiel selbst geschossen und gemordet hat - konnten die Stuttgarter Richter allerdings nicht aufklären.

In ihrem ausführlichen Schlusswort erklärte Mohnhaupt trotzig, dass der "Kampfeswille" der RAF nicht gebrochen sei. So ungebrochen und unbelehrbar blieb sie auch in den langen Jahren ihrer Haft. Insgesamt fast 29 Jahre hat sie in bundesdeutschen Gefängnissen gebüßt. Dafür, dass sich Mohnhaupt nicht für ihre Taten bei den Angehörigen der RAF-Opfer entschuldigt hat, bringt der Aichacher Gefängnisleiter Wolfgang Deuschl Verständnis auf: "Straftaten schon in jungen Jahren, Haft, Entlassung, Untergrund, dann noch mal 20 Jahre Haft. Dann kann man nicht erwarten, dass sie sagt: Alles was ich gemacht habe, war Mist. Bei einem solchen Fazit bleibt mir eigentlich nur der Strick."

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