Früherer SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann ist tot

Der frühere SPIEGEL-Journalist Jürgen Leinemann ist tot. Er arbeitete in Bonn, Washington und Berlin und porträtierte die großen Politiker seiner Zeit. Sein letztes Buch handelte von ihm selbst: Er beschrieb darin seine Krebserkrankung.

Monika Zucht/ DER SPIEGEL

Hamburg - Jürgen Leinemann gehörte zu den profiliertesten politischen Journalisten Deutschlands. Er schilderte, was die Mächtigen der Bundesrepublik bewegte, was sie trieb und wie sie sich veränderten. "Kaum einem anderen sind so intime Einblicke in das Innenleben der politischen Klasse und so präzise Beschreibungen ihrer wichtigsten Vertreter gelungen", würdigte die Jury des Henri-Nannen-Preises seine Arbeit, als sie ihn 2009 für sein Lebenswerk auszeichnete.

In der Nacht zum Sonntag ist Leinemann im Alter von 76 Jahren in Berlin gestorben.

Seine journalistische Karriere begann 1964. Zunächst arbeitete er bei der Deutschen Presse-Agentur. 1971 wechselte er zum SPIEGEL - er wurde zum kritischen, genauen Beobachter der Spitzenpolitiker in Bonn, Washington und Berlin.

"Wenn ich meinen Lebensweg beschrieb, dann schien von Kindheit an alles zwangsläufig auf den Journalismus zuzulaufen."

Von 1968 bis 1974 berichtete er aus der US-Hauptstadt Washington, beschrieb die dunklen Machenschaften der Wahlkampfhelfer von Präsident Richard Nixon. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland widmete er sich der politischen Klasse in Bonn. Nach dem Fall der Mauer zog Leinemann 1990 nach Berlin und berichtete von dort. Von 1998 bis 2001 leitete er das Hauptstadtbüro und das Ressort Deutsche Politik.

Als Reporter begleitete Leinemann Deutschlands Politiker von den ersten Schritten auf regionaler Bühne bis hin zum bundesweiten Triumph - und einige auch bis zum Absturz in die politische Bedeutungslosigkeit. Er suchte die Nähe der Mächtigen und wahrte doch kritische Distanz.

Er porträtierte unter anderem Helmut Kohl, Gerhard Schröder, Joschka Fischer, Edmund Stoiber und Hans-Dietrich Genscher. Sieben Jahre habe Genscher ihn nicht gegrüßt, "nachdem ich ihn vor seinem Wechsel von Helmut Schmidt zu Helmut Kohl als ängstlichen Zauderer porträtiert hatte", so Leinemann. Auch Franz Josef Strauß habe empfindlich reagiert: "Dass er im Fernsehen schwitzte, blieb keinem unter den Millionen Zuschauern verborgen. Doch wenn man es beschrieb, war es ein Eingriff in die Intimsphäre." Über seine Arbeit sagte Leinemann einmal:

"Ich genoss die klammheimliche Lust des Mitwissers. Zwar gehörte ich nicht dazu, was ganz gut war, aber ich war nahe dran. Und manchmal bewirkte ich sogar etwas Positives."

Auch als Buchautor profilierte er sich. Die Geschichten über Kohl füllten ein Buch - der frühere Kanzler aber rühmte sich, keine Zeile davon gelesen zu haben. Er weigerte sich, den SPIEGEL-Journalisten ins Ausland mitreisen zu lassen. Doch wenn es ihm nützlich erschien, konnte der CDU-Politiker seine Meinung rasch ändern. 1997 trat Kohl als Laudator bei Leinemanns Biografie über den Fußballtrainer Sepp Herberger auf und raunte später: "Ich hab's schon gelesen, ist ein exzellentes Buch."

Besonders Leinemanns 2004 veröffentlichtes Werk "Höhenrausch" fand große Beachtung und wurde von der "Süddeutschen Zeitung" als sprachlich "glänzend" gelobt. Leinemann durchleuchtete die hektische Selbstgenügsamkeit des politischen Betriebs. "Viele merken gar nicht, dass sie schnell von einem Sog erfasst werden, von der Sucht nach Macht und öffentlicher Aufmerksamkeit", so Leinemann selbst über die von ihm beschriebenen Politiker und Journalisten.

2007 erkrankte Leinemann an Krebs, bei ihm wurde ein Zungengrundtumor diagnostiziert.

"Nein, 70 Jahre lang gab es an meinem Leben nichts zu meckern, wie der Berliner zu sagen pflegt. Ich hatte auch keine bestimmten Wünsche an das, was noch hätte kommen sollen. Nur was dann wirklich kam im 71., dem Jahr des Krebses, darauf hätte ich gern verzichtet."

Genau beschrieb er im SPIEGEL und in seinem Buch "Das Leben ist der Ernstfall", das 2009 erschien, sein Leben mit dem Krebs, physische und psychische Schwäche, Fortschritte und Rückschritte, Enttäuschung und Hoffnung - er beobachtete und analysierte sich selbst genau so, wie er zuvor andere porträtiert hatte. Er habe diese persönliche Krise auch als eine politische und journalistische Krise erlebt, sagte er später.

Er bekannte auch, dass der Tod für ihn nichts Bedrohliches sei.

"Schon als Kind empfand ich eher Ehrfurcht als Angst vor dem Ende."

kgp



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