Frust über Vatikan "Welcher Teufel reitet Benedikt?"

Enttäuscht, frustriert, wütend: Auf ihrem Glaubenstreffen in Osnabrück machen Deutschlands Katholiken gemeinsam mit Rabbinern Front gegen die umstrittene Karfreitagsfürbitte von Papst Benedikt XVI. Die Angreifer attackieren geschlossen - doch ihr Ziel ist unerreichbar.

Aus Osnabrück berichtet Alexander Schwabe


Osnabrück - Ein Laie, ein einfacher Katholik aus Frankfurt am Main, bringt es auf den Punkt: "Welcher Teufel hat den Papst geritten?" - und erntet großen Beifall auf dem Katholikentag in Osnabrück. Was hat Benedikt XVI. getrieben, in der neuen, lateinischen Fassung der Karfreitagsfürbitten zu formulieren: "Lasset uns beten für die Juden, dass unser Gott und Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus als den Heiland aller Menschen erkennen"?

Vorsitzender der Deutschen Bischofkonferenz Zollitsch und Rabbiner Brandt: Verwunderung über den Papst
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Vorsitzender der Deutschen Bischofkonferenz Zollitsch und Rabbiner Brandt: Verwunderung über den Papst

Da ist sie wieder: Jene alte Vorstellung, der jüdische Glaube sei defizitär. Jene Geringschätzung des jüdischen Selbstverständnisses. Jene Obsession, die darin besteht, zu meinen, das Judentum - Volk Gottes - komme nur zu Gott, wenn es an Jesus Christus glaubt. Jene Tradition der Missachtung, wonach Juden angeblich nicht mehr zur Gotteserkenntnis fähig sind, weil ihr Herz, so die Karfreitagsliturgie von 1570, nach der Jahrhunderte lang gebetet wurde, verschleiert sei. Jene dunklen Schatten der Vergangenheit, in der Juden am Karfreitag im Namen Gottes verjagt und getötet wurden.

"Die Alarmglocken schrillten", sagt Henry Brandt, Vorsitzender der Allgemeinen Rabbinerkonferenz, auf der "Christlich-jüdischen Gemeinschaftsfeier", wo er gestern Abend zusammen mit dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, auftrat - beide, um zu demonstrieren, dass der schwer in Mitleidenschaft gezogene Dialog nicht gänzlich verstummen darf.

"Enttäuschung, Frustration und Zorn", so hatte Brandt seine Gefühle nach Bekanntwerden der Karfreitagsfürbitte beschrieben. Und noch immer lässt der päpstliche Ratschluss den Rabbiner verständnislos, ratlos, leicht verzweifelt zurück: "Ohne Not und gegen die begründete Warnung von jüdischer und katholischer Seite ist eine neue Formulierung geschehen", klagt er in Osnabrück.

Dabei geht es nicht nur um eine Formulierung, um Marginalien und Wortklauberei. Es geht um nicht weniger als um die Heilsfrage, um die Sicherung der Ewigkeit, die der religiöse Mensch anstrebt: "Werde ich nach dem Tod das ewige Leben haben oder nicht?" Und der Papst sagt indirekt: Nein, ihr Juden werdet es nicht haben. Nicht, so lange ihr nicht an Jesus Christus glaubt. Er sagt dies ungeachtet der Erkenntnis seines Vorgängers und vieler anderer, wonach der mit Israel geschlossene Bund "von Gott nie gekündigt" worden sei. Juden bedürfen nach dieser Auffassung keiner Mission durch Christen, denn sie sind längst bei Gott.

Was ist los im Vatikan unter Benedikt? Auch Joseph Ratzinger hat als Papst den Kontakt zum Judentum gesucht. Mehrfach besuchte er Synagogen oder traf sich mit Rabbinern. Doch die Bewertung war nicht positiv. Die "New York Times" sah es so: "Symbolism yes, substance no". Gesten ja, Substantielles - Fehlanzeige!

Als ob es Johannes Paul II. nie gegeben hätte

Hat der Publizist Günther Ginzel Recht, wenn er schreibt: "Hatten wir denn in einer Schein-, in einer Wunschwelt gelebt, als wir Nähe, Freundschaft, Verstehen, ja Liebe zu spüren vermeinten? Viele Juden, die in den letzten Jahren zu Gesprächen im Vatikan waren, glaubten wirklich an den Beginn einer neuen Epoche in den jüdisch-katholischen Beziehungen. Zu eindrucksvoll waren die medienträchtigen Auftritte, die vielen Empfänge, Begegnungen, Konsultationen. Johannes XXIII. war wohl der erste Papst, bei dessen Tod auch Juden weinten. Johannes Paul II. war in seiner herzlichen Zuwendung so überzeugend, dass Teile der polnischen Kirche bereits darüber spekulierten, ob er nicht selbst 'jüdischen Blutes' sei."

Und dann kam der deutsche Papst.

Johannes XXIII.? Als ob es ihn nie gegeben hätte! Johannes Paul II.? Als ob es ihn nie gegeben hätte! Hatte nicht das von Johannes XXIII. einberufene Zweite Vatikanische Konzil in der Erklärung "Nostra Aetate" vom 28. Oktober 1965 festgestellt, dass "die Juden nach dem Zeugnis der Apostel immer noch von Gott geliebt" sind? Hatte nicht Johannes Paul II. 1986 bei seinem Besuch der Großen Synagoge in Rom gesagt: "Die jüdische Religion ist für uns nicht etwas 'Äußerliches', sondern gehört in gewisser Weise zum 'Inneren' unserer Religion, ihr seid unsere bevorzugten Brüder"?

Benedikt XVI. sei die "substantielle Fortentwicklung der Israeltheologie" durch Johannes Paul II. nicht mitgegangen, sagt Theologieprofessor Heinz-Günther Schöttler, Mitglied jener Regensburger Fakultät, in der Ratzinger einst lehrte. "Er hat die Israeltheologie von Johannes Paul II. in innerer Emigration verfolgt."

Rabbi Brandt dürfte es ähnlich sehen. In seiner Ansprache erinnert auch er an die positive Entwicklung im Verhältnis zwischen Judentum und Katholizismus. Jahrelang habe er mit Kardinal Karl Lehmann die katholisch-jüdische Feierstunde gehalten, nun mit Zollitsch. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg sei eine solche Zusammenkunft überhaupt nicht denkbar gewesen. Erst nach der Shoah habe es ein "erschrecktes Erwachen der Kirche" gegeben und "eine dramatische Wende" zum Positiven in der Beziehung zwischen Christen und Juden. Es sei ein gewaltiger Rückschritt, dass nun wieder von der Kirche legitimiert für die Erleuchtung der Juden gebetet werden könne. Betrübnis und Furcht schwingen in Brandts Fragen mit: "Ist es doch ein verkappter Auftrag zur Judenmission?" "Ist es eine Wende der Wende?"

Nur einmal erhält der Pontifex Zustimmung

Zollitsch antwortet auf die zweite der beiden Fragen. "Es wird keine Wende der Wende geben. Der Weg geht nach vorne, und dafür stehe ich hier!" Sein Statement findet in der Stadthalle zu Osnabrück starke Zustimmung. Doch ist der Rückschritt nicht schon da, ist die Wende nicht bereits eingeleitet? "Wir müssen die Gespräche nicht einfrieren, sondern vertiefen", sagt Zollitsch. Doch gehört dazu nicht, was der Braunschweiger Rabbiner Jonah Sievers als "Geschäftsgrundlage für einen Dialog auf Augenhöhe" fordert: die "Abwendung von der Annahme, Juden bräuchten Jesus als Heiland"? Von dieser Annahme distanziert sich Zollitsch nicht.

Die ausbleibende Antwort Zollitschs ist der erste und einzige Moment an diesem Tag, in dem dem Pontifex im fernen Rom nicht klar widersprochen wird. Unausgesprochen zeigt sich Zollitsch mit dem Mann auf dem Stuhl Petri solidarisch.

Diese Solidarität war sonst auf dem Katholikentag in der Frage der Karfreitagsfürbitten nirgends auszumachen - stattdessen jüdisch-katholische Einigkeit in der Front gegen das päpstliche Gebet. Theologe Schöttler und Rabbiner Sievers während der Veranstaltung "Beten Juden und Christen zu demselben Gott?" unisono: Juden müssen, sollen, dürfen nicht missioniert werden, die Missachtung des Judentums muss aufhören.

Der Papst hatte keinen Fürsprecher auf dem Podium. Der Veranstalter, das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, wollte oder konnte in Deutschland keinen finden, der in dieser Frage papsttreu argumentiert hätte. Zunächst sollte Walter Kasper den Advocatus Papae geben, doch der römische Kurienkardinal sagte den deutschen katholischen Laien aus Termingründen ab.

Aus Rom war damit auch nichts über Benedikts Beweggründe zur neuen Liturgie zu erfahren. So spekulierte das Kirchenvolk: Er sitze eben im Elfenbeinturm und treibe eine abgehobene Theologie. Er sei eben Dogmatiker und somit einem gewissen Starrsinn verfallen. Er sei eben Traditionalist und versuche, konservative Kräfte wie die abtrünnigen Anhänger des verstorbenen Erzbischofs Levebre zurückzugewinnen.

Es müssen also verschiedene Teufel gewesen sein, die den Papst geritten haben.



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