Fußball-EM in der Ukraine Merkel und das Finale-Problem

Angela Merkel drückt der Nationalelf beim Halbfinale gegen Italien die Daumen - aber ein Erfolg würde die Kanzlerin in ein Dilemma stürzen. Kann sie in die Ukraine reisen und dort womöglich neben dem Präsidenten sitzen, obwohl sich die Lage von Oppositionsführerin Timoschenko nicht verbessert hat?

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Berlin - Natürlich hofft die Bundeskanzlerin auf einen Sieg der deutschen Nationalelf gegen die Italiener an diesem Donnerstag. Schließlich ist Merkel ein großer Fan der Mannschaft von Jogi Löw.

Sollten die Deutschen aber tatsächlich gegen Angstgegner Italien gewinnen, würde das Merkel in eine äußerst schwierige Lage bringen. Das Finale findet am Sonntag in Kiew statt, in der Hauptstadt der Ukraine - dem Land, in dem eine schwer kranke Oppositionspolitikerin seit einem dreiviertel Jahr nach einem fragwürdigen Prozess wegen Amtsmissbrauchs im Gefängnis sitzt. Vor der EM hatte es im Kanzleramt geheißen, sollte sich die Lage für Julija Timoschenko nicht verbessern, werde Merkel nicht bei einem Spiel neben dem ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch sitzen.

Nun naht das Finale, aber eine Verbesserung für Timoschenko lässt sich nicht erkennen. Die 51-Jährige Oppositionspolitikerin wird inzwischen von Ärzten der Berliner Charité betreut, ihre Lage gilt aber als weitgehend unverändert.Erst am Montag hatte Timoschenko sich geweigert, zu einem weiteren Prozess gegen sie wegen Steuerhinterziehung zu erscheinen, sie sei zu krank. Der Chef der Berliner Charité Max Einhäupl hatte Timoschenko zuvor für transportunfähig erklärt. Am Dienstag schließlich verschob das Gericht in Kiew eine Berufungsverhandlung über die siebenjährige Haftstrafe für die Politikerin. Die Hoffnungen auf eine schnelle Freilassung Timoschenkos noch vor dem Ende der EM haben sich damit zerschlagen.

Aus dem Kanzleramt kommt keine Bestätigung für die angeblichen Reisepläne

Kein Mitglied der Bundesregierung war zu den drei deutschen Gruppenspielen in die Ukraine gereist. Berichten zufolge aber plant Merkel nun trotzdem bei einem Finaleinzug der Deutschen nach Kiew zu fahren, um die Nationalelf vor Ort anzufeuern. Das berichtet die Nachrichtenagentur dpa unter Berufung auf Regierungskreise in Berlin. Am Wochenende waren aus dem DFB ähnliche Meldungen gekommen. '"Sie hat uns gratuliert und hofft natürlich, dass wir weiter Erfolg haben werden, weil sie eben zum Finale auch kommen würde", sagte Teammanager Oliver Bierhoff nach dem Viertelfinale gegen Griechenland.

Eine offizielle Bestätigung für die Pläne der Kanzlerin gibt es bislang nicht. "Die Bundeskanzlerin berichtet grundsätzlich nicht über die Gespräche, die sie in der Kabine der deutschen Nationalmannschaft mit Spielern oder ihren Betreuern führt", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Über einen Besuch von EM-Spielen werde kurzfristig entschieden: "Jetzt sollte doch wirklich die ganze Konzentration erst einmal dem Halbfinale gelten - bei den Fußballern und bei den Journalisten. Und wenn das so ausgeht, wie wir alle hoffen, dann können wir über den nächsten Schritt reden", so Seibert.

Merkels Fußballbegeisterung ist allenthalben bekannt. Ihre Jubelposen im Stadion haben inzwischen einen gewissen Kultstatus erreicht. Die Kanzlerin präsentiert sich auf der Tribüne ganz anders als auf der politischen Bühne: Sie zeigt Emotionen und ein ausgelassenes Temperament. Beim 4:2 Sieg gegen Griechenland war Merkel in Danzig im Stadion. Nach dem Spiel besuchte sie das Team für etwa zehn Minuten in der Kabine. Sie habe der Mannschaft "gratuliert und viel Glück für das Halbfinale gewünscht", sagte Spielmacher Mesut Özil. "Schön, dass sie wieder da war", befand Kapitän Philipp Lahm.

Scharfe Kritik der Grünen

Ein EM-Endspiel ohne Merkel scheint deshalb zumindest schwer vorstellbar. Zumal die Kanzlerin schon zum Halbfinale an diesem Donnerstag in Warschau nicht kommen kann. Sie muss zur Sitzung des Europäischen Rats nach Brüssel. Ein Besuch in Polen hätte für die Kanzlerin auch noch einen positiven politischen Nebeneffekt gehabt. Polens liberal-konservativer Regierungschef Donald Tusk zählt zu ihren ersten Ansprechpartnern in der EU.

Ganz anders sieht es mit der Ukraine aus: Wie genau Merkel sich bei einer Kiew-Reise verhalten würde - dafür gibt es mehrere mögliche Szenarien, über die spekuliert wird. Variante eins: Der zur Neutralität verpflichtete Uefa-Chef Michel Platini wird zwischen Merkel und Janukowitsch platziert. Die Kameras würden trotzdem beide Politiker einfangen. Variante zwei: Merkel besucht in Kiew Unterstützer Timoschenkos, die ihre Basis direkt an der Fanzone aufgeschlagen haben, die zum Ärger von Janukowitsch zum Besuchermagnet geworden ist. Kritiker würden das belächeln.

Schon jetzt gibt es heftige Kritik an den angeblichen Plänen der Kanzlerin für ein Finale mit deutscher Beteiligung. Angesichts der Menschenrechtslage in der Ukraine wäre eine solche Reise ein "vollkommen falsches Signal", sagte die sportpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Viola von Cramon, der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Sollte Merkel neben dem ukrainischen Präsidenten Janukowitsch auf der Tribüne sitzen, würde sie ihm Bilder liefern, "die er will und die seine Wiederwahl im Oktober begünstigen werden". Die Teilnahme sei auch nicht mit der Fußballbegeisterung der Kanzlerin zu rechtfertigen, sagte die Abgeordnete. Gerechtfertigt wäre ein Besuch nur, wenn damit konkrete Maßnahmen wie die Freilassung inhaftierter Politiker verbunden wären.

Ähnlich äußerte sich der Grünen-Politiker Tom Königs: "Ich möchte keine Jubelbilder der Kanzlerin mit Janukowitsch sehen", sagte Königs der Nachrichtenagentur dpa. "Wenn sie sich beteiligen will, und das will sie ja, dann kann sie sehr viel mehr Fans beglücken, wenn sie hier in Berlin zur Fanmeile kommt." Koenigs kritisierte, Timoschenko werde zu Unrecht "in einem scheußlichen Gesundheitszustand im Gefängnis gehalten".

Es reiche deshalb nicht, wenn Merkel Timoschenko in Haft besuchte. Wenn es Merkel gelänge, Timoschenko mitzubringen, dann solle sie auch zum Spiel gehen, "dann gewinnen wir auch die Europameisterschaft."

anr/dpa/AFP

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euroberliner 26.06.2012
1. Nach den "Sprüchen"...
Zitat von sysopGetty ImagesKanzlerin Merkel drückt der deutschen Nationalelf beim Halbfinale gegen Italien die Daumen - aber ein Erfolg würde sie vor ein Problem stellen. Kann sie wirklich nach Kiew reisen und dort womöglich neben dem ukrainischen Präsidenten Janukowitsch auf der Tribüne sitzen? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,840923,00.html
...die vorher aus Berlin kamen, kann Sie nicht zum Endspiel reisen. Da würde Sie unglaubwürdig erscheinen. Aber Sie bringt doch Unseren Jungs immer Glück, wenn Sie dabei ist. Also Frau Merkel, auf jeden Fall zum Endspiel. Dann klappts auch mit dem Titel. Europameister 2012
moev 26.06.2012
2.
Wieso sollte sie sich solidarisch mit einer Wirtschaftskriminellen zeigen die den meisten Deutschen am Allerwertesten vorbei geht? Diese übtriebene Solidarität mit einer durch und durch korrupten Politikerin wirft eher ein schlechtes Licht auf die solidarischen Politiker. Fürchten die etwa die "Unsitte" korrupte Politiker einzusperren könnte um sich greifen?
Koana 26.06.2012
3. Am Donnerstag Abend
Zitat von sysopGetty ImagesKanzlerin Merkel drückt der deutschen Nationalelf beim Halbfinale gegen Italien die Daumen - aber ein Erfolg würde sie vor ein Problem stellen. Kann sie wirklich nach Kiew reisen und dort womöglich neben dem ukrainischen Präsidenten Janukowitsch auf der Tribüne sitzen? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,840923,00.html
... dürfte sich dieses Problem als obsolet erwiesen haben.
ja_aber 26.06.2012
4.
Zitat von sysopGetty ImagesKanzlerin Merkel drückt der deutschen Nationalelf beim Halbfinale gegen Italien die Daumen - aber ein Erfolg würde sie vor ein Problem stellen. Kann sie wirklich nach Kiew reisen und dort womöglich neben dem ukrainischen Präsidenten Janukowitsch auf der Tribüne sitzen? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,840923,00.html
Ja kann sie. Ich bin weder ein Fan der Kanzlerin noch ihrer Partei. Aber gönnt der Frau auch mal ein wenig Spass und Ablenkung. Der Job, den sie zur Zeit macht/machen muss, ist undankbar und stressig genug.
uezegei 26.06.2012
5.
Zitat von sysopGetty ImagesKanzlerin Merkel drückt der deutschen Nationalelf beim Halbfinale gegen Italien die Daumen - aber ein Erfolg würde sie vor ein Problem stellen. Kann sie wirklich nach Kiew reisen und dort womöglich neben dem ukrainischen Präsidenten Janukowitsch auf der Tribüne sitzen? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,840923,00.html
Überhaupt dort hin zu reisen haut dem Fass den Boden aus. Ob sie nun neben Verbrecher Janukowitsch sitzt, oder ob Milliardärsgattin Timoschenko noch zu Bette ruht, ist letztlich vollkommen egal.
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