G-20-Proteste in Berlin "Kaffee ist eine Waffe"

"Wir zahlen nicht für eure Krise": Unter diesem Motto demonstrierten Zehntausende Menschen in Berlin. Der bunte Zug blieb weitgehend friedlich - nur bei der Abschlusskundgebung kam es zu kleineren Rangeleien mit der Polizei.

Von Malte Göbel


Berlin - Trotzig reckt der kleine Junge sein Plakat in die Höhe. "Verzockt?", steht darauf, "Mein Sparschwein kriegt ihr nicht!" Der Junge ist einer von Zehntausenden, die an diesem Samstag in Berlin auf die Straße gegangen sind. "Wir zahlen nicht für eure Krise" ist das Motto der Demonstration, zu der ein breites Bündnis aufgerufen hat, darunter Gewerkschaften, Attac, Umweltverbände und die Linkspartei. Die Demonstranten fordern auf Flugblättern und Transparenten, dass die Banken für die Krise haften und nicht Arme und Beschäftigte.

"Wir wollen ein deutliches Zeichen für einen Systemwechsel weg von der kapitalistischen Globalisierung hin zu einer solidarischen Gesellschaft setzen", sagt Pedram Shayar, Sprecher der globalisierungskritischen Organisation Attac. Und er hofft, dass die Demonstration nur ein Auftakt für eine "starke soziale politische Mobilisierung von unten" ist. Zeitgleich mit der Demonstration in Berlin fanden auch Proteste in Frankfurt, London, Paris und anderen Städten in Europa statt. "Das ist eine neue Kultur globaler Zivilgesellschaft", sagt Shayar zuversichtlich.

Ab Mittag hatten sich die Demonstrationsteilnehmer auf dem Platz vor dem Roten Rathaus versammelt. Viele kommen von auswärts, allein aus Salzgitter hat die IG Metall zehn Busse organisiert. Bald ist der Platz voll mit Menschen, an Buden gibt es Brezeln, T-Shirts, Aufnäher und Informationsmaterial. Viele linke Splittergruppen sind vertreten, es ist eine Art Jahrmarkt der linken Weltanschauungen. Redner erinnern daran, warum man sich versammelt hat: "Es geht nicht nur um Umverteilung, sondern um eine Gesellschaft, die keine Umverteilung mehr braucht."

"Kaffee ist eine Waffe!"

Regen ist angesagt. Die Fahnen der linken Splittergruppen knattern im auffrischenden Wind, während von der Bühne letzte Anweisungen für die Demonstration gegeben werden. Schuhe mit Stahlkappen sind verboten, ebenso Flaschen und heißer Kaffee: "Kaffee ist eine Waffe!", heißt es von der Bühne. Und das ist kein Spaß: Mit heißem Kaffee könnten Leute verbrüht werden. Kalte Getränke in Plastikflaschen sind erlaubt.

Dann geht es los. Erst jetzt wird klar, wie viele Leute sich hier versammelt haben: Der Demonstrationszug braucht über eine Stunde, um den Platz vor dem Roten Rathaus zu verlassen. Die Polizei spricht hinterher von 15.000 Teilnehmern, die Veranstalter zählen 30.000. Der Demonstrationszug geht Richtung Hackescher Markt. Die Polizei, an diesem Tag mit 1000 Beamten im Einsatz, zeigt Präsenz: Mannschaftswagen blockieren die Karl-Liebknecht-Straße, die Hundestaffel bewacht mit bellenden Schäferhunden die Tram-Haltestelle.

"Abwrackprämie für Arbeitsplätze"

Die Demonstration ist bunt: Gewerkschafts- und Parteienblöcke, ein Montagsdemo-Block, ein Naturschutzblock und ein Hedonistenblock, der zu lauter Elektro-Musik am Ende der Demonstration läuft.

Einige Demonstranten sind als Clowns verkleidet, Ver.di trägt den Kapitalismus zu Grabe. Zwei Pinguine fordern auf Schildern Asyl als Klimaflüchtlinge, ein Teilnehmer will die "Abwrackprämie für Arbeitsplätze". Greenpeace gibt zu bedenken: "Wäre die Welt eine Bank, hättet ihr sie schon längst gerettet". Antifa-Gruppen wollen den "Staat abschieben", auf einem Wagen steht groß "Kein Kommunismus" - die Fortsetzung des Slogans "…ist auch keine Lösung" ist so tief angebracht, dass man sie erst auf den zweiten Blick sieht. Vier Samba-Bands sorgen für Stimmung.

Was alle Teilnehmer der Demonstration aber verbindet, ist die Kritik an der Rolle des Staates in der Krise. "Die Bevölkerung sollte nicht für die Schulden der Banken zahlen", sagt Stefanie Graf vom Studierendenverband SDS/Die Linke. Eine andere Rednerin fordert, die "Krise zu einer Chance für eine bessere Welt" zu machen.

Am Ende Rangeleien mit der Polizei

Als der Demonstrationszug wieder den Platz vor dem Roten Rathaus erreicht, wo die Abschlusskundgebung stattfinden soll, kommt es noch zu ein paar Rangeleien von Demonstrationsteilnehmern mit der Polizei. "Der Autonome Block wollte den Platz verlassen. Das haben wir verhindert", sagt ein Polizeisprecher SPIEGEL ONLINE. Die Polizei sei überrascht worden, weil die Demonstration ansonsten so friedlich verlaufen sei. Es kommt nach Polizeiangaben zu etwa 30 Festnahmen.

Attac-Sprecher Pedram Shayar spricht hinterher von "punktuellen Provokationen der Polizei", auf die sich die Demonstranten aus seiner Sicht aber nicht eingelassen hätten. Tatsächlich bleibt aus Beobachtersicht unklar, warum mehrere Dutzend Polizisten in Kampfmontur mitten in der Abschlusskundgebung stehen müssen. Erst als sich die Beamten zurückziehen, verpufft die gereizte Stimmung. Und es beginnt zu tröpfeln.



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