G-8-Protest Tausende Demonstranten nächtigen in Zaunnähe

G-8-Kritiker und Polizei haben sich auf eine lange Nacht eingestellt: Mehrere Zufahrten nach Heiligendamm waren am späten Abend immer noch blockiert. Allein am Kontrollpunkt Rennbahn harren rund 1000 Demonstranten aus. Die Blockierer wollen bis Freitag durchhalten.


Heiligendamm - Die Polizei berichtete von 500 Teilnehmern einer Sitzblockade bei Hinter Bollhagen, einer Blockade bei Rethwisch mit 1.200 Teilnehmern und einer Blockade nahe der Kontrollstelle Rennbahn mit nach Veranstalterangaben 1.000 Personen. Die Lage sei friedlich, erklärte eine Sprecherin der Sondereinheit Kavala. Zuvor hatte es seitens der Polizei geheißen, in der Gruppe befänden sich Autonome, die mit Molotow-Cocktails und Steinen bewaffnet wären.

Durchhalten ist angesagt: Paar am Lagerfeuer an der Straße zwischen Bad Doberan und Heiligendamm.
DPA

Durchhalten ist angesagt: Paar am Lagerfeuer an der Straße zwischen Bad Doberan und Heiligendamm.

Am Abend war an diesem Kontrollpunkt eine Person von mehr als einem Dutzend vermummter Demonstranten angegriffen worden. Möglicherweise handelte es sich um einen Polizisten, der in der Autonomen-Kleidung unter den Blockierern war. Der Mann wurde von Kräften des anwaltlichen Notdienstes der Demonstranten aus der Notlage befreit und zur Linie der Polizisten gebracht, die ihn in ihre Reihen zogen. Wie ein Sprecher des Notdienstes bestätigte, hatten mehrere Demonstranten den Mann als Polizisten erkannt.

Nahe des Ortes Hinter Bollhagen hatten die Beamten am Abend eine Blockade von mehreren hundert Menschen mit Hilfe von Wasserwerfern geräumt. Friedliche Demonstranten wurden aufgefordert, sich klar von Gewalttätern zu distanzieren. Auch berittene Polizei war vor Ort. Nach eigenen Angaben hat die Polizei noch eine weitere Blockade aufgelöst. Insgesamt seien 141 Personen festgenommen, 24 weitere vorbeugend in Gewahrsam genommen worden.

Die Blockade einer kleinen Straße in Börgerende dagegen bleibt wohl ebenfalls über Nacht bestehen. Ein Sprecher der Polizei kündigte an, man werde nicht räumen, sondern die Nacht über ausharren - genauso wie die Demonstranten.

Polizeiführer Knut Abramowski sagte, die Polizei werde insgesamt "mit niedriger Eingreifschwelle Straftaten unterbinden und der Lage angepasst einschreiten". Nach den schweren Krawallen von Samstag war es Veranstaltern und Polizei bei verschiedenen Demonstrationen immer wieder gelungen, mit Appellen dieser Art Gewaltszenen zu verhindern.

Am Abend gab es zudem einen erneuten Angriff auf den Sicherheitszaun. Hunderte Demonstranten stürmten auf den Zaun zu und rissen auf rund 200 Metern Maschendraht ab. Ein Vermummter versuchte, die 2,50 Meter hohe Sperre zu erklettern. Dutzende Vermummte riefen "Der Zaun muss weg!"

Unterdessen wurde bekannt, dass die Polizei zwei weitere Hundertschaften zur Verstärkung beordert hat. Es kämen Einheiten aus Bremen und Schleswig-Holstein, die besonders mit Deeskalationsstrategien erfahren seien, erfuhr die Deutsche Presse- Agentur aus Polizeikreisen. Die Einsatzleitung "Kavala" dementierte allerdings Berichte, sie habe Verstärkung aus dem gesamten Bundesgebiet angefordert. Die genannte vierstellige Zahl zusätzlicher Polizisten könne logistisch gar nicht bewältigt werden, hieß es. "Für so viele hätten wir gar keine Unterkünfte mehr.

Die Demonstranten sind fest entschlossen weiterzumachen. "Solange der Gipfel läuft, wird hier blockiert", kündigte der Koordinator des globalisierungskritischen Netzwerks Attac, Sven Giegold, an. "Wir haben schon jetzt ein Zeichen gesetzt gegen den G-8-Gipfel, der dort hinter dem Stacheldraht beginnt", hieß es in einer Erklärung. Die Blockaden mit mehreren tausend Teilnehmern seien ein "Erfolg". Die Demonstranten hätten gezeigt, "dass 10.000 Menschen entschlossen, aber ohne jede Gewaltanwendung an der Polizei vorbeikommen und ein Blockadeziel erreichen können".

Überraschungsangriff am Mittag

Mit einem Coup hatten die Blockierer um die Mittagszeit das Großaufgebot der Polizei in der Gegend um Heiligendamm düpiert. Unmittelbar vor dem Eintreffen der Staats- und Regierungschefs überschritten Tausende Demonstranten Sicherheitslinien und versammelten sich am zwölf Kilometer langen Schutzzaun rund um den Konferenzort. Polizisten gingen schließlich mit Schlagstöcken gegen Demonstranten vor. Wasserwerfer hielten die Menge, aus der Steine flogen, auf Distanz. Hubschrauber flogen Verstärkung ein. Über Verletzte auf beiden Seiten gibt es noch keine exakten Angaben.

Am Sicherheitszaun standen sich den Nachmittag über noch immer mehrere Hundertschaften Polizei und Tausende Demonstranten gegenüber. Die Beamten drängten die Protestgruppe etwa 50 Meter zurück. Die G-8-Gegner waren bis auf 20 Meter an den Zaun vorgedrungen. Die Polizei markierte den eingeforderten Abstand mit einem Absperrband, das auch akzeptiert wurde.

Von einer Blamage wollte die Polizei nichts wissen. "Die Polizei ist nicht überrascht worden. Sie ist mit starken Kräften im Einsatz", sagte ein Sprecher der Sondereinheit Kavala.

Es gelang den G-8-Gegnern auch, mehrere Zufahrten zum Tagungshotel zu blockieren. Augenzeugen berichteten, dass die Demonstranten flexibel die Aufmarschorte der Polizei umgingen. Nach dem Einsatz der Wasserwerfer zogen sie über Wiesen weiter, um nahe der Ostsee eine Straße Richtung Heiligendamm zu blockieren.

Globalisierungskritiker besetzten nach Polizeiangaben auch die Autobahn 19 bei Rostock-Laage. Auf der Strecke sollten die Delegationen der G-8-Länder in Richtung Heiligendamm fahren. Ebenso brachten sie den Verkehr auf der Bundesstraße 105 bei Sievershagen zwischen Rostock und Bad Doberan zum Stehen. Eine weitere Blockade bestand zwischen Reddelich und Bad Doberan, hieß es.

Nach den Angaben gelang es weiteren 300 Demonstranten zum Zaun am westlichen Kontrollpunkt Vorder Bollhagen durchzukommen. Die Einsatzkräfte mussten auch südlich von Heiligendamm an der Bundesstraße 105 mit Wasserwerfern und Tränengas eine Blockade auflösen.

Die seit mehreren Tagen trainierte Aktion verlief nach dem sogenannten Fünf-Finger-System. Die G-8-Gegner teilten sich also in fünf Gruppen auf, die sich getrennt auf den Weg machten - zunächst auf der Bundesstraße 105 nach Bad Doberan, aber auch durch Wälder und Rapsfelder, um eine Polizeisperre zu umgehen.

Pech hatten auch die Journalisten, die über den Mammutgipfel berichten wollen. Denn die Gipfelgegner blockierten auch die für den Transport der Presse vorgesehene Bahnverbindung zwischen Kühlungsborn und Heiligendamm, den Dampfzug "Molli", der normalerweise Touristen von Bad Doberan an die nahe Ostsee bringt.

Die Medienvertreter mussten deshalb aufs Meer ausweichen: Sie wurden ersatzweise mit Booten der Bundeswehr und Barkassen in das Tagungshotel gebracht, sagte eine Sprecherin der Bundesregierung. Vor Antritt der nur wenige hundert Meter langen Seereise mussten die Journalisten wegen der "Gefährlichkeit des Transportmittels" eine Haftungsausschlusserklärung unterschreiben.

asc/AP/Reuters/AFP/dpa

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