G-8-Proteste Polizei greift durch - Autonome ausgebremst

Hart durchgreifen, auf keinen Fall neue Krawalle: Das ist seit heute die Maxime der Polizei in Rostock. Eine Demo wurde vorzeitig beendet. Die Protest-Organisatoren distanzieren sich inzwischen klar vom "schwarzen Block", doch die Basis folgt dem nicht ganz - die Lage ist gespannt.

Von und , Rostock


Ein paar Steine flogen wieder. Aber nur ein paar. Am frühen Abend berichtete die Polizei von neuen Zwischenfällen bei einer Demonstration für mehr Ausländerrechte, von blockierten Schienen, von Teilnehmern, die sich immer wieder vermummten - aber diesmal kam es nicht zur Eskalation.

Die Polizei stoppte die Demonstration mehrmals, weil Auflagen nicht eingehalten worden seien. Die Veranstalter forderten die Teilnehmer dann immer wieder auf, Ruhe zu bewahren und sich nicht zu vermummen. In der Folge entkleideten sich aus Protest 20 bis 30 Demonstranten bis auf die Unterwäsche. Mittendrin dirigierte die Polizei dann die Protestroute vom Stadtzentrum ans Warnow-Ufer um, weil die Demonstration nur für 2000 Teilnehmer genehmigt gewesen sei. Tatsächlich waren es 10.000 nach Polizeiangaben und 15.000 laut den Organisatoren - die Polizei vermutete unter ihnen 2000 potentielle Gewalttäter.

Halbnackte Demonstranten, Polizist: Entkleidung aus Protest
DPA

Halbnackte Demonstranten, Polizist: Entkleidung aus Protest

Die Organisatoren lösten die Kundgebung nach der Änderung der Route auf, um gegen die Entscheidung zu protestieren. 21 Menschen wurden insgesamt bei der Kundgebung festgenommen, 28 kamen in Gewahrsam. Nach dem Protest-Ende blieb es weitgehend friedlich. Tausende Menschen feierten am Stadthafen, hörten Bands und tanzten - doch auch dort wurden noch mal 17 Menschen festgenommen.

Die Stimmung war bei der Demonstration sehr angespannt: Tausende Globalisierungskritiker und Sicherheitsbeamte standen sich stundenlang gegenüber, über ihnen kreisten ohne Unterlass Hubschrauber. Mehrere Hundertschaften mit Kampfanzügen und Schutzhelmen begleiteten die Demonstranten in beiderseitiger Dreierreihe, mehrere Dutzend Polizeibusse folgten. Die Teilnehmer wurden auf diese Weise eingekreist. Insgesamt acht Wasserwerfer und Räumfahrzeuge fuhren mit. In der ganzen Rostocker Innenstadt waren überall Polizisten postiert, die Passanten kontrollierten.

Die Polizei wollte diesmal jede Eskalation im Keim ersticken - und fuhr eine härtere Strategie als am vergangenen Samstag, an dem es bei schweren Krawallen fast 1000 Verletzte gab.

Schon am Vormittag hatte sich bei einer anderen Kundgebung gezeigt, dass die Sicherheitskräfte entschlossener auftreten. Bei einer Demonstration mit vereinzelten Rangeleien und Ausschreitungen (siehe Fotostrecke) vor der Rostocker Ausländerbehörde sicherten Mitglieder des bayerischen Unterstützungskommandos (USK) das Gebäude ab, eine Spezialeinheit mit dunklen Uniformen und schwarzen Helmen. Die Polizisten sahen martialisch aus - wenngleich nicht weniger als die Autonomen, die schon am Morgen vor der Ausländerbehörde aufliefen.

Nachmittags in Lichtenhagen sprühten mehrere Polizisten auf der Fußgängerbrücke zur nahen S-Bahn-Station plötzlich Pfefferspray auf Demonstranten, die nicht schnell genug aus dem Weg gingen. Dann verschwanden die Beamten in der S-Bahn.

Wie viele Autonome sich heute exakt unter die friedlichen Demonstranten gemischt haben, ist unklar - wenige waren es jedenfalls nicht. Sie trugen schwarze Kapuzensweatshirts, schwarze Sonnenbrillen, bei einigen lugten Handschuhe aus den Taschen. Damit lassen sich Pflastersteine besser greifen als mit der bloßen Hand.

Die Randalierer stellen das breite Demonstrationsbündnis vor große Probleme. "Ich habe keinen Kontakt zu ihnen, sie waren bei der Protestvorbereitung nicht dabei", sagte Monty Schädel, Koordinator der Rostocker Demonstration vom Samstag, zu SPIEGEL ONLINE. Schädel will alles dafür tun, dass sie sich nicht in friedliche Demonstrationszüge mischen. "Die Randalierer machen mir Sorge", sagt Schädel.

Peter Wahl, Sprecher der globalisierungskritischen Organisation Attac, wiederholt seine Kritik an den Gewalttätern und fordert eine eindeutige Distanzierung der friedlichen Demonstranten. Dies hätte schon vor der Demonstration am Samstag viel klarer formuliert gehört, sagte Wahl im NDR. "Ich denke, dass es jetzt zwingend notwendig ist, dies heute und für die nächsten Tage noch einmal sehr deutlich zu tun."

Andere im Bündnis wollen so weit nicht gehen - die Diskussionen über den Umgang mit der autonomen Szene scheinen auch der Leitung zuzusetzen. Es gebe heftige Auseinandersetzungen, insbesondere zwischen Vertretern von Attac. Das globalisierungskritische Netzwerk ist immerhin so etwas wie das Gerüst des Protests. Es gehe auch um persönliche Rivalitäten, ist zu hören.

Christoph Kleine, Sprecher der linksradikalen "Interventionistischen Linken", kündigte heute bei einer Pressekonferenz an, darüber zu sprechen, wie eine Eskalation "in Zukunft zu verhindern" sei. Allerdings könne niemand versprechen, "dass nicht wieder etwas passiert".

Die kritische Haltung der Demonstrationsorganisatoren ist die eine Sache - die Stimmung an der Basis des Protests eine andere. Zwar wird auf den Camps der G-8-Gegner heftig über die Eskalation am vergangenen Samstag diskutiert. Viele wollen aber offenbar keinen Keil in die Protestbewegung treiben lassen. Man müsse zusammenstehen, hört man von vielen Demonstranten. Die Worte "Autonome" oder "schwarzer Block" sollte man als Journalist bei Besuchen der Camps nicht in den Mund nehmen: "Verpiss dich, sonst gibt es was auf die Fresse", sagt ein Camp-Bewohner am Eingang.

Auch in der Linkspartei, die die G-8-Proteste unterstützt, gibt es Sorge über die Randalierer. "Es gibt einen Teil unter den Autonomen, die wir nicht erreichen", sagt Katja Kipping, Bundestagsabgeordnete und Vize-Vorsitzende der Linkspartei. Sie hatte selbst an der Demo am Samstag teilgenommen und zu vermitteln versucht, als Steine und Flaschen flogen. Der Bundestagsausweis habe geholfen, "und dass ich eine Frau bin". Die streng organisierte Polizei sei am Samstag "ja auch ziemlich unkoordiniert gewesen", sagt sie.

Das hat sich heute geändert.

Mitarbeit: Ingo Arzt, mit Material von dpa/ddp/AP/Reuters

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.